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Nachrichten Kultur Der Trend geht zur Einjahresgeschichtschreibung
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00:15 04.01.2013
2012 ist Geschichte – vielleicht wegen der Datenbrille, die Google-Mitbegründer Sergey Brim vorgestellt hat. Quelle: dpa
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Hannover

Im Jahr 1922 veröffentlicht James Joyce seinen in 18 Episoden unterteilten und rund 265.000 Worte enthaltenden Roman „Ulysses“. Im selben Jahr wird Benito Mussolini in Italien Ministerpräsident. Und Charly Chaplin feiert Triumphe. 1910 fühlt die europäische Künstlerschaft eine innere Leere, die Expressionisten erscheinen auf der kulturellen Bühne, und Rainer Maria Rilke schreibt den „Malte Laurids Brigge“. Wie relevant war das?

Seit etwa zwei Dekaden ist in der Geschichtsschreibung eine neue Tendenz zu beobachten: Anstatt entscheidende Momente oder bedeutende Epochen und Personen herauszugreifen, werden einzelne Jahre herausgepickt und charakterisiert. Und zwar nicht mal geschichtsmächtige Großjahre wie 1789, 1848, 1914, 1945, 1968 oder 1989, sondern Jahre ohne besonderen Klang - Zeiten, in denen Geschichte zu pausieren schien, es aber untergründig schwelte.

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Der Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht knöpfte sich vor zehn Jahren in einer Publikation das Jahr 1926 vor. Gumbrechts Buch „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“ ist als interdisziplinäre, komparative Geschichtsstudie angelegt. Bars, Boxer, Kinopaläste, Hungerkünstler, Aeroplane, Haargel, Filmstars der Roaring Twenties und den sprichwörtlichen „Tanz auf dem Vulkan“ denkt der deutsch-amerikanische Literaturhistoriker zusammen.

Adam Zamoyskis „1812: Napoleons Feldzug in Russland“ ist ebenfalls ein Beispiel für ein synchronistisch erzähltes Einjahresbuch. Dem Jahr 1922 sind gleich zwei Werke gewidmet: Michael Norths „1922: A Return to the Scene of the Modern“ und Marc Manganaros „Culture, 1922: The Emerge of a Concept“.

In die Tradition der One-Year-Studies stellt sich der Autor und Zeitdiagnostiker Florian Illies („Generation Golf“) mit seiner populärwissenschaftlichen Einjahrescharakterisierung „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“. 1913 wird Ecstasy patentiert, Prada macht in Mailand die erste Boutique auf, und die Europäer denken, die internationale Hochfinanz sei aufgrund der globalen Wirtschaftsvernetzung nicht an einem Krieg interessiert. Illies entwirft eine flirrende Collage unterschiedlicher Vorkommnisse im Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dem Autor geht es nach eigenen Worten um die „Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem“ und das Herausdestillieren „des Aromas der Zeit“.

Derartige historische Probebohrungen, die von den Möglichkeiten digitaler Durchforstung von Texten profitieren, haben eines gemeinsam: Sie sind bewusst als „Counter-History“ angelegt, als Gegenmodell zu herrschender Siegergeschichtsschreibung und Historiografie entlang großer Ereignisse und mächtiger Persönlichkeiten. Sie zeigen vielmehr das Zusammenspiel von Alltagsgeschichte, Hochkultur und Massenkultur, Politik und Wirtschaft, Picasso und Prada.

Statt Periodisierungen bieten die Einjahresgeschichtsbücher Gleichzeitigkeit, statt Events „Non Events“. Bisher Unbeachtetem Beachtung zu schenken wird vielfach als (Walter) Benjaminsche Geste angesehen. In der Kunst und Kultur der vergangenen Dekaden ließ sich geradezu eine Obsession für Randständiges und Außenseiter beobachten. Die Geschichtsschreibung holt das nun nach. Die Intention ist klar: Geschichte von Überblendungen, Triumphalismus und Heroisierung zu befreien. Und doch ist die Methode selbst nicht ganz frei von Machtgestik: Der Einjahresgeschichtsschreiber suggeriert, wie ein Magier sogar langweilige Loserjahre mit Bedeutung aufladen zu können.

Auf (moralische) Wertung und umfassende Narrative verzichten die meisten Einjahresgeschichtsschreiber. Vielmehr legen sie die pure Gleichzeitigkeit der Ereignisse offen. Alternative Erzählungen werden sichtbar, vielfältige Pfade. Im Spiegel der „Counter-History“ erscheint manch vermeintlich geschichtsentscheidendes Ereignis als historische Konstruktion.

Nachdem es sich dem Ende zuneigt, lässt sich sagen, dass auch das Jahr 2012 Stoff für eine derartige Geschichtsschreibung des Unspektakulären bieten dürfte. Trotz chronischer Krisen und hektischer Währungsrettungsversuche war 2012 ein unaufgeregtes Jahr, jedenfalls in unseren Breiten. Der Berliner Autor Rainald Götz legte einen Roman über einen seelisch korrupten Manager vor („Holtrop“) vor, der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk versuchte sich als Opernlibrettist („Babylon“), und James Bond rettete auch in der 23. Folge die Welt. Und der angeblich im Maya-Kalender geweissagte Weltuntergang blieb aus.

Und was bringt 2013?

Johanna Di Blasi

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