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06:15 26.07.2012
Von Rainer Wagner
Freund der Körperkunst: der russiche Bassbariton Evgeny Nikitin. Quelle: dpa
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Hannover

So könnte eine Kurzfassung der Geschichte lauten: Ein Opernstar mit vermeintlicher Nazi-Vergangenheit wird entlarvt und reist ab, ehe Schlimmeres geschieht. Gerade noch mal gut gegangen? In Bayreuth haben die Richard-Wagner-Festspiele vier Tage vor der diesjährigen Festspieleröffnung in einer hektischen Aktion einen dunklen Fleck von ihrer weißen Weste geputzt. Aber wie so oft sieht man auch hier, dass solche Reinemachetaten fadenscheinige Stellen hinterlassen können.

Was ist geschehen? In diesem Festspielsommer sollte erstmals ein Russe eine Wagner-Hauptrolle in Bayreuth singen: Evgeny Nikitin als „Fliegender Holländer“. Am späten Freitagabend zeigte das ZDF-Kulturmagazin „aspekte“ ein Porträt des Sängers, der in Murmansk geboren und in St. Petersburg ausgebildet wurde – und der in seiner Jugend Schlagzeuger einer russischen Heavy-Metal-Band war. Man lernte den Bassbariton, der im nächsten Jahr 40 Jahre alt wird, als aufgeschlossenen Musiker kennen und sah ältere Videoaufnahmen, die den Rocker Nikitin als Freund flächendeckender Tätowierungen entblößten. Wer genau hinsah, konnte rechts oben auf seiner Brust ein Tattoo erkennen, in dem man ein Hakenkreuz entdecken konnte; nicht freigestellt, sondern von anderen Symbolen überlagert.

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Das weckte die Neugierde von Boulevardjournalisten, die das alles auch schon Im Internet bei „Youtube“ hätten sehen können, wenn sie sich für Opern und für russische Videos interessierten. Und das wiederum alarmierte die Bayreuther Festspielleitung. Es kam am Sonnabend zur Krisensitzung. Dass das inkriminierte Tattoo längst von einem flächendeckenden Achteck mit einer Art Wappen überdeckt ist, rettete nichts mehr. Festspielpressesprecher Peter Emmerich meinte: „Dazu muss man Haltung beziehen. Da kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“

Sänger Nikitin wiederum beteuerte, ihm wäre es nie um irgendeine politische Bedeutung gegangen, er habe die Motive aus Büchern über nordische Mythen ausgewählt - und sich wohl einfach umgesehen, was in Teilen der Heavy-Metal-Szene populär ist. Nikitin hatte sich diese Tätowierung im Alter zwischen 16 und 18 Jahren stechen lassen, hält das mittlerweile für einen großen Fehler in seinem Leben und wünschte, er hätte es „niemals getan“. Er betonte: „Mir war die Tragweite dieser Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspiele auslösen“, sagte der Russe – und reiste ab.

Festspielleitung greift zur Zweitbesetzung

Schnell hatte die Festspielleitung einen Ersatz: Samuel Youn, der das Backup, also die Zweitbesetzung, für Nikitin gewesen wäre, sprang bereits bei der „Holländer“-Generalprobe am Sonnabend ein. Man könnte also zur Tagesordnung übergehen, wenn da nicht ein paar Fragen wären. Nicht nur die, warum sich in den siebziger Jahren niemand daran gestört hat, dass der deutschtümelnde Bassbaritonist Karl Ridderbusch öffentlich mit seiner Sammelleidenschaft für NS-Devotionalien kokettierte und dennoch in Bayreuth wohlgelitten war, bis er über die „undeutsche“ Chereau-Inszenierung des „Rings“ meckerte - und seine Stimme hörbar nachließ.

Hat man diesmal in Bayreuth überreagiert? Und wenn ja, warum liegen da bestimmte Nerven bloß? Anderswo hätten die Jugendsünden eines Heavy-Metal-Fans niemanden gekümmert, solange der in der Opernkantine nicht „Die Fahnen hoch“ anstimmt. Aber Bayreuth ist Bayreuth. Und der Grüne Hügel war eben auch für ein Tausendjähriges Reich, das dann gottlob nur zwölf Jahre dauerte, ein brauner Hügel.

Dass die Nazifizierung der Festspiele nicht erst 1933 begann, ist seit gestern in Bayreuth in einer Ausstellung nachzuvollziehen: Im Neuen Rathaus von Bayreuth und auf Schautafeln im Garten unterhalb des Festspielhauses berichtet der Historiker Hannes Heer über „Die Bayreuther Festspiele und die ‚Juden‘ 1876 bis 1945“. Über „Verstummte Stimmen“ (so der Haupttitel dieser Aufklärungsaktion) haben Heer und seine Mitarbeiter schon in anderen Städten informiert, immer angepasst an die jeweilige örtliche Musikgeschichte.

Zwiespältiger Umgang mit dem Antisemitismus

In Bayreuth sah die so aus, das Richard Wagners Witwe Cosima nach dem Tod des Meisters einen stramm antijüdischen Kurs verfolgte. Sohn Siegfried war flexibler und ließ den jüdischen Bariton Friedrich Schorr zwischen 1925 und 1931 den Wotan, den Hans Sachs und den Fliegenden Holländer singen – auch um den Vorwurf zu entkräften, Bayreuth sei zur deutschnationalen Weihestätte geworden. Als deutschtümelnde Zuschauer 1925 nach den „Meistersingern“ die Nationalhymne anstimmen wollten, ließ Festspielleiter Siegfried das Licht im Zuschauerraum abdrehen. Gattin Winifred aber war eine bekennende Hitler-Anhängerin bis an ihr Lebensende.

Wie genau ihr Verhältnis zum „Führer“ war (und nicht nur um die Frage, ob es bei gegenseitiger platonischer Verehrung blieb), wäre noch zu klären. Gerade erst hatte der Hamburger Historiker Hannes Heer gefordert, dass die Akten zur Familiengeschichte des Hauses Wagner der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Damit hatte er ausdrücklich nicht die beiden amtierenden Bayreuther Chefinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier gemeint.

Immerhin hatte sich Katharina Wagner, die neue Leiterin der Bayreuther Festspiele, 2008 für eine konsequente Aufarbeitung von Bayreuths nationalsozialistischer Vergangenheit ausgesprochen. Ausdrücklich erwähnte sie die bis heute nicht aufgefundenen Hitler-Briefe. Aber weil die Privatarchive der nach wie vor zerstrittenen Wagner-Familie verstreut und meist verschlossen sind, bleibt Aufklärungsbedarf.

Buch entschärft Richard Wagner

Den sieht auch der Bariton und Wagner-Held Bernd Weikl. Wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag legt er im Leipziger Universitätsverlag „eine historische Rekonstruktion“ unter dem „Freispruch für Richard Wagner?“ vor. Am Montag erscheint das Buch, am Donnerstag wird er es am Tatort Bayreuth präsentieren. Bayreuth-Kenner Hans-Peter Lehmann hat der HAZ-Redaktion Weikls Vortrag zur Buchvorstellung vorab übermittelt. Demnach will Weikl Richard Wagners unbestrittenen Antisemitismus in den zeitlichen Kontext stellen und dadurch entschärfen.

Doch ohne Wagners bösartiges Pamphlet „Das Judentum in der Musik“, das der Komponist 1850 unter dem Pseudonym K. Freigedank veröffentlichte und 1869 stark erweitert unter eigenem Namen neu herausgab (von Jugendsünde keine Rede), hätten die antijüdischen Wagnerianer kaum Munition gehabt. Bernd Weikl setzt dem Richard Wagners Enkelin Friedelind Wagner entgegen, die sich in ihrem kritischen Buch „Nacht über Bayreuth“ dagegen wehrte, dass ihr „Großvater im Geist ein Nazi gewesen sei und dass sein Werk die Nazi-Ideologie verherrliche“.

Ehefrau Cosima und Schwiegertochter Winifred (beide pikanterweise nicht „deutschrassig“) aber haben dafür gesorgt, dass sich unter den Wagnerianern der Antisemitismus breitmachen konnte und über Bayreuth das Hakenkreuz wehte. Im Vergleich dazu ist ein verblasstes, überdecktes Hakenkreuz-Tattoo auf der Haut eines jugendverirrten Sängers vielleicht doch nicht ganz so skandalträchtig. Die Historie der „Judenfrage“ ist die schwärende Wunde Bayreuths, der Wagnerianer und des Hauses Wagner. Und solange diese Wunde niemand heilt, liegen die Nerven wohl weiterhin bloß.

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