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Kultur Der alte Spielzeugladentraum
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08:16 11.04.2013
Von Uwe Janssen
Liebeserklärung an die Schallplatte, lange vor CDs, iTunes & Co. Der Film „High Fidelity“ mit dem Vinyljunkie Rob Gordon (John Cusack) in der Hauptrolle. Quelle: Archiv
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Hannover

Plattenladenbesitzer Rob kniet über einer Sammlung Singles, einer einzigartigen, fantastischen Sammlung Singles mit lauter Raritäten – „God Save the Queen“ von den Sex Pistols, „Only the Lonely“ von Roy Orbison, Otis Redding, die alten Blueser – er ist hingerissen. Die Frau, die den Schatz ihres fremdgehenden Mannes verkaufen will, verlangt gerade einmal 50 Pfund für die gesamte Sammlung. Rob will 1500 geben. Weniger, sagt er, könne er keinem Sammler antun.

Die Szene aus Nick HornbysHigh Fidelity“ ist eine Liebeserklärung an die Schallplatte und das Sammeln, das ganze Buch und seine Verfilmung sind es eigentlich. 1995 erschien Hornbys Roman, damals gab es CDs, und man ehrte die Vorgängergeneration, die gute alte Schallplatte und die Musikkassette. Heute gibt es Streaming-Dienste. Was sollte ein Film heute ehren? Die Vorgängergeneration, also: das gute alte iTunes? Den Amazon Cloud Player?

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Immerhin geht es da noch um erworbene, heruntergeladene Musik, die in Form einer echten Datei, der Krone der Haptik in der digitalisierten Musikwelt, an den Käufer übergeht. Und es geht bei iTunes & Co um noch etwas Entscheidenderes: Entscheidung. Stöbern, anhören, abwägen, wählen, zahlen – meins! Das ist bei iTunes nicht anders als beim Plattenladen. Nur, dass man online auf das unvergleichliche und durchaus inspirierende Geruchsgemisch aus Plattenhüllen und seit Vinylzeiten im Teppich konserviertem kalten Zigarettenrauch verzichten muss.

Natürlich gibt es im Netz mehr Angebote als es im Laden gab, gibt und geben wird. Natürlich spielt der Preis eine Rolle. Natürlich wollen Kids, die einige ihrer zehn Finger ausschließlich zur Bedienung von Smartphones zu benutzen scheinen, keine runden Dinger mehr in irgendwelche immobilen Geräte stecken und am besten noch davorsitzen und tatenlos zuhören. Und was soll ein Booklet, wenn ich den Songtext beim Hören auch googeln kann? Aber es ist immer noch Grundlage einer Entscheidung, die unter anderem von der persönlichen Wirtschaftskraft abhängt.

Bei den Streaming-Diensten ist das anders. Streaming-Dienste sind Musikflatrates, das „All you can hear“-Angebot im Netz. Wer wie bereits 4,5 Millionen Deutsche spotify, simfy, rdio, xbox Music, Deezer, Music Unlimited, Wimp oder das mittlerweile legale Napster abonniert haben– für etwa fünf Euro im Monat auf dem Rechner, für zehn zusätzlich auf Mobilgeräten – hat von einem Moment auf den anderen alles. Jeder Dienst bietet in meist ordentlicher Qualität Millionen Titel aller Musikrichtungen, von der Grammofonzeit bis zu Neuerscheinungen. Sollte man nicht gerade ein Freund des chilenischen Maultrommelfolks der siebziger Jahre sein, wird einem nicht viel fehlen.

Es ist das Schlaraffenland, es ist der Kindheitstraum, nachts allein im Spielzeuggeschäft eingeschlossen zu sein. Nur dass man hier selbst den Schlüssel hat. Wer beispielsweise von jetzt an bei spotify auf „Play“ drückt, kann bei einer durchschnittlichen Songdauer von drei Minuten knapp 114 Jahre Musik hören, ohne sich zu wiederholen – für 120 Euro im Jahr, Stand heute. Es gehört einem zwar nicht, wenn man das Abo kündigt, bleibt nichts.

Aber ist das nicht egal, wenn man sich sofort wieder Zugriff verschaffen kann und dann in einer immer durchdigitalisierteren Welt immer und überall alles hören kann?

Andererseits: War es nicht schon im Spielzeugladentraum so, dass man sich am Ende doch ärgerte, nicht mit allem spielen zu können? Und dass einem so recht nichts ans Herz wuchs, weil man zu fremden Sachen einfach keinen rechten Bezug entwickelte wie zu dem alten Teddy mit dem beträchtlichen Haarausfall? Nennen wir den Teddy „Dark Side of the Moon“, „Bochum“  oder „Nevermind“ – dann stimmt es wieder. Die Grenzenlosigkeit verursacht zwar keine Maßlosigkeit, wer viel Musik hörte, wird als Streaming-Abonnent auch weiter viel Musik hören.

Aber sie verursacht Ratlosigkeit. Wo soll man anfangen mit den 114 Jahren Musik? Nostalgierausch? Das Neueste vom Neuesten? Das Album, das man nie gekauft hat, weil nur drei von 12 Titeln taugten? Das Album, das Jens-Uwe einem nie zurückgegeben hat, weil sich die Sache nach der Schulzeit auch verlaufen hatte? Probiert man einfach was aus? Lässt man sich treiben durch die „Ähnlich“-Funktionen der Anbieter und entdeckt in zwei Stunden mehr Bands als vorher in zwei Monaten? Werden gestreamte Titel je mit Erinnerung behaftet sein? Werden 15-Jährige sich dereinst erinnern, welchen Song sie zu ihrem ersten analogen Kuss gestreamt haben? Oder werden sie sich nur an die plötzliche Stille erinnern, weil im entscheidenden Moment das Fleisch willig war, aber das Netz schwach?

Der Trend ist nicht zu bremsen. Nach langwierigen Verhandlungen um die Rechteverwertung und anfänglicher Skepsis der Kundschaft boomen nun die Flatrates. Um knapp 40 Prozent stieg der weltweite Umsatz mit Streaming-Abos 2012, auch wenn der Erlös mit 36 Millionen Euro noch immer weit hinter den Online-Käufen mit knapp 300 Millionen Euro liegt. Und die CD? 7,2 Prozent Umsatzrückgang, Tendenz: sterbend. Spätestens wenn die digitalen Platzhirsche Google, Apple und Amazon (wohl noch in diesem Jahr) die Streaming-Bühne betreten und damit auch ihre eigenen Märkte kannibalisieren, wird sich auch die CD ihren Platz im Musikmuseum suchen können. Vielleicht macht ja irgendwann auch jemand einen Film über sie.

Martina Sulner 10.04.2013
09.04.2013