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Kultur „Der fliegende Holländer" begeistert in Hildesheim
Nachrichten Kultur „Der fliegende Holländer" begeistert in Hildesheim
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00:15 04.04.2013
Foto: Präsent: Sébastien Soulès als Holländer.
Präsent: Sébastien Soulès als Holländer. Quelle: Hartmann
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Hildesheim

Nach der druckvoll gespielten Ouvertüre machte sich erst einmal Ernüchterung breit: Auf der Bühne verschiebbare, halbrunde ansteigende Podeste. Ganz vorn eher ein Minidachgarten als eine Schiffskommandobrücke. Wacker halten sich dahinter Dalands Mannen, die schließlich im nüchtern ausgeleuchteten Bühnenrund dem Sturm trotzen und die sichere Bucht anlaufen dürfen. Doch bei dieser Styroporatmosphäre sollte es nicht bleiben. Regisseur Karsten Barthold versteht die Dynamik der Zuspitzung bis zum finalen optischen Knalleffekt.

Da lässt er zwar nicht die Bühne, aber doch das blutrote Segel des „Holländer“-Schiffes brennen – ein Showdown, der nicht nur optisch, sondern auch musikalisch packt. Schließlich hatte sich Generalmusikdirektor Werner Seitzer für die Urfassung von 1941 entschieden, in der bei Sentas Todessprung ins Meer mit einem abrupten Fortissimo Schluss ist – im Gegensatz zu den erst später von Wagner hinzugefügten verklärenden Harfenklängen.

Bartholds Assistentenzeit bei Barrie Koskys hannoverscher Produktion vom „Ring des Nibelungen“ hat offensichtlich Spuren hinterlassen. Diesen Hang zu einprägsamen Einzelbildern passt er zusammen mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Steffen Lebjedzinsky geschickt den eingeschränkten Bühnengegebenheiten an. Wenn etwa Vater Daland die wie in Hypnose erstarrte Senta und ihren „Fliegenden Holländer“ aus goldenen Kaffeetäschen trinken lässt, die er aus einer Luke des Schiffspodestes holte, wird dies zu einer anrührenden Momentaufnahme und zum Nachweis gekonnter Personenführung. Und die in Dalands „Stube“ unter der Bühnendecke hängenden Seile (oder Stricke?) sind mehr als kunsthandwerklicher Blickfang: Eigentlich wird hier fleißig gesponnen, doch Barthold lässt die Gefährtinnen Sentas eher wie beiläufig an und mit den Schicksalsfäden spielen und ziehen.

Die Regie bietet keine Aufreger, aber auch keine Anbiederungen. Als gefesselte Galionsfigur taucht etwa der „Holländer“ auf: Ein zwar nicht neuer, aber doch markanter Kniff. Und die Chorszenen werden ganz und gar zu (auch optisch) vitalen Zugnummern. Werner Seitzer führt schließlich das (vergrößerte) Orchester zu bemerkenswerten Höhenflügen. Und mag Martine Reyners als Senta bisweilen durch ein etwas gleichförmiges Vibrato irritieren, ihre Stimme hat jugendliche Strahlkraft bis zum Schluss. Hier erlebt Sébastien Soulès als Holländer zwar einen kleinen Einbruch, doch dafür entschädigt seine darstellerische Präsenz. Levente György ist ein profunder Daland, Christian S. Malchow ein tenoral kräftiger Erik. Christina Baader gibt der Mary warmes Alttimbre, aufhorchen lässt aber auch Daniel Jenz als lyrisch agierender Steuermann.
Berechtigter Schlussjubel. Das Stadttheater lebte nicht, es bebte!

Weitere Aufführungen am 13., 18. und 23. April sowie weitere Termine im Mai und Juni.

Von Günther Helms