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Kultur Der gute Geist von Manchester
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23:37 02.11.2009
Von Stefan Stosch
Dieser Trompeter trifft den richtigen Ton: Eric Cantona (links) bringt den Postboten Eric (Steve Evets) in Stimmung. Quelle: Handout
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Gespenster hatten bislang in Filmen des Briten Ken Loach nichts zu suchen. Das Herz des mittlerweile 73-jährigen Regisseurs schlägt für Menschen aus Fleisch und Blut, für tapfere Helden aus der Arbeiterklasse, die im Leben strampeln müssen, um über die Runden zu kommen. Doch in seinem neuen Film „Looking for Eric“ lässt ­Loach sich etwas Neues einfallen: Er bringt einen guten Geist ins Spiel.

Anders als mit solch außergewöhn­lichen Maßnahmen ist dem Postboten Eric (Steve Evets) in Manchester offenbar nicht zu helfen: Eric hat Ärger mit den beiden halbwüchsigen Stiefsöhnen, von denen sich einer zu allem Überfluss auch noch als Bote für einen Kriminellen verdingt. Ebenso muss sich Eric um seinen Enkel und seine alleinerziehende Tochter kümmern. Und noch immer trauert er Lily (Stephanie Bishop) hinterher, der Liebe seines Lebens, die er einst hochschwanger sitzen ließ. Kurz gesagt: Eric steckt in einer tiefen Krise.

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Nun wird dem bekennenden Fußballfan überraschend Hilfe zuteil. Nach dem Genuss von ein wenig Haschisch aus dem Vorrat seiner beiden Stiefsöhne steht plötzlich der leibhaftige Eric Cantona in seiner Wohnung. Bis dahin hing der ehemalige Fußballstar schon unübersehbar als Poster an der Wand in Erics Schlafzimmer.

Eric ist am Ende: Im Job läuft nichts mehr nach Plan und zu Hause mit den beiden Stiefsöhnen erst recht nicht mehr. Doch das wäre vermutlich alles noch zu verkraften, hätte der Fußballfan nicht vor 25 Jahren seinen größten Fehler begangen und die Liebe seines Lebens, Lily, sitzen gelassen.Es gibt nur einen Mann, der Erics Leben wieder auf Vordermann bringen kann: Eric Cantona, der legendäre Stürmer von Manchester United. Statt auf dem Poster an der Wand zu hängen, sitzt der Franzose plötzlich leibhaftig in der Küche seines Namensvetters – und die „Operation Cantona“, an der auch Erics Freunde tatkräftig beteiligt sind, kann beginnen.

Eric Cantona, das war in den Neunzigern der französische Hüne in Diensten von Manchester United, der Stürmer mit dem hochgestellten Trikotkragen als Markenzeichen, der Schmalspurphilosoph mit den rätselhaften Sprüchen bei Pressekonferenzen („Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie glauben, dass die Sardinen wieder ins Wasser geworfen werden“) – und auch der Mann, der 1995 im Spiel gegen Crystal Palace gegen einen rassistischen Fußballfan im Kung-Fu-Stil vorging, was seiner Beliebtheit unter seinen Anhängern in Manchester keinen Abbruch tat.

Schon länger versucht sich der heute 43-jährige Cantona als Schauspieler, durchaus mit Erfolg: In „Elizabeth“ (1998) durfte er sogar schon einmal an der Seite von Cate Blanchett einen französischen Botschafter geben. Bei „Looking für Eric“ ging die Initiative von dem Exfußballer aus. Loachs langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty ließ sich eine besondere Rolle für Cantona einfallen: Cantona spielt Cantona. Der Star wurde, so hat es Loach jedenfalls beim Filmfestival in Cannes in diesem Jahr erzählt, unter einem Laken versteckt an den Drehort geschmuggelt. Hauptdarsteller Evets wusste demnach nicht, dass er dem echten Cantona begegnen würde. Die Überraschung in den ­Augen Evets könnte also echt sein, wenn der gute Geist das erste Mal im Schlafzimmer erscheint und anfängt zu plaudern, als wäre dies das Normalste von der Welt.

Von nun an steht der eine Eric dem anderen mit Rat und Tat zur Seite. Und plötzlich wandelt sich alles zum Besseren in Erics Leben. Erst geht der Raucher Eric mit dem Exprofi Eric joggen und bringt sich in Form. Dann lernt er wieder, an sich selbst zu glauben und auch mal „Nein“ zu sagen. Und irgendwann wagt Eric es sogar, sich der geliebten Lily zu nähern.

Das könnte komisch wirken, tut es aber nicht. Cantona ist eben kein unsichtbarer Riesenhase, mit dem 1950 James Stewart in „Mein Freund Harvey“ plauderte. Der einstige Fußballstar ist sehr präsent und sich seines Ruhms bewusst. Vom Platz auf dem Sockel beliebt die Diva sogar, auf eigene Kosten zu scherzen: „Du bist auch nur ein Mensch“, sagt der Postbote Eric einmal über seinen Schutzengel. Worauf Cantona ihm im Brustton der Entrüstung erwidert: „Ich bin kein Mensch, ich bin Cantona.“

Für Regisseur Loach kommt diese Komödie einem Lockerungsprogramm gleich, nachdem er sich in „The Wind that shakes the Barley“ (2006) dem irischen Unabhängigkeitskampf gewidmet und zuletzt in „It’s a free World“ (2007) vom unbarmherzigen Kapitalismus im Leiharbeiter-Milieu erzählt hat. So viel Optimismus hätte man von dem Sozialkritiker Loach in wirtschaftlich harten Zeiten nicht unbedingt erwartet.

Irgendwann hat man sich so sehr an den vollbärtigen Geist im Hintergrund gewöhnt, dass man seine Existenz als selbstverständlich betrachtet. Und dann ist es für Loach auch wieder an der Zeit, die Solidarität der Arbeiterklasse zu beschwören, auf die er unermüdlich pocht: Postbote Eric und seine Kollegen holen zum großen Schlag gegen ein paar üble Zeitgenossen aus. Eric Cantona kann sich nun wieder neuen Aufgaben widmen – womöglich im Kino. Von Donnerstag an im Kino.