Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Der kleine Hobbit wird 75
Nachrichten Kultur Der kleine Hobbit wird 75
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:21 20.09.2012
Ein überfallartiger Besuch: Die Zwerge wollen mit Bilbo (Martin Freeman) nicht nur über das bevorstehende Abenteuer sprechen, sondern auch standesgemäß bewirtet werden. Quelle: James Fisher
Anzeige
Mittelerde

Mit allerlei phantastischen Geschöpfen hat J.R.R. Tolkien seine Welt Mittelerde bevölkert: edle Elben, knurrige Zwerge, mutige Menschen, garstige Orks. Einer Spezies aber vertraute er die wichtigsten Aufgaben an: den Hobbits. Heute vor 75 Jahren erschien die Vorgeschichte zu Tolkiens großer „Herr der Ringe“-Trilogie in England. Im Dezember kommt die Verfilmung unter dem Titel „Der Hobbit“ ins Kino. Regie führt wie bei dem Dreiteiler Peter Jackson, Martin Freeman, bekannt als Watson aus der BBC-Serie „Sherlock“, spielt die Hauptrolle. Schon jetzt wird in Fanforen jeder Trailer zum Film wie eine Offenbarung gefeiert.

Dabei sind Hobbits recht eigentümliche Fantasy-Helden. In „Der Herr der Ringe“ soll der Hobbit Frodo den Ring zerstören, an dem alle Macht des Tyrannen Sauron hängt. Sein Onkel Bilbo Beutlin setzt schon zuvor in „Der kleine Hobbit“ seine Künste als Meisterdieb ein, um den Konflikt zwischen Zwergen und Elben zu lösen. Man könnte also meinen, Hobbits müssten muskelbepackte Hühnen sein, die das Frühstück durch ein Krafttraining ersetzen.

Anzeige

Weit gefehlt. Hobbits werden auch Halblinge genannt, weil sie kleiner als Zwerge sind. Hobbits sind gemütliche haarige Wesen, die in komfortablen Höhlen im Auenland leben, einer saftigen Landschaft aus Hügeln und Bächen. In dieser Gegend sind die Schwerter meist stumpf, und die Schilde dienen als Babywiege. Kein Wunder, dass der Begriff „verwegen“ in ihren Ohren ein Schimpfwort ist. Hobbits legen Wert auf Höflichkeit, Bilbo bewirtet eine ganze Horde Zwerge, die unangekündigt in seine Höhle platzt - fast ohne zu murren. Und welchem Helden ist es schon peinlich, dass ihm nach der haarscharfen Flucht vor mordlustigen Orks Knöpfe am Mantel fehlen? Bilbo Beutlin.

Man könnte also denken, Tolkien hätte keinen unpassenderen Helden finden können. Was zunächst auch die Zwerge denken, als sie in „Der kleine Hobbit“ mit Bilbo losziehen, um Schatz und Thron vom Drachen Smaug zurückzuerobern. Doch verteidigt ihn der Zauberer Gandalf mit den Worten: „An Bilbo Beutlin ist mehr dran, als ihr ahnt.“ Einiges haben die Hobbits den anderen Geschöpfen von Mittelerde zudem voraus: Sie können sich „nachts im Wald absolut geräuschlos bewegen“, sich gut verstecken und unterirdisch orientieren. Bilbo hat bessere Augen als seine Gefährten und ist ein Meister im Rätselraten. All diese Eigenschaften teilen die Hobbits mit der Schreckensgestalt Gollum, dem Bilbo den magischen Ring stiehlt. Korrumpiert von der Macht des Schmuckstückes lebt Gollum auf der Nachtseite von Mittelerde. Er ist das dunkle Zerrbild der Hobbits - vor seiner Verwandlung war einmal einer von ihnen. Allein seine Existenz beweist, dass die Halblinge mehr sind als ein harmloses Völkchen mit gutmütigen Gesichtern.

Weshalb aber sind Hobbits in Tolkiens Geschichten die wahren Helden? Jonas Wolf widmet dieser Frage in seinem Buch „Alles über Hobbits“ ein ganzes Kapitel. Tolkien vermittle in seinem Kinderbuch, dass das naive Beharren auf dem Guten im Kampf mit einem übermächtig scheinenden Gegner zum Erfolg führen könne - selbst wenn man zu den Kleinsten gehört. Umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass der erste Hobbit 1937 aus seiner Höhle kroch. Wolf zählt vier Prinzipien auf, die das hobbitsche Heldenideal ausmachen: „Bau auf die Freundschaft!“, „Gib niemals auf!“, „Mach das Beste aus deinen Möglichkeiten!“ und - „Genieße die Annehmlichkeiten des Lebens“. Bilbo rettet die Zwerge vor den Spinnen, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen. Er zeigt Ausdauer und nutzt sein Improvisationstalent, wenn er seine Freunde in Vorratsfässern aus dem Elbenhort schmuggelt. Und die größte Angst der Hobbits ist es, eine ihrer sieben täglichen Mahlzeiten zu verpassen: Frühstück, zweites Frühstück, 11-Uhr-Imbiss, Mittagessen, Tee-Zeit, Abendessen und Nachtmahl.

Im dem schon etwas älteren Hobbit-Kochbuch des fiktiven Autors Beregil von Gondor (Heel Verlag) heißt es gar: „Eigentlich kreisen ihre Gedanken nur um die nächste Mahlzeit, und was man davor noch alles zu sich nehmen kann.“ Beregil von Gondor hat bei seiner Reise durchs Auenland Rezepte von Apfelgerstengrütze, maggotschen Pilzen bis Kümmelkuchen gesammelt. Nicht zu vergessen die „Kopfbrummer“ genannten Bratäpfel, die in Alkohol getränkt sind. Hobbits sind auch berauschenden Sinnesfreuden nicht abgeneigt, und das Blasen von Rauchkringeln ist der einzige Sport, in dem sie sich gewöhnlich messen.

Vielleicht liegt gerade im Hedonismus der Hobbits der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Ihr Spaß an den angenehmen Seiten des Lebens erhöht jedenfalls ihr Identifikationspotenzial. Das galt auch für den Autor. „Ich bin selber ein Hobbit“, sagte Tolkien einmal. „Ich liebe Gärten, Bäume und Ackerland ohne Maschinen. Ich rauche Pfeife, esse gern gutbürgerlich und verabscheue die französische Küche.“

Nina May