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Kultur Deutsche Forscher stoßen auf bizarren Totenkult
Nachrichten Kultur Deutsche Forscher stoßen auf bizarren Totenkult
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18:53 01.10.2009
Von Simon Benne
In Syrien haben deutsche Forscher eine 3500 Jahre alte Gruft entdeckt. Quelle: ddp
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Für Archäologen muss diese Gruft ein Paradies sein. Ein Glücksfall. Das, was Watergate für einen Journalisten ist oder der Jackpot für einen passionierten Lottospieler. Am 8. August stießen die Forscher auf die Felsöffnung im Keller des Königspalastes, drei Wochen später hatten sie den Weg in die Kammer dahinter freigelegt. Der Lichtkegel ihrer Taschenlampe huschte durch einen Raum, den seit mehr als 33 Jahrhunderten niemand mehr betreten hatte. Eine niedrige Felsengruft, kaum 30 Quadratmeter groß – und unberaubt. Menschliche Knochen lagen dort in großer Zahl wild durch­einander, dazwischen Ringe, Lanzenspitzen und Gewandnadeln, ein Rollsiegel aus Lapislazuli und eine mit Geschmeide gefüllte Alabastervase.

„Ein Königsgrab ist so schwer zu finden wie die Stecknadel im Heuhaufen“, sagt Peter Pfälzner. „Dazu gehört eine Mischung aus systematischem Arbeiten, Spekulation – und riesigem Glück.“ Seit 1999 erforscht der Tübinger Archäologe mit einem deutsch-syrischen Team die altorientalische Metropole Qatna in der Nähe der syrischen Stadt Homs. Noch heute zeugen riesige Befestigungswälle von deren einstiger Größe. „Die Gegend ist fruchtbar, und Qatna lag günstig an einer Handelsroute von Mesopotamien ans Mittelmeer“, sagt die Archäologin Ellen Rehm vom Stuttgarter Landes­museum.

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So konnte die Stadt zu einer der prächtigsten Metropolen ihrer Zeit aufsteigen. Vor etwa 3500 Jahren lebten hier auf einem Areal von 1000 mal 1000 Metern rund 20 000 Menschen. Der riesige Palast mit seinem monumentalen Thronsaal muss auf Zeitgenossen wie ein gigantischer Götterbau gewirkt haben. Während ihrer Glanzzeit zwischen 1800 und 1600 v. Chr. war Qatna einer der mächtigsten Staaten des Orients, von dort aus kontrollierten die Herrscher halb Syrien. Die Funde in der jetzt entdeckten Gruft unter dem Königspalast bezeugen die künstlerische Blüte der Stadt – und ihre internationale Vernetzung. Hier fanden sich Gefäße, importiert aus Ägypten, die teils schon 1000 Jahre alt waren, als man die Gruft um 1400 v. Chr. nutzte – Antiquitäten also selbst nach damaligen Maßstäben.

In den zwanziger Jahren hatte der französische Archäologe Comte du Mesnil du Buisson Qatnas Königspalast freigelegt – vollständig, wie er glaubte. Doch 2002 stießen Pfälzner und sein Team auf einen Gang, der vom Thronsaal aus in eine erste, unberührte Königsgruft führte. Dort fanden sich Goldartefakte, Bernstein aus dem Baltikum und Lapislazuli, wohl aus Afghanistan – in Qatna kreuzten sich die Wege von Karawanen aus der halben Welt. „Außerdem verkauften die Qatnäer Wein und Zedernholz aus eigener Produktion, und auch ihre Pferdezucht war weithin bekannt“, sagt Archäologin Rehm.

Die Audienzhalle des Palastes ruhte auf mächtigen Holzsäulen, die mehr als zehn Meter hoch waren. Im Palastbrunnen stießen die Archäologen in 17 Metern Tiefe auf Holz, das wohl hinuntergestürzt war, als die Hethiter Quatna 1340 v. Chr. zerstörten. Die Feuchtigkeit hatte das Gebälk erhalten – im heißen Orientklima ein weiterer archäologischer Glücksfall. Einzelne Deckenbalken waren fünf Meter lang und 800 Kilo schwer, sie zu verarbeiten erforderte ausgefeilte Zimmermannstechnik.

Tontafeln, beschrieben mit Keilschrift, belegen, wie hoch die Verwaltung entwickelt war. Und hier gefundene Elefantenknochen bestätigen Berichte ägyptischer Pharaonen, die im 15. Jahrhundert v. Chr. die Elefantenjagd in Syrien beschrieben: Thutmosis III. hat angeblich unweit von Qatna sogar 120 Dickhäuter erlegt. Erst später wurden die Tiere in dieser Gegend ausgerottet. Möglicherweise wurde ihnen zum Verhängnis, dass ihre Knochen begehrte Jagdtrophäen waren, mit denen Herrscher ihre Paläste schmückten und ihr Prestige mehrten.

In der vor sieben Jahren entdeckten Gruft stießen die Forscher auf Spuren eines seltsamen Totenkultes. Offenbar stieg die königliche Elite von Qatna regelmäßig zu den Bestatteten hinab, um im Kreise der Verblichenen rituelle Mahlzeiten einzunehmen. Berge von Geschirr und abgenagte Tierknochen lagen als Relikte dieser Praxis herum. „Keilschriften berichten von sogenannten Kispu-Ritualen“, sagt der Biologe Carsten Witzel von der Uni Hildesheim. Der Experte für Anthropologie war wiederholt in Qatna, um die Knochen zu untersuchen. Mit solchen Totenspeisungen sollten die Geister der Ahnen befriedet werden, damit sie nicht als Wiedergänger zurückkehrten.

Spuren am menschlichen Gebein deuten darauf hin, dass man die Leichen wohl wie Dörrfleisch über längere Zeit erhitzt hat: „Womöglich wollte man die Verwesung beschleunigen, um den Geruch bei den Mahlzeiten in der Gruft erträglich zu halten“, vermutet Witzel. Und noch etwas gibt den Forschern Rätsel auf: In der vor sieben Jahren entdeckten Königsgruft lagen die Gebeine der Toten wild durcheinander. „Schädel fanden sich kaum, bestenfalls Fragmente oder Zähne“, sagt Witzel. In der jetzt entdeckten „Gruft VII“ lagen dafür etwa 30 Totenköpfe, insgesamt fanden sich hier Überreste von mindestens 50 Menschen. „Möglicherweise handelte es sich um Angehörige der königlichen Familie oder um Mitglieder des Hofstaates von Qatna“, meint Pfälzner. Holzreste weisen darauf hin, dass Gebeine, in Kisten verpackt, hierher geschleppt worden sein könnten. „In Syrien gab es häufig Familiengrüfte – wenn sie voll waren, schaffte man neuen Platz, indem man ältere Gebeine beiseite­räumte“, sagt Rehm.

Möglicherweise waren die Grüfte von Qatna solche Endlager. Ein Teil der Funde wird vom 17. Oktober an erstmals außerhalb Syriens zu sehen sein, in einer Ausstellung im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart. Fast 400 Objekte werden dort gezeigt – darunter Basaltfiguren und Elfenbeinschnitzereien, Keramik und Wandmalereien aus dem Palast, wie man sie sonst in der Ägäis findet. Möglicherweise arbeiteten Künstler von dort auch im blühenden Qatna. Auch ein Kanalrohr aus der alten Königsstadt werde in Stuttgart gezeigt, sagt Archäologin Ellen Rehm. An diesem Punkt hat die Technologie allerdings kaum Fortschritte gemacht: „Es sieht genauso aus wie heutige Kanalrohre.“