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Kultur Trautes Pfarrheim
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14:50 24.10.2013
Von Johanna Di Blasi
Das Deutsche Historische Museum stellt das Leben von englischen Pfarrern in fünf Jahrhunderten vor. Quelle: dpa
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Berlin

Höhergelegte Toilettensitze und beleuchtete Bücherwände in millionenschweren Bischofsresidenzen erregen seit Wochen die Nation. Der vom Papst gerüffelte Limburger Oberhirte Franz-Peter Tebartz-van Elst – er wird höchstwahrscheinlich nie in seine maßgeschneiderte Designerwohnung im 31 Millionen Euro teuren Bischofssitz einziehen dürfen – ist zum Symbol für klerikale Maßlosigkeit geworden. Seine Kollegen in hohen katholischen Ämtern beteuern, nicht so protzig zu leben. Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki begnügt sich etwa mit einer Mansarde im Problembezirk Wedding. Dennoch ist der Lebensstil des Klerus ins Visier der Öffentlichkeit geraten.

Da erscheint es beinahe als himmlische Fügung, dass das Deutsche Historische Museum in Berlin eine Ausstellung zur Kulturgeschichte von Pfarrhäusern eröffnet. Zwar legt die Schau „Leben nach Luther“ mit mehr als 550 Ausstellungsstücken aus 500 Jahren – Leihgaben kommten aus Skandinavien, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz – das Hauptaugenmerk auf vergleichsweise bescheidene evangelische Pfarrstuben. Seitenblicke gibt sie aber auch auf den katholischen Klerus. Die Idee zu der Schau sei ihm bereits vor zehn Jahren gekommen, sagt der Kurator Bodo-Michael Baumunk. Für ihn sind Pfarrhäuser ein „Extremformat einer Lebensform“. Vor allem seit Angela Merkel und Jochim Gauck politische Karriere machten, sei ein regelrechten „Pfarrhaushype“ in der Geschichtswissenschaft zu bemerken. Auch Michael Hanekes preisgekrönter Kinofilm „Das weiße Band“ habe das Interesse neu geweckt. Allerdings sei dort die Darstellung auf den „Eiseshauch einer rigiden Moral“ verengt.

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Pfarrhäuser gelten zum einen als Inbegriff häuslicher Idylle, moralischer Vorbildlichkeit und hoher Gelehrsamkeit – und wurden oft romantisch überhöht. Anderseits erscheinen Pastorenhaushalte als brodelndes Soziotop, dem rebellische Denker (Friedrich Nietzsche) oder gar Terroristen (Gudrun Ensslin) entstammen. Nietzsche bezeichnete den Protestantismus wenig schmeichelhaft als „halbseitige Lähmung“ des Christentums. Gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs sind einem rührenden Doppelporträt eines Pastors aus dem 17. Jahrhundert und seiner Ehefrau, die beiden waren mehr als 50 Jahre verheiratet, korrespondierende Ölgemälde eines katholischen Pfarrers und seiner hübschen Haushälterin mit Spitzenhäubchen und Schoßhündchen, Fräulein Mathot, gegenübergestellt. „Die Porträts erinnern an Ehebildnisse. Trotz des Gelübdes der Ehelosigkeit lebten Pfarrer und Haushälterin nicht selten in eheähnlichen Verhältnissen“, informiert ein Schild.

Im nächsten Raum stehen schwarze Talare evangelischer Pfarrer in Kontrast zu einem überladenen, katholischen Messgewand aus Gold besticktem Brokat. Die weiteren Räume zeigen aber, dass auch Pastoren Luxus und edlen Stil zu schätzen wussten. Der Lebensstil des anglikanischen Klerus unterschied sich kaum von dem des Landadels. Ein Superintendent in der Lutherstadt Wittenberg richtete sich großzügig mit Biedermeier-Interieur ein. Ein schwedischer Pastor ließ sich samt Familie in barocken Outfits porträtieren. Neben sechs Töchtern, sieben Söhnen und einem Wiegenkind gehörten zu seinem Haushalt auch ein russischer Bär, ein amerikanischer Waschbär und ein Affe.

Pastoren lebten in der Regel gut. Bis ins 19. Jahrhundert erhielten sie zwar keinen Beamtensold, aber sie verfügten über Pfründe und erhoben für kirchliche Amtshandlungen Gebühren. Außerdem entrichtete das Gemeindevolk die Zehntabgaben. Dass Bauern im Frondienst Geistlicher standen und diesen regelmäßig Pferd, Knecht und Wagen als Abgabe leisten mussten, änderte sich erst, als in den 1890er Jahren Landpfarrer auf Fahrräder und später auf Automobile umstiegen. Kuriose Stücke der Schau, durch die beschwingte Kirchenmusik tönt, sind neben einer Uhr mit „Weltuntergangsmesser“ eine bemalte „Konfitentenlade“ von der Insel Föhr. Gläubige warfen in das Kästchen den „Beichtgroschen“. Entgegen verbreiteter Ansicht habe Luther die private Beichte nicht abgeschafft, erfährt man. Am Schluss des Rundgangs wechselt die Atmosphäre vom behaglich-besinnlichen Leben zum bedrückenden Alltag der Pfarrer in der Zeit des Nationalsozialismus und der Repression, Anpassung und kirchlichen Opposition in der DDR.

Kooperationspartner der ersten umfassenden Schau zum evangelischen Pfarrhaus sind die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Internationale Martin Luther Stiftung (IMLS) im Kontext von „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“. Der Reformator Luther war selber kein Pastor. Die mit Seelenheilversprechungen verknüpfte Spendenmaschine der römischen Kirche, die sich damals das Architekturmonument Petersdom leistete, war ihm bekanntermaßen ein Dorn im Auge. Die Katholiken haben allerdings kein Monopol darauf. Mit Versprechungen auf ein besseres Karma brachten auch buddhistische Klöster im China des 9. Jahrhunderts nach Christus Spenden zum Sprudeln. Die Mönche schmolzen riesige Münzstränge ein und schufen aus dem Edelmetall gigantische Buddhastatuen und sogar goldene Tempeldächer. In der Folge, so ist in bei dem Ethnologen und Globalisierungskritiker David Graeber („Debt: The First 5000 Years“) nachzulesen, brach die Wirtschaft aus Mangel an Edelmetallen und Geld zusammen.

Insbesondere der christliche Klerus, ob katholisch oder evangelisch, erscheint eingespannt zwischen Repräsentationsaufgaben und Bescheidenheitspostulat. Schon der Sozialphilosoph und Ökonom Thorstein Veblen beschrieb in seiner „Theorie der feinen Leute“ (1899) den merkwürdigen Widerspruch zwischen prunkvollen Gotteshäusern und Priestergewändern als Ausdruck „demonstrativer Verschwendung“ auf der einen und Demutsgesten auf der anderen Seite. Gold und Purpur dienen nach traditioneller Ansicht der Ehre Gottes, das Kirchenvolk aber kniet auf harten Holzbänken. Veblen brachte das auf die schöne Formel „enthaltsam verschwenderische Unbequemlichkeit“. Trifft das nicht auch für die minimalistisch-kühle und geometrisch-starre Residenz des Luxusbischofs Tebartz-van Elst zu?

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