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Kultur Dichter Friedhelm Kändler: „Ich wollte nie Massenware produzieren“
Nachrichten Kultur Dichter Friedhelm Kändler: „Ich wollte nie Massenware produzieren“
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01:16 04.02.2011
Friedhelm Kändler entschied sich statt für den Lehrerberuf später für das Dichterleben.
Friedhelm Kändler entschied sich statt für den Lehrerberuf später für das Dichterleben. Quelle: Ralf Decker (Archiv)
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Herr Kändler, lassen Sie uns über Gefühle reden ...

... das ist ja schön!

... über Sprachgefühl ...

... Sie meinen Rhythmus? Immer weniger Leute haben ihn. Aber vielleicht ist diese Einschätzung ja auch eine Sache des Alters. Wenn man älter wird, neigt man dazu, die Welt mit der zu vergleichen, die einmal war, und dann hat man die Neigung zu denken: Da fehlt doch was.

Ihre Texte leben ja auch davon, laut gelesen zu werden – man denke nur an Ihr gereimtes „Dornrö-sch-en“. Was war das für ein Gefühl, als Sie zum ersten Mal einen Text von sich auf der Bühne gehört haben?

Schwierig. Aber da kann ich Ihnen eine Anekdote zu „Dornröschen“ erzählen: Ich hatte eine Moderation, und der Text zu „Dornröschen“ war noch nicht einmal fertig. Ich wollte ausprobieren, ob er funktioniert, und habe angefangen, ihn vorzutragen. Und dann habe ich mich total gewundert, dass auf einmal Scharen von Menschen in das Zelt strömten.

Das Ende war noch nicht fertig?

Ich habe mir einfach etwas ausgedacht.

Das sagt ja auch vieles über Ihre Arbeit aus: Nicht jedes Gedicht bierernst zu nehmen, nicht alles interpretieren zu wollen.

Jemand hat mal über mich gesagt, ich würde mit Wörtern wie mit Autos spielen. Es mag respektlos sein, aber ich denke nicht, dass jedes Wort auch einen Inhalt hat. Bei Bedeutungen werde ich im Allgemeinen misstrauisch.

Warum?

Weil sie vieles überlagern. Und wer sagt mir, dass die Bedeutung, die der eine dem Wort zugesteht, auch für den anderen gilt?

Wie ist das, wenn andere Künstler Ihre Werke auf der Bühne darstellen?

Am Anfang war das total schwierig. Ich wusste ja, wie der Text klingen musste. Ich habe ihn ja im Ohr.

Ist das dann ein wenig so, als ob man ein Buch gelesen hat und dann ins Kino geht? Dann kann man ja nur enttäuscht sein ...

Ja, deswegen gehe ich auch nur in Filme, deren Bücher ich nicht gelesen habe. Aber früher hat das Loslassen sehr viel länger gedauert. Heute geht das schneller.

In vielen Ihrer Texten geht es ja um Frauengeschichten. Man denke nur an die kleine Tirade, in der sich eine Frau vor der Anmache eines Mannes an der Bar wortreich wehrt. Woher hat der Kändler dieses Wissen? Ist er ein Frauenversteher?

Nein, ein Frauenversteher bin ich bestimmt nicht (lacht), eher ein Menschenversteher. Ich kann mich sehr gut einfühlen.

Bei der Gala zu Ehren Ihres Geburtstags und Ihres 30-jährigen Bühnenjubiläums im GOP werden Künstler und Freunde von Ihnen wie Alix Dudel, Maybebob, Marcus Jeroch und Jo van Nelsen Ihre Texte einmal anders darbieten ...

Ich habe davon gehört. Aber was mich alles erwarten wird, weiß ich nicht. Ich habe mir ein ruhiges Plätzchen gesucht. Ich habe nämlich keine Lust, den ganzen Abend Hände zu schütteln.

Sprechen Sie im Bad vor sich hin so wie andere unter der Dusche singen?

Ja, so ähnlich. Ich sitze hinter der Tür, hinter einer offenen Tür, zwischen Tür und Wand, dort sitze ich und schreibe. Ich habe ja immer fürs Theater, für die Proklamation geschrieben.

Soll es dabei bleiben, oder wollen Sie etwas anderes ausprobieren?

Ich arbeite derzeit weniger für die Bühne. Ich habe angefangen, Erzählungen zu schreiben. Ich wage etwas Lyrik. Und da möchte ich lernen, wie das mit dem Lesefluss ist. Also etwas schreiben, was man leise für sich lesen kann, ohne zu stolpern.

So, wie das bei manchen Texten durchaus gewollt war. Ich erinnere mich da an:

„Willst Du Liebe,

dann Geh-dicht!“

Ja, das war so eins.

Auch bei stillen Lesetexten kommt es auf den Rhythmus, das Sprachgefühl an, oder?

Genau.

Aber Sie meinen, dass es immer weniger Menschen gibt, die das Gefühl haben.

Ja. Und mein Ziel war es nie, Massenware zu produzieren.

Interview: Heike Schmidt

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