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Kultur Die Ausstellung "Amnesie" in der Kunsthalle Faust
Nachrichten Kultur Die Ausstellung "Amnesie" in der Kunsthalle Faust
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15:36 07.05.2010
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„Ein Gespenst geht um“ lesen wir auf einer spiegelnden Aluminiumfolie, die zu einer Installation von Silke Koch aus Leipzig gehört. Aber die Künstlerin will uns nur bedingt an das „Gespenst des Kommunismus“ erinnern, das Karl Marx einst in seinem berühmten Manifest beschwor.

Koch geht es eher um die Schrecken der Amnesie, des Gedächtnisverlustes. Mit dem Erinnern beginnt die Geschichte von Mensch und Gesellschaft und die der Zivilisation. Insofern ist das Vergessen in der Regel gefährlich. „Wir erinnern uns nicht“ heißt ein schönes, mahnendes Textbild von Felix Gonzales-Torres. Kochs Werk wird zusammen mit den Arbeiten von acht anderen ostdeutschen Künstlern unter dem Titel „Amnesie“ in der hannoverschen Kunsthalle Faust gezeigt. Die gelungene Schau kommt aus Leipzig, wo die Kuratorin Britt Schlehahn sie für den dortigen Kunstverein aus Anlass des zwanzigsten Jahrestages der Montagsdemonstrationen eingerichtet hatte.

Daher sind auch die politischen Implikationen in den Beiträgen der Künstler unübersehbar. Aber im Allgemeinen verharren sie nicht auf der Ebene der politischen Agitation, sondern greifen glücklicherweise weiter. Wie der „Chor der toten Raumfahrer“ von Francis Hunger. In ihm wird nicht nur der einst ruhmreichen sowjetischen Kosmonauten gedacht, die heute längst beerdigt und vergessen sind – genau wie die Blütenträume von gesellschaftlichem Ruhm durch technischen Fortschritt. Die 19 schwarzen Bildtafeln, Hauptstück der Installation, die nichts als schwarzen Samt zeigen, sind auch ein eindrückliches Epitaph des Vergessens ganz allgemein.

In der Nähe dieses beredten Verstummens hat Jan Brokof seine laute Bildwand aus Schlagzeilen der Boulevardpresse gesetzt, in denen Wessis und Ossis gleichermaßen denunziert und mit der Keule des Stereotyps zur Strecke gebracht werden. Auch dies ist eine Form des Geschichtsverlusts, in der sich das Klischee vor die genaue Ursachenbetrachtung schiebt. Einen Verlust an zivilem Widerstandswillen konstatiert Brokofs Miniaturmodell einer Straßenschlucht, in der comicartige Spielzeug­figuren den Aufstand proben. Mit der Disneylandisierung der Demonstration kritisiert der Künstler die nostalgische Musealisierung der Vergangenheit und die aktuelle politische Erstarrung im Land.

Eines der eindringlichsten Werke in der Ausstellung, die überwiegend installative Arbeiten zeigt, ist von Alexej Meschtschanow. Der 1973 in Kiew geborene Künstler, der in Leipzig studiert hat und heute in Berlin lebt, zeigt einen alten Biedermeierstuhl mit fleckigem rotem Samtbezug, den der Künstler in stählerne, weiß lackierte Zwingen eingespannt hat. Sie greifen nach ihm und rücken ihn sich zurecht, so wie eine vergessliche Moderne sich ihre Vergangenheit nach Gusto einrichtet.

Die Ausstellung "Amnesie" ist bis zum 30. Mai in der Kunsthalle Faust in Hannover, Zur Bettfedernfabrik 3.

Michael Stoeber

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