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Kultur Braunschweiger XWeiss gewinnen beim Best-Off-Festival
Nachrichten Kultur Braunschweiger XWeiss gewinnen beim Best-Off-Festival
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02:16 02.05.2018
Preisverleihung: Regisseur Christian Weiß (Mitte) mit seinem Team, Festivalleiterin Daniela Koß (links) und Jury-Mitglieder. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

 Bei der Theaterproduktion „Welcome To The Comfort Zone“, mit der die freie Gruppe XWeiss aus Braunschweig am Wochenende das Best-Off-Festival der Stiftung Niedersachsen gewann, bleibt die Bühne für das Publikum unsichtbar. Jeweils nur drei Besucher mit Augenmasken und Kopfhörern bewegen sich darauf gemeinsam mit je einer Tänzerin, die ihnen mit sanften Berührungen den Weg durch die zugleich gehörte Geschichte weist. Die Theatermacher beeinflussen das Erleben durch eine vorproduzierte Tonspur, durch Gerüche, Temperaturschwankungen, die Konfrontation mit Objekten – und vor allem durch die stets präsenten Hände der Performerinnen. Den großen Rest machen die eigenen Bewegungserfahrungen und inneren Bilder der Gäste aus. 

 „Die Wahrnehmung verschiebt sich vom Kopf in den Körper und zurück in den Kopf“, sagt Dirk Förster, Geschäftsführer des LOFFT-Theaters in Leipzig und Mitglied der Festivaljury. Insgesamt sechs Produktionen aus der freien Theaterszene Niedersachsens hatte eine Auswahljury zum Festival eingeladen. Dafür bekommen diese jeweils 10 000 Euro Preisgeld. Der Festivalgewinner erhält zusätzlich 5000 Euro. Die gezeigte Vielfalt und das Potenzial der freien Szene in Niedersachsen seien beeindruckend, sagt Förster. Festivalleiterin Daniela Koß bekennt sich zum Anspruch, nicht nur einen Status quo abzubilden, sondern auch einen Diskursraum zu bieten, in dem die Zukunft freien Theaters verhandelt werden kann. 

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 Die Entscheidung für ein intimes Format, das jeweils nur drei Menschen Zugang erlaubt, sei bewusst gefallen, so Holger Bergmann, als Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste Teil der Jury: „Es geht ja darum, alternative Herangehensweisen auszuloten.“ In diesem Fall heißt das, eine Geschichte über Heimat, Krieg, Angst und Flucht erzählen zu können, ohne dabei jemals kitschig oder klischeehaft zu werden. „Wir können und wollen den Krieg nicht erlebbar machen“, sagt Regisseur Christian Weiß. Vielmehr gehe es um eine persönliche Erfahrung mit Unsicherheit und Vertrauen. 

 So entstehen in der körperlichen Improvisation unter einfühlsamer Anleitung dichte Momente einer Empathie für Menschen, die vor Bedrohungen fliehen. Sie sind jedoch keine reinen Projektionen, sondern bleiben durch Instinkt und Intuition eng mit der individuellen Lebenswirklichkeit verbunden. Zu erleben, wie es sich anfühlt, plötzlich hart gegen ein Wand gedrückt zu werden, während sich ein fremder Körper schützend vor den eigenen wirft, ruft universelle Ängste ab – und zugleich das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit. Gemessen an der Größe des Publikums sei dieser Effekt zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Förster. Doch er stehe für eine gelungene Übertragungsleistung. 

 Über die Anerkennung für den Versuch, Bewusstsein in zunächst kleinen Maßstäben zu verändern, freue er sich sehr, sagt Weiß: „Bei der Suche nach Formaten muss es nicht immer gleich um das große Publikum gehen.“ Dass ein geschützter und geförderter Theaterraum für eine solche Arbeit wichtig ist, leuchtet ein. Und doch muss diese Komfortzone ständig neu behauptet und verteidigt werden. 

 „Welcome To The Comfort Zone“ ist wieder vom 9. bis 13. Mai beim Lessingfestival in Wolfenbüttel zu erleben. Informationen und Tickets unter Telefon  (0 53 31) 8 65 01.

Von Thomas Kaestle

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