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Kultur Die Deutschen legen gern mal die Daumenschrauben an
Nachrichten Kultur Die Deutschen legen gern mal die Daumenschrauben an
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19:43 26.10.2009
Von Stefan Stosch
Sprichwörtlich legen wir gern mal die Daumenschrauben an. Hier sind mal echte zu sehen – aus einer Ausstellung des Historischen Museums Hannover. Quelle: Martin Steiner
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Höchstens vielleicht im Comic, wenn Asterix und Obelix und Konsorten zulangten. Aber das war lustig, traf garantiert die Bösen, also die Richtigen, und hinterher standen alle wieder unversehrt auf ihren Beinen.

Doch nun werden in Deutschland Grausamkeiten gefordert, die im wahren Leben schmerzen sollen – möglichst schnell und hier und jetzt. Das Überraschende dabei ist: Es rufen vornehmlich diejenigen danach, die Opfer dieser Grausamkeiten werden wollen, nämlich Steuerzahler. Als Täter sollen die Politiker in die Pflicht genommen werden – also diejenigen, die sonst für das Versprechen von Wohltaten zuständig sind. Bislang wurden sie abgestraft, wenn sie Zumutungen verkündeten. Sind die Deutschen etwa auf dem besten Weg, ein Volk von Masochisten zu werden?

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Schuld an der paradoxen Situation ist die designierte Regierungskoalition. Seit Angela Merkel und Guido Westerwelle in tagelangen Geheimverhandlungen den Eindruck erweckten, auf Gedeih und Verderb nur Gutes tun und Geld verteilen zu wollen, über das sie gar nicht verfügen, haben sich die Seiten verkehrt. Wähler, die weder Ärzte noch Apotheker sind, haben genug vom Trugbild eines Kuschel-Deutschlands.

Immer mehr Insolvenzen, die Arbeitslosenzahlen steigen, Angst grassiert, und niemand scheint sich dafür verantwortlich zu fühlen, wie der Schuldenberg abgebaut werden soll. Allerdings munkeln manche, dass die lange Liste der Zumutungen bereits geschrieben sei. Nach der wichtigen nordrhein-westfälischen Landtagswahl im Mai 2010 soll sie aus der Schublade gezogen werden. Aber so lange wollen offenbar nicht alle warten. Die Ecke, aus der die Rufe nach Peitsche statt Zuckerbrot kommen, ist leicht zu lokalisieren: Nicht die Hartz-IV-Empfänger, Supermarktverkäuferinnen oder Opel-Arbeiter rufen danach, die haben schon so genug Existenzsorgen. Die Forderung wird bei denen laut, die sich Grausamkeiten leisten können.

In Berlin haben sich jüngst reiche Bürger zu einer ungewöhnlichen Initiative zusammengeschlossen: Sie wollen vom Staat stärker zur Kasse gebeten werden. Sie verlangen, man höre und staune, eine höhere Besteuerung. Um insgesamt rund 100 Milliarden Euro wollen sie ihresgleichen schröpfen lassen. Damit wäre manche öffentliche Kasse zu füllen.

Das treffliche Argument der Reichen: Sie hätten am meisten in seligen Zockerzeiten verdient, nun könnten sie nicht den kleinen Mann die Suppe für das Bankendesaster auslöffeln lassen. Zumal die Reichen in diesem Land sowieso immer reicher und die Armen immer ärmer werden – von vereinzelten Kollateralschäden wie Madeleine Schickedanz einmal abgesehen.

Demnach verfügten im Jahr 2007 ein Zehntel der Erwachsenen über gut 61 Prozent des privaten Vermögens. Nun wollen zumindest ein paar davon Deutschland aus der finanziellen Klemme heraushauen. Bänker sollen in der Initiative bislang nicht über Gebühr vertreten sein.

Doch werden nicht alle potenziellen Grausamkeitsopfer von solch altruistischen Motiven getrieben. Neulich bei einer hannoverschen Bank: Ein leibhaftiger Dekan der Wirtschaftswissenschaften warf im Dienste des Kreditinstituts einen Abend lang Charts und Kurven auf die Leinwand. Im Saal: Privatkunden, die sich darum sorgten, wie ihr Vermögen in Zeiten der Krise zu mehren sei.

Eigentlich hätten sie den Experten mit Fragen nach Deflation oder Inflation, nach Staats- und Unternehmensanleihen, nach Fonds und Aktien löchern müssen. Im Hintergrund hatte sich auch schon ein Pulk von Kundenberatern postiert, denen der Wirtschaftsfachmann die Kunden quasi in die Arme treiben sollte. Doch was wollten die Anleger mindestens ebenso dringend von dem eloquenten Wirtschaftswissenschaftler wissen? Wann denn endlich die Zeit für Ausgabenkürzungen jedweder Art in diesem Land gekommen sei.

Gesunder Egoismus trieb die Fragesteller an. Nur wenn der Staat nicht gänzlich von der Schuldenlast erdrückt wird, sind die Voraussetzungen für profitable Geldanlagen gegeben. Nur dann zeigen die Kurven von Aktienfonds, Staats- oder Unternehmensanleihen einigermaßen verlässlich nach oben. Oder ganz einfach gesagt: Nur wer heute bereit für Grausamkeiten ist, hat morgen Chancen auf Gewinne.