Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Josephine Baker würde Battle-Rap machen“
Nachrichten Kultur „Josephine Baker würde Battle-Rap machen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:31 31.10.2013
Am Besten klingen sie zu Dritt: Nach dem Solo-Album von Boris Lauterbach (rechts) gibt es seit Freitag ein neues Album als Fettes Brot. Quelle: dpa

Mit „3 ist ne Party“ habt ihr nach fünf Jahren endlich wieder ein neues Studioalbum herausgebracht. Warum hat das so lange gedauert?

Martin Vandreier (Doktor Renz): Das hat sich so ergeben. Und es ist ja nicht so, als hätten wir in der Zeit nichts getan. Wir waren auf Tour, haben das als Live-Album aufgenommen und waren damit wieder unterwegs. Um es wieder aufzunehmen. Und dann kam Boris noch mit der Idee um die Ecke, als Der König tanzt eine Soloplatte zu machen.

Und ihr habt Euch erschrocken?

Martin: Auf der einen Seite fanden wir das gut. Doch gleichzeitig hat es uns Angst gemacht. Schließlich wussten wir nicht, wie es dann weitergeht.

Björn Warns (Björn Beton): Das ist wie eine Art Sollbruchstelle für eine Band, wenn der erste Solopfade geht. Man weiß ja nicht, ob das möglicherweise alles überstrahlt und ob es sich nachher noch natürlich anfühlt, wenn man einfach weitermacht, als wäre nichts gewesen. Insofern war die Erleichterung groß, als wir gemerkt haben, dass alle wieder Bock haben.

Martin: Dann stand auch schnell fest, wieder eine gemeinsame Platte aufzunehmen. Nur wann und wie, das stand noch in den Sternen. 

Boris, hast Du als Der König tanzt Martin und Björn auf der Bühne vermisst?

Boris Lauterbach: Das war echt eine Herausforderung für mich, das alleine wuppen zu müssen. Sowohl die Platte aufzunehmen, als auch die Texte zu schreiben und die Musik zu komponieren. Wenn ich keine Idee hatte, dann war da eben nichts. Dasselbe gilt für die Bühne: Wenn ich einen blöden Tag hatte, konnte ich mich nicht darauf verlassen, dass da zwei andere Jungs sind, die das Ding dann reißen. Der Druck lag auf meinen Schultern. Umso mehr habe ich es genossen, wieder ins warme Nest von Fettes Brot zurückzukommen. Das fühlte sich auf einmal sehr leicht an für mich.

Wie war es denn für Euch, Boris allein auf der Bühne zu sehen? 

Björn: Ich erinnere mich vor allem an die geile Party nach dem Der-König-tanzt-Konzert in Hamburg.

Seid Ihr eine von den Bands, die nach jedem Auftritt noch gemeinsam feiern geht? Oder will man dann lieber seine Ruhe haben und alleine aufs Hotelzimmer? Schließlich seid ihr ja nicht mehr Mitte zwanzig.

Martin: Gefeiert wird immer. Aber es kommt oft genug vor, dass wir nach der Show direkt in den Bus steigen. Dann wird der iPod rumgereicht und Sandwiches gemampft. Und das kann auch mal länger gehen und lauter werden. Wir können auch zu dritt eine Party sein. Das hat schon Andy Warhol gesagt. Also nicht direkt über uns.

Björn: Deshalb fahren wir auch lieber mit dem Nightliner, wenn wir auf Tour sind, und gehen nicht ins Hotel.

Und ein Dreibettzimmer ist keine Alternative?

Martin: Im Bus sind unsere Betten nur durch Vorhänge getrennt!

Boris: Das schöne am Busfahren ist, dass selbst wenn man sich früher abseilt, man immer noch die durchgängigen Bassdrums aus dem Untergeschoss hören kann.

Auf eurem neuen Album „3 ist ne Party“ kann man immer wieder Referenzen auf vergangene Jahrzehnte hören - musikalisch wie inhaltlich. In „Kannste kommen“ stecken Samples des Achtziger-Jahre-Hits „If I Gave you a Party“ von Sexual Harrassment. Die klingen funky und tanzbar. Warum besinnt ihr Euch zurück?

Martin: Ich weiß es gar nicht so genau. Als wir wieder angefangen haben, Platten nach Samples zu durchstöbern, sind wir irgendwie im Jahr 1981 hängengeblieben. Ich finde es immer ganz angenehm, wenn man sich auf eine bestimmte Zeit fokussiert.

Björn: Ich empfinde das überhaupt nicht so. Das ist jetzt nichts, was bei der Platte anders ist, als bei allen anderen Platten von uns.

Martin: Und dann zerstritten sich Fettes Brot ... (lacht)

Björn: Alleine durchs Hip-Hop-typische Sampling haben wir uns immer schon von anderer Musik aus früheren Jahrzehnten beeinflussen lassen. Bei dieser Platte ist der einzige Unterschied, dass wir das zum ersten Mal unterstreichen und auch deutlich machen. Man hört die Referenzen von Karl Dalls Komikerband Insterburg & Co. bis zum Popartpionier Andy Warhol deutlich heraus.

Ihr spielt jetzt schon länger als 20 Jahre zusammen. Ist Euer Publikum mit euch gewachsen? Oder bedient Ihr bei Eurer Konzerten mittlerweile auch die Spaßgeneration „Yolo“ der 16- bis 18-Jährigen?

Björn: Es ist unser großes Glück, dass Leute unseren Weg seit Jahren begleiten. Sie sind immer wieder aufgeschlossen gegenüber neuen Herangehensweisen, Hip-Hop anders zu interpretieren. Und mit jeder Fettes-Brot-Platte kommen neue Leute dazu, die eben nicht geprägt sind vom deutschen Neunzigerjahre-Hip-Hop. Sie denken, dass Hip-Hop heute eben so gemacht wird.

Martin: Teilweise nehmen auch die jungen Konzertbesucher die alten auf die Schultern, weil die ja schon gebückt gehen und nicht mehr bis zur Bühne kommen.

In Sprache und Musik unterscheidet Ihr Euch beispielsweise von neuen Hip-Hop-Künstlern wie MC Fitti. Dennoch geht ihr mit auf Tour. Wie geht das zusammen?

Boris: Zum Glück unterscheiden wir uns da. Wenn wir jemanden fragen, ob er Bock hat, mit auf Tour zu kommen, dann wäre es ja witzlos, wenn der genauso klingen würde wie wir. Was Fitti macht, ist für uns was Neues. Irgendwie frisch und mit einer modernen Sprache. 

Martin: Wir waren nicht unbedingt Fans, aber wir haben uns das angehört und es hat sofort Spaß gemacht. Die Zusammenarbeit kam zustande, weil er uns einfach gefragt hat. Quasi eine Internetbekanntschaft. Online-Dating könnte man es auch nennen. 

Björn: Wir freuen uns schon auf die Tour, wenn wir die alten Fettes-Brot-Rituale auf diesen jungen Bartträger anwenden können. 

Hat der nicht längst eigene Rituale entwickelt? Wenn MC Fitti auf Facebook postet, dass er gerade seine Schuhe anzieht, gefällt das sofort mehreren hundert Nutzern.

Björn: Das ist doch eine echt gelungene Inszenierung von ihm.

Und was sind das konkret für Rituale, die Fettes Brot seit 20 Jahren haben?

Boris: Das sind einfach demütigende Quatsch-Späße mit Menschen, die mit uns auf Tour gehen.

Björn: Wir versuchen die Leute erst auseinanderzunehmen, um sie dann neu zusammenzubauen. Und zwar so wie uns das passt. Eventuell wird sich das Facebook-Posting von MC Fitti dabei dramatisch ändern.

Boris: Der schreibt dann nur noch traurige Sachen.

Martin: Ein Gedicht vielleicht ...

Boris: Ach, wir wollen Fitti doch nicht verändern. Der soll einfach nur mal kennenlernen, was ne ordentliche Aftershow-Harke ist.

Was ist denn eine Aftershow-Harke?

Björn: Ronny Trettmann, der in Köln und Hamburg mit dabei sein wird, hat dazu einen klasse Song gemacht. „Am Stehtisch“ heißt der und beschreibt das echt gut. Alle Leute kommen an unserem Stehtisch vorbei und müssen salutieren und einen mit uns trinken.

Mit „Crazy World“ habt ihr auch ein sehr ernsthaftes Lied auf dem Album. Seid Ihr Wutbürger? Was würdet Ihr laut schreien, wenn ganz Deutschland vor Eurem Hochhaus steht und Ihr auf dem Balkon?

Björn: Wenn uns all das, was wir in diesem Song beschreiben, wütend machen würde, dann müsste man natürlich laut schreien. Aber wir haben es ja nicht hinausgeschrien. Vielmehr ist uns noch einmal bewusst geworden, was uns alles nachdenklich macht. Und was uns denken lässt, in was für einer verrückten Welt wir leben.

Martin: Ich merke gerade, dass ich beim Begriff Wutbürger wütend werde. Ich glaube, das ist ein perfider Begriff, der den gerechten Zorn von Menschen, die sehen, das etwas schief läuft und Projekte in ihrem Viertel anschieben, ironisiert und abkanzelt. Natürlich gibt es Leute, die ihr ganzen Leben schon wütend waren und einfach nur darauf warten, sich wieder über irgendetwas aufzuregen. Aber das sind eben genau die Leute, die sich auch stundenlang darüber unterhalten können, dass die Bahn mal wieder zu spät ist. Mit solchen Menschen möchte ich mich auf keinen Fall solidarisieren, von denen halte ich lieber Abstand. Aber gerechter Zorn gegen Ungerechtigkeiten würde ich sehr ungern als Wutbürgertum abkanzeln.

Björn: Wobei das in dem Song ja auch nicht so ist. 

Ist Euch das wichtig, dass die Leute Euch nicht nur als das Hamburger Spaß-Trio wahrnehmen, sondern dass Ihr auch Position bezieht?

Martin: Das ist nichts, wofür wir kämpfen, oder was wir absichtlich in den Vordergrund stellen wollen. Solche Songs gehören eben einfach zu einem Album dazu. „Bettina“ ist ein gutes Beispiel dafür. Wir haben uns in dem Song mit einer gesellschaftlichen Entwicklung beschäftigt, die mit wenig Liebe und viel Sex zu tun hat. Diese Lieder taugen im besten Fall aber auch dazu, dass man sie laut hören und laut dazu feiern kann. Und wer möchte, der kann da auch inhaltlich rangehen.

Boris: Am Ende bestimmt aber immer der Zuhörer. Und es gibt eben einen Haufen Leute, die sehen in uns nicht mehr als die Spaßkanonen aus Pinneberg, die nichts beizutragen haben. Eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise, die früher schlimmer auszuhalten war als heute. Mittlerweile sind wir gelassener geworden.

Ihr habt gerade schon „Bettina“ angesprochen. Auf dem neuen Album singt Ihr über „Josephine“. Zieht Ihr das jetzt konsequent durch? Nach dem Motto neues Album, neue Frau im Gepäck?

Boris: Das ist ganz plötzlich passiert. Wir sind uns natürlich darüber bewusst, dass die Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen werden, nicht schon wieder ein Frauenname. Aber uns fallen einfach so gute Lieder mit Frauennamen ein. Es wäre ein Jammer, das der Welt vorzuenthalten. Und Josephine ist einfach ein toller Pop-Name. Man denke nur an Josephine Baker. 

Aber Josephine ist in dem Song ja eher das böse Battle-Rap-Mädchen. Gab es da keinen passenderen Namen?

Martin: Würde Josephine Baker heute noch leben, sie würde mit Sicherheit Battle-Rap machen. 

Boris: Eine Frau, die einen fasziniert und einem gleichzeitig ein bisschen Angst macht. Ich glaube, alle Männer würden so eine Frau gerne kennen. Und alle Frauen wären gerne genau so.

Von Felix Klabe und Nora Lysk

Kultur Banksy entfremdet Gemälde - Die Banalität der Banalität des Bösen

Mit einem Nazi für das Gute? Das kann funktionieren - wenn man Banksy heißt und aus Trödel Gold machen kann für den guten Zweck. Der britische Künstler hat es mal wieder geschafft, in New York eines der ersten Gesprächsthemen zu sein.

31.10.2013
Kultur Gernot Hassknecht im Apollo-Kino - Zwölf Schritte zum Choleriker

Gernot Hassknecht, bekannt aus der „heute-show“, zeigt seinen Fans den Weg zum Choleriker. In Rage redete sich der Kabarettist auch bei seinem ausverkauften Auftritt im Apollo-Kino. Und das war richtig lustig.

02.11.2013
Kultur Neues Album von Arcade Fire - Indie Disko?

Arcade Fire hat mit dem Doppelalbum „Reflektor“ eine Schönheit geschaffen, nach der man sich noch lange umdrehen wird. Tanzend, bisweilen.

Uwe Janssen 31.10.2013