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21:19 06.04.2014
Von Uwe Janssen
Foto: In England ist das Quintett mit einer der jüngeren Britpopwellen ganz nach oben gespült worden, in Deutschland ist es vor allem mit dem Hit „Ruby“ bekannt.
In England ist das Quintett mit einer der jüngeren Britpopwellen ganz nach oben gespült worden, in Deutschland ist es vor allem mit dem Hit „Ruby“ bekannt. Quelle: Daniel Deme
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Leeds ist eine Halbmillionenstadt im Norden Englands, wirtschaftlich mehr durch Dienstleistung als durch Industrie geprägt. Wer Leeds hört, denkt oft an den Fußballverein Leeds United, aber auch an die siebziger Jahre, als die Truppe dem FC Bayern im Finale der heutigen Champions League unterlag. Rockbands hat Leeds nicht so viele hervorgebracht wie die unweiten Städte Manchester oder Liverpool. Aber einige sind es doch, wenn auch mit dem Retrocharme von Leeds United: Die Gothic-Pioniere Sisters of Mercy glänzten vor allem in den Achtzigern, die Gang of Four war mit ihrem Tanz-Dub-Punkmix sogar noch ein bisschen eher dran. Chumbawamba schließlich, das Politfolkkombinat, hatte in den Neunzigern einen Riesenhit und in Deutschland viele Fans, hat sich kürzlich aber aufgelöst.

Und dann sind da die Kaiser Chiefs. In England ist das Quintett mit einer der jüngeren Britpopwellen ganz nach oben gespült worden, in Deutschland ist es vor allem mit dem Hit „Ruby“ bekannt. Ein fröhlicher Radiosong zum Mitsingen, weil der Refrain so bestechend einfach ist: „Ruby, Ruby, Ruby, Ruby, ahaaaa“. Wer Ruby ist, konnte nie mit endgültiger Sicherheit geklärt werden, angeblich soll es sich um den Hund von Schlagzeuger und Songschreiber Nick Hodgson handeln, doch die Band hat es nie ironiefrei zugegeben. Sicher ist, dass nicht Silvio Berlusconis Affäre gemeint ist, obwohl einige Satirefreunde die Vorlage dankbar annahmen und die Strophen des Kaiser-Chiefs-Hits ein wenig in diese Richtung veränderten.

2012 ließ Bandkopf Hodgson die überraschte Fangemeinde via Twitter wissen, dass er aussteigt und sich künftig um andere Projekte kümmern wolle. Und die Fangemeinde war sich ziemlich sicher, dass es das wohl gewesen sein dürfte für die Band ohne Kopf. Zu stark war der Einfluss Hodgsons auf die Geschicke der Band, zudem kannten sich Bassist Simon Rix, Keyboarder Nick Baines und er seit der Kindheit und waren eigentlich nur im Verbund vorstellbar.

Doch weit gefehlt. Das neue Album ist da, es ist das fünfte, aber eigentlich ist es das erste danach. Aber „Education, Education, Education & War“ ist nicht nur erstaunlich, weil es existiert. Sondern, weil es ein gutes, mitunter sogar ein sehr gutes Album ist. Die Frage, ob es gut war, dass Hodgson gegangen ist, beantworten die verbliebenen Schulfreunde zwar mit einem entschiedenen „Jein“, doch man spürt, dass es gehakt haben muss im Getriebe. 

Simon Rix dreht den Spieß sogar um: Er wisse nicht, ob es die Kaiser Chiefs noch geben würde, wenn der Abtrünnige geblieben wäre, sagte er kürzlich. Klingt nach einer Trotzreaktion, und so klingt auch das Album. Songs wie „My Life“ oder „Ruffians on Parade“ sind treibende Rockhymnen, denen man das „Jetzt erst recht“ durchaus anhören kann, wenn man will. Bis auf den letzten Song „Roses“ machen die Kaiser Chiefs eine Dreiviertelstunde Dampf, mit den für sie typischen Retroreminiszenzen an Britpop vergangener und längst vergangener Tage.

Alles muss raus – live vermutlich erst recht. Es sind Songs für die Bühne. Aber live ging bei dieser Band immer die Post ab.  In den meisten Songs geht es passenderweise um Konflikte, persönliche, aber auch politische. Der Albumtitel geht auf einen Spruch Tony Blairs zurück, der den Kern seiner Regierungsarbeit in einer Rede einst mit „Bildung, Bildung, Bildung“ beschrieb, die Kaiser Chiefs vervollständigen das Statement auf ihre Weise. Das Auftaktstück „The Factory Gates“ oder „Cannons“ schneiden in Anspielungen politische oder sozialgesellschaftliche Themen an oder, wie Sänger Ricky Wilson sagt, „das, was auf der Straße vor sich geht“. In „Bows And Arrows“ schließlich geht es auch um den Konflikt, den die Band ausgetragen hat – und offensichtlich hinter sich hat. Das ist gut.

Andererseits: Wenn solche Alben dabei herauskommen, könnte ruhig öfter einer gehen. Die Kaiser Chiefs, so viel scheint sicher, sind noch längst nicht am Ende angelangt. Vielleicht sind die Fußballfans irgendwann noch berühmter als ihr Heimatklub Leeds United.

Kaiser Chiefs: „Education, Education, Education & War“. SPV. Live: am 13. April im Capitol Hannover. Karten in allen HAZ-Ticketshops.

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