Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Die Klimawandler: Wie ökologisch sind Kulturveranstaltungen?
Nachrichten Kultur Die Klimawandler: Wie ökologisch sind Kulturveranstaltungen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:57 08.12.2009
Wie ökologisch sind Kulturveranstaltungen? Kaum jemand ermittelt CO²-Werte – aber es gibt Ideen.
Wie ökologisch sind Kulturveranstaltungen? Kaum jemand ermittelt CO²-Werte – aber es gibt Ideen. Quelle: ddp (Symbolbild)
Anzeige

Ich fahre viel Bahn, lebe in einem Haus, das vor 1978 gebaut worden ist, und teile mir eine kleine Wohnung mit einem Mitbewohner. Ich bin Vegetarier, kaufe Dinge, die vor allem lange halten sollen, und mein Stromverbrauch ist durchschnittlich. Ich erhalte das Prädikat „Respekt!“. Mit 7,36 Tonnen CO²-Verbrauch liege ich unter elf Tonnen CO² im Jahr, die ein Deutscher durchschnittlich produziert. Trotzdem erzeuge ich siebenmal so viel Kohlen­dioxid wie ein Inder.

Komplexer wird die Rechnung, wenn man den Besuch von Kultureinrichtungen in die Klimabilanz einbezieht, denn natürlich produziert jede Opernaufführung, jede Filmvorführung, jede Lesung CO² – da kann sich der Besucher noch so oft „Die unbequeme Wahrheit“ von Al Gore anschauen. Kohlen­dioxid wird dabei trotzdem produziert. Auch eine unbequeme Wahrheit.

Konkrete Zahlen gibt es kaum. So haben die Cinemaxx-Kinos zum Beispiel noch nie ihren CO²-Ausstoß berechnen lassen. „Wir bemühen uns aber permanent, Energie einzusparen“, sagt Sprecher Arne Schmidt. Anders die Niedersächsischen Staatstheater Hannover, zu denen Opernhaus, Schauspielhaus, die Ballhoftheater und die Werkstätten in der Maschstraße gehören: Energiemanager ermittelten einen jährlichen CO²-Ausstoß von 4000 Tonnen. Im vergangenen Sommer wurde begonnen, mit Dämmungen und Energiesparlampen den Wert zu senken.

Ab 2010 sollen die Maßnahmen greifen und den CO²-Ausstoß jährlich um 1060 Tonnen verringern. Ziel ist es, den Energieverbrauch bis 2012 um 30 Prozent zu senken. Leider ist das Niedersächsische Staatstheater eine der wenigen Kulturinstitutionen, die überhaupt ihren CO²-Ausstoß ermitteln. Ein Vergleich zwischen Opernhaus und Kino beispielsweise ist so nicht möglich. Nur Besucherzahlen zu vergleichen ist ohnehin wenig sinnvoll. Greenpeace-Sprecher Björn Jettka erklärt, dass man für einen Vergleich auch die Art der Anfahrtswege der Künstler und Besucher einbeziehen müsste. So kann ein schlecht besuchtes Tanzfestival mit internationalen Fachbesuchern eine schlechtere CO²-Bilanz aufweisen als ein ausverkauftes Konzert einer lokalen Rockband. Nach dieser Logik wäre das Lesen eines Buches im heimischen Wohnzimmer der klimafreundlichste Kulturgenuss, wobei das Buch aus Umweltpapier sein sollte oder zumindest in einer klimaneutralen Druckerei gedruckt.

Eine solche klimafreundliche Druckerei steht in Hannover. Die Umwelt-Druckerei in der Büttnerstraße druckt mit dem Beginn der Saison auch erstmalig die Flyer des Schauspiels Hannover, wie Schauspielsprecherin Claudia Pahl bestätigt. Es sind kleine, aber entscheidende Schritte zum Klimaschutz, ähnlich wie die kostenlose Straßenbahnfahrt nach dem Theater- oder Konzertbesuch.

Trotzdem geht es noch umweltschonender, denn es gibt durchaus Kulturunternehmen, die nach einem CO²-Check Ausgleichszahlungen vornehmen. So nennt sich zum Beispiel das Kino im Waldhorn in Rottenburg am Neckar seit dem 1. November „Erstes klimaneutrales Filmtheater“. Kinobesitzer Elmar Bux errechnete, dass sein Kino samt Betrieb, Strom, Heizung, Anfahrtswegen der Besucher und Gastronomiebetrieb 70 Tonnen Treibhausgase im Jahr produziert. Um die CO²-Bilanz des Kinos auszugleichen, unterstützt Bux seitdem ein Aufforstungsprojekt in Uganda, für fünf Cent pro Kinokarte. „Mir geht es darum, Kollegen zur Nachahmung zu ermuntern“, sagt Bux.

Auch im Buchbereich gibt es erste Initiativen für den Klimaschutz. So ist in Bremen im Herbst mit „Anares – Der Mailorder für gesellschaftskritische Literatur“ der erste klimaneutrale Buchvertrieb entstanden. In einem Pilotprojekt untersuchten Experten der Bremer Klimaschutzagentur „Energiekonsens“ Bürozeiten und Energieverbrauch vom Licht bis zur Kaffeemaschine des kleinen Buchvertriebs. Das Büro verbraucht im Jahr allein 2,5 Tonnen Kohlendioxid. „Wir wollten aber nicht irgendein Unternehmen am anderen Ende der Welt fördern, ohne zu wissen, ob es wirklich Bäume pflanzt – und hinfliegen wäre nicht Sinn der Sache“, erklärt Inhaber Gerald Grüneklee. Also unterstützt der Vertrieb nun „co²mpense“, ein Aufforstungsprogramm des Ökostromanbieters „NaturWatt“ in der Nähe von Bremen.

Auch die Betreiber von Musikfestivals sorgen sich um eine ausgeglichene CO²-Bilanz. Das Studentenfestival „Lunatic“ in Lüneburg beispielsweise errechnet seit 2007 die genaue CO²-Emission der An- und Abreise der Künstler und überweist den entsprechenden Betrag an Projekte, die in Indien Kohlewerke durch Windkraftanlagen ersetzen. Und auch das Konzert der Sängerin Cassandra Steen im Oktober im hannoverschen Capitol war „klimaneutral“. Die Organisation „CO²OL“ förderte als Ausgleich weltweit Aufforstungsprogramme.

Trotz des Ablasshandelcharakters solcher Aktionen befürworten Organisationen wie Greenpeace die Ideen. „Auch wenn wir uns angesichts des Klimawandels in unseren Aktionen eher auf die großen, global tätigen CO²-Produzenten konzentrieren“, sagt Jettka. Klingt zumindest nach dem Prädikat: „Respekt!“

von Jan Sedelies