Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Guerrilla Girls demonstrieren ihre Kunst des Protests
Nachrichten Kultur Guerrilla Girls demonstrieren ihre Kunst des Protests
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 29.01.2018
New Yorker Aktionskünstlerinnen begeistern das Publikum der Kestnergesellschaft.
New Yorker Aktionskünstlerinnen begeistern das Publikum der Kestnergesellschaft.  Quelle: Katrin Kutter
Anzeige
Hannover

Ganz am Anfang gellt ein schriller Aufschrei laut durch die Goseriede – so reagiert das Publikum in der dichtgedrängten Kestnergesellschaft auf den Appell der Guerrilla Girls, gegen US-Präsident Donald Trump einen „collective scream“ loszulassen. Na, das sei doch schon „quite something“, konstatiert „Frida Kahlo“ zufrieden. Und dann erzählt sie gemeinsam mit „Käthe Kollwitz“ von den Aktionen der stets unter  Pseudonymen von Künstlerinnen und stets mit Gorilla-Masken auftretenden Guerrilla Girls. 

Guerrilla Girls begeistern das Publikum in der Kestnergesellschaft.

Diese Aktionen richten sich gegen die Diskriminierung von Frauen, aber auch von Schwarzen, Armen, Minderheiten im Kunstbetrieb und überhaupt in der Gesellschaft. Eine Ungleichbehandlung, die es nicht erst seit Trump und nicht nur in den USA gibt. Knapp eine Stunde berichten die zwei Gründungsmitglieder der Gruppe von ihrer Kunst des schlechten Benehmens, passend zum Titel ihrer damit in der Kestnergesellschaft gestarteten Ausstellung „The Art of Behaving Badly“. Wer Anstöße geben will, müsse eben bisweilen anstößig sein, argumentieren die beiden, denn: „Brave Mädchen machen höchst selten Geschichte.“  

Vom Underground in die Kunsthäuser

Der Impuls für die Gründung dieser in wechselnder Besetzung zusammentretenden Gruppe von 55 Aktions- und Performancekünstlerinnen war ein Satz des New Yorker Kunstkurators Kynaston McShin: „Wer hier nicht dabei ist, sollte seine Karriere überdenken“, hatte er 1984 über eine Ausstellung aktueller Kunst gesagt, die unter 169 Künstlern nur 13 Frauen zeigte. „Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu gelangen?“, lautete die Frage auf einem Plakat, das die „Girls“ in bester Guerrilla-Marketing-Manier in Manhattan klebten und so männlicher Selbstherrlichkeit entgegensetzen. Mittlerweile hat die Gruppe den Weg vom Underground in die Kunsthäuser gefunden: Außer in Hannover werden ihre Arbeiten derzeit in Washington, Philadelphia und Newark, in Sao Paulo und Helsinki sowie gleich an zwei Ausstellungsorten in London gezeigt. Im vergangenen Jahr gab es international sogar 30 Guerilla-Girls-Ausstellungen. 

Info

Die Ausstellung "The Art of Behaving Badly" der Guerrilla Girls ist noch bis zum 8. April in der Kestnergesellschaft zu sehen. Mehr Infos gibt es hier. 

Dieser Erfolg, das betont das Duo, das bei seinem Auftritt in Hannover auch Auszüge aus seinem sehenswerten – und auch in der Kestnergesellschaft laufenden - Video „Guide to Behaving Badly“ zeigt, ist immer noch die große Ausnahme. Denn der Anteil von Künstlerinnen im kommerziellen Kunstbetrieb, aber auch in Museumsausstellungen ist weiterhin winzig. „Niemand ist frei, solange nicht alle frei sind“, lautet ein Satz aus der Black-Empowerment-Bewegung, den die beiden unter Beifall zitieren. Und am Ende gibt es nicht nur interessierte Nachfragen des Publikums, das dem englischsprachigen Auftritt konzentriert gefolgt ist, sondern langen Applaus, Pfiffe – und wieder Schreie. Diesmal aus Begeisterung. 

Die Guerrilla Girls im Interview 

Sie treten in der Öffentlichkeit mit Gorilla-Masken auf. Das erhöht die Aufmerksamkeit. Aber steigert es nicht auch die Austauschbarkeit? Und: Darf ich wissen, wer sich dahinter verbirgt?
 

Wer wir wirklich sind? Das sagen wir nie, wir verwenden Pseudonyme, jede von uns hat eines. 

 
Bei ihrer Performance sind sie als „Käthe Kollwitz“ und „Frida Kahlo“ aufgetreten. Warum gerade diese Künstlerinnen?
 

Frida: Wir alle haben uns entschlossen, die Namen verstorbener Künstlerinnen zu verwenden, um sie als Vorbilder zu würdigen. An Frida Kahlo hat mich immer ihr Engagement und ihre Direktheit fasziniert …

Käthe: … und ich habe Käthe Kollwitz gewählt, weil sie zugleich Künstlerin und Aktivistin war, genauso wie ich es bin. 

 
Sie haben für Ihre Ausstellung die Geschichte der Kestnergesellschaft untersucht. Die wurde bald nach der Gründung 1916 zum Kunstverein der Avantgarde. Trotzdem haben Sie festgestellt, dass darin vorwiegend Männer gezeigt wurden – bis 2012 sogar in 91 Prozent aller Einzelschauen. Hat Sie das überrascht?
 

Frida: Leider nein. Inzwischen versuchen ja viele Institutionen nachzuholen, was sie im Umgang mit Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe versäumt haben. Aber vor 100 Jahren hatte die Avantgarde eben nichts mit dieser Diversität zu tun. Heute muss sich jede große Kunstinstitution dieser Herausforderung stellen.

 
Wie sind Sie bei der Recherche über die Kestnergesellschaft vorgegangen? 
 

Käthe: Unsere Kuratorin Elmas Senol und die Direktorin Christina Végh haben uns vorgeschlagen, uns die Archive vorzunehmen, und wir haben ziemlich gute Rechercheure unter unseren Mitgliedern. Tja, in den vergangenen fünf Jahren ist es hier ausgewogener geworden mit der Geschlechterwahrnehmung, aber zugleich herausgefunden, dass es in dieser Zeit nur weiße und westliche Kunstpositionen gab. Es gibt da also gute und nicht so gute Nachrichten.

 
In der Kestnergesellschaft kann man jetzt sehen, wie die Guerrilla Girls seit 1985 Diskriminierung anprangern – nicht nur von Frauen, sondern auch von Schwarzen, Obdachlosen, Minderheiten. Ist das ein Gegenstand von Kunst? Sollte das nicht eher ein Thema von Sozialforschung und Statistik sein, ein Gegenstand der Medien?
 

Käthe: Darf Kunst nicht politisch sein? Kunst ist immer politisch. In der Geschichte basiert jede Kunst auf einer Kultur, und oft wird diese zum Gegenstand künstlerischer Kritik. 

Frida: Anfangs war es uns egal, ob das was wir tun, Kunst ist. Wir wussten, dass es eine sehr kreative Variante von Aktivismus ist. Letztlich haben wir eine neue Art politischer Kunst geschaffen. Denn wir wollten Stellung beziehen, und das auf eine Weise, die noch nie dagewesen ist, die Haltungen verändert. Genau das machen wir heute noch. Wenn Museen jetzt auf uns zukommen, machen wir das in den Kunsthäusern, wie wir es früher auf der Straße getan haben – und wir ziehen immer noch durch die Straßen. Und wenn wir eingeladen werden, so wie hier, nehmen wir uns stets auch die jeweilige Institution kritisch vor. 

Die Ausstellung trägt den Titel „Die Kunst schlechten Benehmens“. Welche Vorzüge hat eine solche Kunst? 

 

Frida: Jeder Künstler muss tun, was er zu tun hat. Und wir müssen eben Ärger machen, darum geht es, wir stellen in Frage, wir machen Druck, und wir suchen dafür Formen, die das Ganze interessant, möglichst unvergesslich machen.

Käthe: Das richtet sich auch gegen die Geschlechtererwartung, dass Frauen sich gut benehmen. Uns ist klar geworden, dass sich gut benehmende Frauen nur selten Geschichte machen. Frauen müssen diese Rollenerwartung zurückweisen, müssen sich schlecht benehmen, um ernst genommen zu werden.

 
Es geht also darum, nicht als …
 

Käthe: … nicht als braves Mädchen wahrgenommen zu werden, genau. 

Frida: Wir hätten Plakate entwickeln können, die besagen, dass nicht genug weibliche Kunstpositionen im Metropolitan Museum of Art zu sehen sind. Das haben schon viele beklagt, das ist wahr, doch das hat keine Wirkung. Wir haben Wege gesucht, das anders auszudrücken, und ich bezweifle, dass jemand, der unsere Arbeiten erlebt hat, jemals deren Botschaften vergisst. Beim nächsten Museumsbesuch wird man vielmehr kritisch darauf schauen, was da von wem gezeigt wird und was nicht.

 
Um auch Leute außerhalb der Kunstszene zu erreichen? 
 

Frida: Wir glauben, dass eine Kultur alle Stimmen zum Klingen bringen muss, die zu ihr gehören – und wenn da nur die Stimmen weißer Männer vorkommen, ist das eben nicht die komplette Geschichte dieser Kultur. Dann ist das eben nur die Geschichte der Mächtigen. Und die meisten Kunstdepots gehen eben auf die Sammlungen von Königen oder reichen Leuten zurück. Eine winzige Gruppe von Leuten, deren Kunstgeschmack diese Sammlungen widerspiegeln. Sie schafften es, die eigenen Vorlieben zu großer Kunst zu deklarieren. 

Käthe: Man liebt die Vorstellung, dass Kunstsammlungen liberal, offen und vielfältig sind, aber in den USA werden sie in dieser Hinsicht von der Populärkultur klar abgehängt. Es geht in den Museen keineswegs so fortschrittlich zu, wie man sich dies wünschen könnte.

 
Wie wird die bloße Kritik, die Beschwerde zur Kunst? In der Kestnergesellschaft sind neben Ihren Plakaten auch Ihre Videos zu sehen, etwa der „Guide to Behaving Badly“. Haben Sie da zwei, drei Tipps? 
 

Frida: Das Video ist ein Manifest unserer Arbeit, das wir für die Kunsthochschule Chicago gedreht haben und das die wichtigsten Punkte zusammenfasst: Stellt alles in Frage, steht für eure Überzeugungen ein, versucht, die Welt zu schaffen, die ihr wollt, auch wenn es da zwei Schritte vor und einen zurück geht – und mit Blick auf die Kunstproduktion: Niemand kann Künstler von der Kunst abhalten, die Resultate können fantastisch sein, aber Künstler sollten Alternativen zur Logik der schicken Galerien suchen, damit man sein Leben nicht nur mit den reichen Leuten verbringt, die da die Eigentümer sind. 

 
Sie werden jetzt auch in großen Kunstinstitutionen gefeiert, derzeit in acht Ausstellungshäusern beiderseits des Atlantiks, sie waren im Museum Ludwig in Köln, in der Tate in London. Wie fühlt sich das an? Sind das schon die von Ihnen geforderten neuen, feministischen Zeiten?
 

Frida: Wir haben ja den Kunstmarkt übersprungen, wir sind von der Straße direkt in die Museen gekommen. Wir sind nie von Sammlern und Galerien umarmt worden, doch unsere Arbeiten sind jetzt in vielen Museen, und damit sind wir Teil der Kunstgeschichte. Und das ist wirklich wichtig. Denn es weist einen alternativen Weg, um Einfluss auszuüben.

Käthe: Es begann mit der Biennale in Venedig 2005, wo wir eine riesige Installation zu Menschenrechten errichtet haben. Für uns war das schon ein Dilemma – eben noch auf der Straße und dann die Umarmung dieser großen Institution. Nicht, dass wir damit am Ziel wären. Aber Tate, Whitney, Hirshhorn, Kestnergesellschaft – das sind schon große Ausstellungsorte.  Tja, korrumpiert uns das? Schwer zu sagen. 

Frida: Es zeigt, dass es gutwillige Leute in den Institutionen gibt, die etwas verändern wollen. Die Unterstützung für uns ist dafür der Beweis. 

Von Daniel Alexander Schacht