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18:23 12.03.2015
Virtuelle Realität, reale Probleme: Kathleen Rahn und Ute Stuffer vor Avery singers „Happening“, Mishka Henners Rinderzucht mit Jauchesee (links) und Hito Steyerls Tipps zum Unsichtbarwerden. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Haarlocken wie aus zusammengeklebten Holzplättchen, Nasen aus Dreiecken und Quadern, Hände in Kastenform - auf den ersten Blick könnte da eine ältere Holzarbeit in traditioneller Fotografie festgehalten sein, mit flacher Schärfe und in Schwarz-Weiß. Wenn da nicht auch noch ein Touchscreen prangte und das Ganze mit Airbrush-Technik auf das Riesenformat zwei Meter fünfzig mal drei Meter aufgeblasen wäre.

Die Digitalisierung prägt unser Leben. Eine Gruppenausstellung zum Einfluss des Digitalen startet pünktlich zum Cebit-Start im Kunstverein.

Das wie ein fotorealistisch präzises Abbild einer Holzarbeit scheinende Werk hat die New Yorker Künstlerin Avery Singer komplett am Computer gestaltet. Und damit aus virtuellen Welten echte Kunst geschaffen. „Happening“ heißt das Bild. In der Tat passiert nicht nur Einiges darauf. Es musste auch Einiges in der Softwareentwicklung geschehen, damit ein solches Bild - ganz ohne Holzarbeit oder Analogfotografie - entstehen konnte.

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Avery Singers Arbeit kommt wohl nicht von ungefähr gegen Ende des Parcours in Sicht, den die neue Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn und Kuratorin Ute Stuffer für die Besucher der von ihnen gemeinsam kuratierten Ausstellung „Digital Conditions“ im Kunstverein vorgesehen haben. Denn in „Happening“ fließt Vieles zusammen, was diese Gruppenausstellung sich zuvor in Einzelaspekten vorgenommen hat. Von der Nutzung digitaler Techniken über das Spiel mit Kunsttraditionen - wie hier der Bildhauerei oder der Analogfotografie -, bis zum Wissen um den Verlust älterer Kulturtechniken, der mit dem Siegeszug der Digitalisierung einhergeht. Und weil „Digital Conditions“ sich all diese Aspekte anhand von zehn künstlerischen Positionen recht umfassend vornimmt, bietet diese Ausstellung eine ziemlich frische Bestandsaufnahme künstlerischer Auseinandersetzung mit der Digitalisierung:

Digitalisierung als Mittel: Künstler setzen heute selbstverständlich digitale Techniken ein. Wie dabei Neues oftmals aus der Kompilation von Altem entsteht, zeigt die Kanadierin Lorna Mills, die Videosequenzen aus dem Internet auf sieben Monitoren tanzen lässt. Dabei kann die Digitalisierung durchaus Erkenntnisse befördern. Die großen Farbabzüge von Thomas Ruff haben nur von fern gut erkennbare Motive - aus der Nähe lösen sie sich in grobe Pixel-Kästchen auf. Bei Mischka Henners Satellitenfotografie, für die der Belgier Kartendienste wie Google Earth nutzt, erkennt man umgekehrt erst beim Nähertreten, dass der psychedelisch anmutende Farbklecks zwischen kleinen Rechteckrastern der Jauchesee inmitten einer Rinderzuchtanlage in den USA ist. Und der in Berlin lebende Ingve Holen nutzt 3-D-Scans, um Formen riesiger Fleischstücke aus Veroneser Marmor fräsen zu lassen.

Digitalisierung als Thema: Dass die Digitalisierung auch das Ende der Privatheit sein kann, zeigen die Fotografien von Michael Wolf, der Ausschnitte aus Google-Street-View-Ansichten vergrößert, in denen Privatpersonen zufällig erfasst und damit überall verfügbar sind. Satirisch geht die Berliner Künstlerin Hito Steyerl mit dem Verlust von Privatheit um: „How Not To Be Seen. A Fucking Didactic Educational MOV File“ lautet der Titel ihres Videos, das Tipps zum Unsichtbarwerden gibt.

Digitalisierung als Risiko: Was Digitalisierung für die Menschen bedeuten kann, hat der US-Fotograf Lee Friedlander schon vor Jahrzehnten mit ganz analogen Mitteln dokumentiert. Seine Fotoserie zeigt Forscher des Massachussetts Institute of Technology am Computer. Was in der computerisierten Arbeitswelt von heute jeder weiß, ist diesen Bildern aus den achtziger Jahren schon anzusehen: Die digitale Dynamik setzt angespanntes Stillsitzen voraus, sie ist auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Physiotherapeuten. Ein Schlaglicht auf digitale Risiken wirft Julien Prèvieux mit seinem Film „What shall we do next?“, der Handbewegungen zeigt, wie sie etwa zur Nutzung von Smartphones üblich sind, und gleich mit verzeichnet, auf welche dieser Gesten schon US-Patente angemeldet worden sind. Wird der Mensch vom Subjekt zum Objekt der digitalen Revolution? Zwingt der digitale Vormarsch zum realen Rückzug bei Persönlichkeitsrechten?

„Den Rechtsstreit zwischen Apple und Samsung um die gestische Steuerung gab es ja schon“, sagt Jürgen Rink, Chefredakteur des Magazins „ct Digital Photography“. Das erscheint im Heise-Verlag, der ebenso Partner der Ausstellung ist wie die Messe AG. Die wirbt bei den Messebesuchern für die Kunstschau, die während der Cebit und während der Hannover-Messe täglich bis 21 Uhr geöffnet bleibt.

Man merkt: Kathleen Rahn übt bei dieser vom Kulturministerium und der Nord/LB-Kulturstiftung geförderten Ausstellung auch Brückenschläge zwischen Kultur und Wirtschaft. Und sie will dieses Netzwerk auch in künftig pflegen. „Diese Ausstellung ist der Start einer Reihe“, sagt sie. „Wir werden zur Cebit auch in Zukunft regelmäßig nach der Bedeutung des Digitalen fragen.“

Von Daniel Alexander Schacht

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