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Kultur Tanz der Elemente
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20:50 02.05.2014
Von Stefan Arndt
Foto: Mal in scheinbarem Chaos, dann wieder in strenger Choreografie: Grupo Corpo.
Mal in scheinbarem Chaos, dann wieder in strenger Choreografie: Grupo Corpo. Quelle: Ammerpohl
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Es ließe sich wohl manches erzählen von den Umständen dieser Produktion. Wie Choreograf Rodrigo Pederneiras die Idee zu seiner neuen Arbeit unter düsteren Umständen gekommen ist, wie er, der akrobatische Tänzer, einen Meniskusriss als existenzielle Bedrohung empfunden hat und wie er sich schließlich selbst mit seiner Kunst geheilt hat. Aber solche Geschichten haben dann doch wenig damit zu tun, was Pederneiras Grupo Corpo am Ende auf die Bühne bringt: Die weltweit gefeierte brasilianische Compagnie, die vor elf Jahren auch schon die erste Movimentos-Ausgabe eröffnete, hat eine extreme Form des Tanztheaters entwickelt. Ihre Stücke sind abstrakte Bewegungskunstwerke, die fast ganz ohne eine narrative Struktur auskommen. Während viele ihrer Kollegen sich dem Theater annähern und versuchen, mit den Mitteln der Bewegung Geschichten erzählen, feiern die Brasilianer den puren Tanz.

So ist auch „Triz“, die Produktion, die nun als Europapremiere bei den Movimentos-Festwochen im Wolfsburger VW-Kraftwerk zu sehen war, weitgehend frei von einer nachvollziehbaren Handlung. Der Titel der Arbeit bezeichnet im Portugiesischen den Augenblick kurz vor der Katastrophe und bezieht sich laut Programmheft auf den Unfall des Choreografen. Durch das Bühnengeschehen wird das aber höchstens vage eingelöst. Die Tänzer und Tänzerinnen des 21-köpfigen Ensembles sind in die gleichen mittig in Schwarz und Weiß geteilten Trikots gekleidet. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern treten zurück hinter den Gegensätzen von Hell und Dunkel.

DIe Movimentos-Festwochen

„Glück“ lautet in diesem Jahr das Motto des Festivals der VW-Autostadt, das noch bis zum 1. Juni dauert. Ein Höhepunkt wird vom 15. bis 18. Mai eine neue Choreografie des Engländers Wayne McGregor mit seiner Gruppe Random Dance sein. Der Titel dieses Stücks, das zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wird, lautet „Atomos“. Wer einen Tanzabend mit dem Bejing Dance Theatre unter der Leitung von Wang Yuanyuan erleben will, muss sich beeilen. Für die Europapremiere des Stücks „Wild Grass“, das vom 8. bis zum 11. Mai gezeigt wird, gibt es nur noch wenige Tickets. Dasselbe gilt auch für die US-amerikanische Company Diavolo, die vom 22. bis zum 25. Mai im Kraftwerk ebenfalls als Europapremiere Arbeiten des Choreografen Jacques Heim zeigt. Die Jazzkonzerte am 23. Mai mit Gregory Porter und am 31. Mai mit Diana Krall sind bereits ausverkauft. Eintrittskarten für alle Veranstaltungen gibt es unter der Telefonnummer (08 00) 2 88 67 82 38.

Ein wesentliches Thema der allermeisten Tanzabende – die Beziehung zwischen Mann und Frau – spielt auf diese Weise keine Rolle. Wenn sich Paare für ein kurzes Duett finden, ist oft gar nicht zu unterscheiden, ob hier nun Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau tanzen. Statt auf Persönlichkeiten blickt man eher auf Elemente, die sich nach geheimnisvollen Regeln bewegen. Wie die Bestandteile eines Moleküls in unterschiedlichen Aggregatzuständen schwirren die Tänzer mal in scheinbarem Chaos über die Bühne, ordnen sich dann in strenge Symmetrie, um im nächsten Moment in neue Unordnung zu zerfallen.

Das Gefühl der kühlen Abstraktion wird noch verstärkt durch das schlichte Bühnenbild, das sich auf einen streng in Segmente geteilten Boden beschränkt, der nach drei Seiten durch einen dichten Vorhang aus Stahlseilen begrenzt wird. Sparsam und herb wie die Ausstattung ist auch die nervöse Streichermusik, die Taktschwerpunkte bis zur Unkenntlichkeit umspielt und dem ganzen Geschehen so einen Zug ins Unendliche, ins Nie-Abgeschlossene gibt. Wie im Zwang müssen die Figuren sich immerfort an- und abstoßen, verwirbeln und sich neu ordnen.

Ganz anders, grellbunt und freundlich, wirkt dagegen die zweite Choreografie des Abends, die doch der ersten an Wildheit nicht nachsteht. „Ima“ – Magnet – ist diese Arbeit überschrieben, doch auch hier scheinen die Anziehungskräfte, die üblicherweise zwischen Mann und Frau herrschen, außer Kraft gesetzt zu sein. Wenn zwei Menschen doch einmal voneinander angezogen werden, dann sieht es aus, als klebten die beiden aneinander wie ein Regentropfen an der Fensterscheibe: erschöpft vom übermächtigen Walten höherer Elemente. Mit seiner von Samba und Bossa inspirierten Musik (Choreograf Pederneiras lässt sich für alle seine Stücke neue Klänge komponieren) wirkt der Abend manchmal wie die Free-Jazz-Version einer brasilianischen Tanzrevue. Man erkennt Soli und Duette, Auftrittsszenen und dramatische Zuspitzungen, und doch werden sie wie im Rausch der Improvisation wieder aufgelöst, sodass der Schwung der Aktionen jegliche fassbare Ordnung zur bloßen Ahnung zerreibt.

Entsprechend vielfältig und rasant ist das Bewegungsrepertoire, das mehr Elemente vom Kampfsport als vom herkömmlichen Ballett enthält. Der überwältigenden Kraft dieses Tanzes scheint sich auch in Wolfsburg kaum jemand entziehen zu können: Mit Gewalt bricht in der plötzlichen Dunkelheit am Ende der Beifall im Kraftwerk aus.

Die Grupo Corpo aus Brasilien ist Sonnabend noch einmal und Sonntag von 20 Uhr an in der Autostadt Wolfsburg im Kraftwerk zu sehen.

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