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Kultur Die NDR Radiophilharmonie spielt Gustav Mahler
Nachrichten Kultur Die NDR Radiophilharmonie spielt Gustav Mahler
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08:00 30.10.2010
Von Stefan Arndt
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Es ist wohl eines der berühmtesten Zitate der Musikgeschichte: „Meine Zeit wird kommen“, hat Gustav Mahler über seine zu Lebzeiten eher höflich aufgenommene und danach ein halbes Jahrhundert nahezu vergessene Musik gesagt. Seit 50 Jahren aber ist eine gewaltige Renaissance in Gang, die Mahler inzwischen zu einem der meistgespielten Komponisten gemacht hat. Spätestens jetzt, im Jahr seines 150. Geburtstages und kurz vor seinem 100. Todestag im kommenden Jahr, ist seine Zeit also endgültig da – da braucht man vielleicht nicht immer wieder seine auffälligsten Eigenschaften zu betonen.

Man hat schließlich schon oft das Disparate in Mahlers Musik gehört, ihre doppelbödige Sentimentalität und ihre düster zersplitterten Höhepunkte. Was Eivind Gullberg Jensen und die NDR Radiophilharmonie aber nun an der fünften Sinfonie im Funkhaus demonstrierten, war doch überraschend: Der Dirigent begreift Mahler vor allem als einen formstrengen Konstrukteur gewaltiger Sinfonik. Darum setzt er ein bei Mahler-Aufführungen oft verschwenderisch gestreutes Mittel nur sehr behutsam ein: Kleine Tempoverzögerungen, die den Fluss der Musik hier stauen und dort beschleunigen, hört man bei ihm selten. Im eröffnenden „Trauermarsch“ lässt er das Orchester tatsächlich so unerbittlich „streng“ marschieren, wie Mahler es vorgeschrieben hat.

Durch dieses Abweichen von einer emotionalen Aufführungstradition nimmt Gullberg Jensen der Musik viel von ihrer Wirkung und befreit sie – vor allem im berühmten Adagietto – (über-)gründlich vom Kitschverdacht. Im letzten Satz geht sein Konzept aber doch noch eindruckvoll auf: Das mit barocken Formen spielende Rondo bekommt eine Wucht, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Einen großen Anteil daran haben sicher auch die Musiker, die Mahlers Zu­mutungen mit Engagement und Klangschönheit meistern – für den neuen Solotrompeter Stefan Schultz etwa, der vom Staatsopernorchester zum NDR gewechselt ist, hätte es keinen eindruckvolleren Einstand geben können.

Auch vor der Pause gab es opulenten Instrumentenklang zu bestaunen: Mit großem Ton machte Maxim Rysanov in Bartóks spätem Violakonzert beste Werbung für die Bratsche. Gullberg Jensen und die Radiophilharmoniker erwiesen sich dabei als präzise und geduldige Begleiter. Ihre Zeit würde ja noch kommen. Mit Mahler.

Johanna Di Blasi 30.10.2010
Johanna Di Blasi 30.10.2010