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Kultur Die Nokia Night of the Proms in der TUI Arena Hannover
Nachrichten Kultur Die Nokia Night of the Proms in der TUI Arena Hannover
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17:09 16.12.2010
Von Uwe Janssen
Der Dienstälteste rettete den Abend: Dem 70-jährigen Cliff Richard gehörte das letzte Viertel des Abends. Quelle: Nico Herzog
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In diesem Jahr waren als größten Geschenke Boy George und Cliff Richard angekündigt. Zunächst präsentiert Moderator Uwe Bahn (“Die Nokia Night zu Gast beim Tabellendritten der Bundesliga“) den 8500 Zuschauern aber andere: Lichtmond ist ein ziemlich kitschiger Esoterik-Elektronik-Weltmusik-Chillout-Brei mit Schwulstgedichten und Bildschirmschoneranimationen. Mit dem jungen britischen Geiger Charlie Siem steht der nächste David Garrett auf der Startrampe. Der 24-Jährige ist ein bisschen mehr Harry Potter als Rockzopf-Garrett, aber die Herzen fliegen dem jungen Mann mit den schnellen Fingern zu, zum einen, weil er das Publikum mitnimmt, sicher auch, weil er ein bisschen Nirvana-Grunge geigt, vielleicht aber auch, weil er sich redlich bemüht, bei Paganini und Vivaldi das ewige Nokia-Nacht-Orchester Il Novecento und seinen Dirigenten Robert Groslot aus ihrer 20-jährigen, überroutinierten Arbeit zu erwecken. Ein bisschen schöne blaue Donau, ein bisschen Hochzeitsmarsch, dazu ein bisschen Filmmusik (zum echten Potter) - Nummer-Sicher-Klassik.

Und hinten steht der Chor „Fine Fleur“, dessen Part als schunkelndes und lämpchenschwingendes Zuschaueranimationsensemblemittlerweile größer ist als der sängerische. Auch das ist wie immer, und die Inspirationslosigkeit, die dieses starre Konzept nach all den Jahren mittlerweile verströmt, zeigt sich umso mehr, je schwächer besetzt das Gastprogramm ist. Uwe Bahn kommt an diesem Abend eine wichtige Rolle zu. Er muss das durchaus feierwillige Publikum bei Laune halten - und macht das sehr gut.

Kid Creole und seine Coconuts war in den achtziger Jahren ein Zweihitwunder, „Stool Pigeon“ und „Annie, I'm not your Daddy“ sind natürlich im Programm, Creole hat die weiteste Hose des Abends, dafür haben seine Tänzerinnen Röcke, die man sonst nur im Nachtprogramm bei RTL 2 zu sehen bekommt. Boy George ist dagegen ein stimmliches Fiasko. Er hat sich ein bisschen bunt angemalt, aber als Sänger bleibt er blass, er kommt nicht mal mehr halbwegs in die Höhe. Die Strophen von „Do you really want to hurt me“ quetscht er sich noch halbwegs heraus, beim Refrain lässt er gleich das Publikum singen, das seinem Ansinnen leicht irritiert nachzukommen versucht. Immerhin: Der grüne Hut ist schön. Aber dieser Auftritt bestätigt das, was den Proms immer vorgeworfen wird: mit abgehalferten Popstars zu arbeiten.

Also muss es der Dienstälteste wieder richten. Dem 70-jährigen Cliff Richard gehört das letzte Viertel des Abends, und er stellt alles, was vorher war, ganz lässig in den Schatten. Endlich ein Entertainer! Er übernimmt sofort die Regie in der Halle („Let's fetz“) , verströmt Wärme und wirkliche Unterhaltungslust und erweckt alle - vor und hinter ihm. Bei Cole Porter treibt er die Bläser in einen rauschenden Big-Band-Swing. Ein Medley und schließlich „We don't talk anymore“ - der Abend ist im wahrsten Sinne gerettet. Gut, dass es Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann.