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Kultur „Die Päpstin“ gibt es nun auch als Musical-Version
Nachrichten Kultur „Die Päpstin“ gibt es nun auch als Musical-Version
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20:43 30.05.2011
Johanna Wokalek im Film „Die Päpstin“. Nun gibt es den Stoff auch als Musical.
Johanna Wokalek im Film „Die Päpstin“. Nun gibt es den Stoff auch als Musical. Quelle: dpa
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Die Geschichte ist zu schön, um nicht wahr zu sein: Das Mädchen vom Mittelrhein, wissbegierig, gewitzt und androgyn, schleicht sich im 9. Jahrhundert ins Männerkloster ein. Die dort gebotenen Chancen auf Bildung und Karriere ergreifend, gelangt sie nach Rom und täuscht dort über Jahre die Kirchenleitung: als Ordensmann, Heiler – und schließlich Papst! Was für ein Erzählstoff.

Das dachte sich wohl auch die New Yorker Autorin Donna W. Cross. 1996 erschien ihr Bestsellerroman „Die Päpstin“. Im vorvergangenen Jahr wurde er von Sönke Wortmann verfilmt. Nicht zuletzt dieser Verfilmung wegen halten viele Deutsche den Stoff für bare Münze. Doch auch trotz der am Freitag in Fulda anstehenden Uraufführung von „Die Päpstin – Das Musical“ bleibt die Päpstin das, als was sie die Fachwelt längst erkannt hat: eine effektvolle Legende des 13. Jahrhunderts.

Wie trefflich sich streiten und polemisieren lässt, auf hohem historischen und auf Strickstrumpf-Niveau, war zu erleben, als der Roman von Cross, der teilweise in Fulda spielt, die Bestsellerlisten stürmte und einen Medien-Hype auslöste. Kirchenkritik funktioniert oft als Pawlowscher Reflex, den man leicht auslösen kann. Mit Klappentext-Sätzen wie diesem etwa: „Das Leben der Johanna von Ingelheim, deren Existenz bis ins 17. Jahrhundert allgemein bekannt war und erst dann aus den Manuskripten des Vatikans entfernt wurde“. Der Mittelalter-Historiker Horst Fuhrmann taxiert den wissenschaftlichen Wert des Romans dagegen auf den „von Asterix und Obelix“.

Als Propagandawaffe hat die Johanna-Geschichte zu allen Zeiten hervorragend funktioniert – allerdings auch in die andere Richtung: Denn das Ende der Johanna, von dem der Chronist und Dominikaner Martin von Troppau 1277 berichtet, ließ sich auch bestens als eine Parabel für die angestammte Rollenverteilung in der Gesellschaft verwenden: Die Päpstin tut, was eben der Natur der Frau entspricht; sie gibt sich einem Mann hin, wird schwanger und gebiert – ausgerechnet während einer Prozession nahe der Kirche San Clemente. Sie stirbt in der Gosse wie eine Hure; gerechte Strafe Gottes für ihren Täuschungsversuch?

Am 22. Oktober startet das fiktive Historiendrama „Die Päpstin“ in den deutschen Kinos.

Belege für oder gegen die Existenz einer Päpstin anzuführen, ist angesichts der dürftigen Quellenlage des 9. Jahrhunderts ein mühsames Geschäft, bei dem man fast zwangsläufig auf große Lücken und sachliche Widersprüche stößt. Und wer mag die sperrigen Konvolute der Fachhistoriker denn am Ende wirklich gedanklich nachvollziehen?

Wohlfeiler ist es, aus einem Schweigen der Quellen zu folgern, alle Beweise für den Skandal seien beseitigt worden. Das allerdings wäre dann erstaunlich vollständig gelungen. Die Johanna-Geschichte wurde über die Jahrhunderte immer weiter ausgeschmückt – vielleicht gerade, weil keinerlei Belege vorhanden waren. „Möglicherweise“, so der Erlanger Professor Klaus Herbers, Experte für die Papstgeschichte des 9. Jahrhunderts, „entzieht sich die Legende auch in manchen Punkten einer Erklärung, weil man im Mittelalter wie heute in der Lage war, ohne präzisen Hintergrund und ohne konkreten Anlass einen Skandal oder eine skandalöse Geschichte zu erfinden.“

Anders gesagt: Mit den vorhandenen Quellen dürfte es schwierig sein, jemanden, der etwas Bestimmtes glauben möchte, vom Gegenteil zu überzeugen. Tatsächlich gab es ja an Manipulationen kirchlicher Dokumente und Darstellungen im Mittelalter keinen Mangel. So gleicht die Diskussion um Johanna – auch Jutta, Gilberta, Agnes oder Glancia genannt – einem Streit um der Päpstin Bart. Die Deutschen mögen seit sechs Jahren Papst sein – Päpstin sind sie nicht.

Alexander Brüggemann