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00:57 05.03.2018
Hannover, HCC, Kuppelsaal, Die Prinzen mit Sinfonieorchester, Sänger, Sebastian Krumbiegel, Foto: Rainer Droese Quelle: Rainer-Droese
Hannover

 „Du musst ein Schwein sein“, „Mann im Mond“ oder „Küssen verboten“ – das Konzert im HCC von Die Prinzen fühlt sich an wie eine Reise in die Vergangenheit. In den Neunzigerjahren haben die Ex-Knabenchorler aus Leipzig für zahlreiche Gassenhauer gesorgt, mit fast sechs Millionen Alben gehören sie zu den erfolgreichsten deutschen Bands. Die 1400 Zuschauer im HCC sind noch heute textsicher und singen die Klassiker lautstark mit. Aber der letzte Hit, die Partriotismus-Satire „Deutschland“, ist lange her – ganze 17 Jahren –, „Du musst ein Schwein sein“ über 20 Jahre. Das Prinzen-Hit-Rezept – simpler Text und eingängige Songstrukturen mit A-Capella-Elementen – scheint nicht mehr zu funktionieren. Ganze elf Alben haben Die Prinzen bisher veröffentlicht, das letzte Album „Familienalbum“ erst vor drei Jahren, da nahm die Band auch an der TV-Show "Sing Meinen Song - Das Tauschkonzert" teil – an den Erfolg von früher reicht jedoch kaum etwas heran.  

Zusammen mit dem Leipziger Sinfonieorchester sind die Prinzen im HCC aufgetreten und haben dort ihre größten Hits zum Besten gegeben.

Das Konzert im HCC gleicht demnach einer Reise in die Neunziger und frühen Nullerjahre. Zusammen mit dem Orchester der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig singen Die Prinzen alte und neue Lieder, während zahlreiche bunte Lichtkegel die Bühne einfärben. Es gibt Nostalgie-Lieber („Es war nicht alles schlecht“) und Selbstironisches („Unsere besten Zeiten fangen heute an“). Mit erhobenen Händen lassen sich Die Prinzen im locker sitzenden Anzug von den Zuschauern feiern und loben sich gern auch mal selbst, dann sagt etwa Tobias Künzel nach einem Solopart von Bandkollege Sebastian Krumbiegel „Brilliant am Klavier und Gesang“. Dazu klatschen die mittelalten Zuschauer im Takt. 

Auch gesellschaftlich scheinen die Mitfünfziger noch in den Neunzigern zu leben: „Die besten Frauen wachsen in Niedersachsen – aber da muss ich jetzt ja aufpassen was ich sage wegen metoo und so“, albert etwa Krumbiegel herum. „Ihr kennt sie doch alle die kuuugelrunden, blauen Augen“, sagt er breit grinsend und singt „Deine blauen Augen machen mich so sentimental“ und das Publikum lacht. Die Sexismus-Debatte ist für die Prinzen also lediglich ein Anlass, um unreflektierte Witze zu machen. Im prolligen Eifersuchtslied „Wer ist der Typ da neben dir?“ gibt es Zeilen wie „Du fällst auf seine Sprüche rein“ – dass die Frau den Typen einfach besser findet, als ihn, fällt Sänger Tobias Künzel dagegen nicht ein. 

Folgt man der Logik der Prinzen, stehen Frauen entweder auf psychisch Kranke („Das Leben strengt an“) oder auf Arschlöcher („Du musst ein Schwein sein“). „Du denkst viel zu viel nach“, rät Krumbiegel seiner Duettpartnerin Amanda in der Schmonzette „Kannst du mich hören“. Im Fokus der Texte steht immer der Mann, während sich die Frau irgendwie nicht manngerecht verhält – oder wie Sebastian Krumbiegel singt: „Wenn du weinst, fühl ich mich so hilflos“ („Wenn du weinst“). Im Trennungslied „Gabi und Klaus“ verzerrt Krumbiegel, als er Gabi imitiert, extra seine Stimme zu einem hohen, kindlichen Fisteln. Vor 20 Jahren mögen solch chauvinistische Anwandlungen noch salontauglich gewesen sein, heute zeugen die Zeilen nur noch von einem veralteten Frauenbild. 

Und nicht nur die zelebrierten Geschlechterrollen wirken gestrig: Im Lied „Suleimann“ machen sich die Prinzen über indigene Naturvölker lustig. Der Häuptling der „Insel im Suleilands“ wird darin als primitiv und faul beschrieben, der Refrain besteht aus Ur-Lauten wie „Uga Wagaya Suleimana Ta“ und im Hintergrund kreischen Affen. Damit reproduzieren Die Prinzen rassistische Klischees, wohingegen sie in anderen Liedern wie „Bombe“ von 1992 offen Neo-Nazis für ihre Fremdenfeindlichkeit kritisiert. Schade eigentlich, dass die Prinzen ansonsten den gesellschaftlichen Anschluss verpasst zu haben scheinen.

Von Kira von der Brelie

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