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Kultur Rausch durch die Töne
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19:46 08.05.2015
Von Jutta Rinas
Begeisternd: Dirigent Andrew Manze. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

Lieben Sie Brahms?“ Das ist eigentlich eine berühmte Frage von François Sagan. Eine, mit der die französische Schriftstellerin ihren gleichnamigen Roman von 1959 (der später mit Ingrid Bergman verfilmt wurde) überschrieben hat. Nach dem 8. Konzert der NDR Radiophilharmonie hätte man am liebsten geantwortet: Dann hören Sie doch mal Brahms’ zweites Klavierkonzert in einer Interpretation der NDR Radiophilharmonie mit dem neuen Chefdirigenten Andrew Manze und dem Pianisten Nicholas Angelich.

Kraft, Wucht und leidenschaftliches Temperament hatten die drei bei ihrer fulminanten Wiedergabe der so klangmächtigen „Klavier-Symphonie“ im Funkhaus ebenso wenig vermissen lassen wie feinsinniges kammermusikalisches Zusammenspiel und eine geradezu traumverlorene Poesie. Atemberaubend war es zu verfolgen, mit welcher Brillanz Nicholas Angelich die vielen pianistischen Vertracktheiten - allem voran dabei die sich immer wieder vor ihm auftürmenden Akkordgebirge oder Trillerkaskaden - meisterte. Angelich, von der Statur her so hochgewachsen und kräftig, dass der eigentlich imposante Steinway-Flügel auf der Bühne des Funkhauses manches Mal fast schon wie ein Klavierchen wirkte, bezauberte aber auch mit erstaunlich klangsensiblen Zwischen- und Untertönen und - vor allem im dritten Satz - mit wunderbar zarter, pianistischer Träumerei.

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Dass Angelich einen herausragenden Brahms bieten würde, war zu erwarten gewesen. Der 1970 geborene Amerikaner gilt unter den Weltklasse-Pianisten schon seit Langem als Brahms-Spezialist. Erst im Frühjahr 2014 schrieb der „Daily Telegraph“ - wie auch im Programmheft zu lesen war - anlässlich einer Einspielung beider Brahms-Klavierkonzerte über den Virtuosen: Nicholas Angelich sei geboren, um Brahms zu spielen. Das ist natürlich ein bisschen übertrieben, aber nicht allzu sehr. Man kann Brahms’ zweites Klavierkonzert in B-Dur op. 83 vor allem live kaum aufregender und zugleich so bemerkenswert werktreu interpretieren.

Die eigentliche Überraschung aber war an diesem Abend die NDR Radiophilharmonie. Es ist immer wieder eindrucksvoll zu erleben, wie sehr sich das klangliche Gesamtbild des Orchesters in dieser Saison bereits verändert hat, wie frisch, wie ungeheuer lebendig, wie mitreißend hier seit dem Beginn der Ära Manze Musik gemacht wird. Der 50-jährige Brite wirkt am Pult manchmal immer noch wie ein wild tanzender Irrwisch. Umso erstaunlicher ist es, wie präzise, wie punktgenau das ist, was man hört. Manze arbeitet bei Brahms mit seinem Orchester die übergreifenden Entwicklungslinien genauso heraus wie die mächtigen Energieschübe, die dem Werk immer wieder neue Dramatik verleihen. Er fordert seine Musiker immer wieder zu eindrucksvollen Soli heraus (Horn, Cello) und verleiht dem Stück mit erstaunlich vielen, akribisch ausgehörten Details zusätzliche Impulse, kleine Leuchtfeuer im mächtigen Strom der Musik. Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique“ nach der Pause gerät bei ihm zu einem grellen Nachtspuk, einem irrwitzigen und zugleich zutiefst faszinierenden Alptraum aus lauter Tönen. Bei der Komposition seien wohl Drogen im Spiel gewesen, hat Manze mal gesagt. Die so berühmte Programmmusik entwickelt bei ihm tatsächlich echtes Suchtpotenzial. Und die rhythmische Gewalt, der verstörende Rausch des Hexensabbats im Finalsatz, wirkt auch lange nach dem Ende des Konzertes noch nach.

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