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Kultur Die Show der Zehenkämpferinnen
Nachrichten Kultur Die Show der Zehenkämpferinnen
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06:15 12.04.2012
Foto: Zwei Akteure von La La La Human Steps bei der Arbeit. Das Ensemble zeigte in Hannover eine tolle Show.
Zwei Akteure von La La La Human Steps bei der Arbeit. Das Ensemble zeigte in Hannover eine tolle Show. Quelle: Wolschendorf
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Hannover

Wer als Tänzerin bei Kanadas führender zeitgenössischer Compagnie La La La Human Steps unter Leitung von Édouard Lock anheuert, muss Zehen wie Stahlkappen haben. Zumindest die Produktion „New Work“, mit der das international gefeierte Ensemble auf seiner Europatournee im hannoverschen Opernhaus einen Zwischenstopp zu den Ostertanztagen einlegte, ist eine Leistungsschau wahrhafter Spitzensportlerinnen. In dem knapp eineinhalbstündigen Stück kriegen die weiblichen Akteure kaum eine Ferse an den Boden. Als wenn das nicht schon anstrengend genug wäre, agieren sie außerdem mit mörderischem Tempo. Lock zeigt Vokabular aus dem klassischen Ballett im Zeitraffer. Ohne Pause. Das raubt selbst dem Publikum den Atem.

Zuschauer, die das Programmheft im Vorfeld nicht aufmerksam studieren, dürften kaum darauf kommen, dass Lock in „New Work“ Henry Purcells „Dido und Aeneas“ und Christoph Willibald Glucks „Orpheus und Eurydike“ verarbeitet. Anhaltspunkte dafür gibt allenfalls die Musik von Gavin Bryars, der jedoch als Meister minimalistischer Kompositionen seine neu bearbeiteten Fassungen auf Klavier, Cello, Bratsche und Saxofon reduziert. Doch gerade weil Lock die jeweilige Handlung der beiden Barockopern nicht einfach nacherzählt, sondern nur einzelne Motive wie Leidenschaft und Vergänglichkeit thematisiert, bedarf es keiner Vorkenntnisse. „New Work“ lässt viel Raum für Interpretation, ohne kopflastig zu sein. Es ist ein extrem schnelles, etwas schräges und außergewöhnlich schönes Stück, das in emotionsgeladenen Soli und Pas de deux auch die Rolle der Ballerina beleuchtet.

Mit pfeilschnellen Pirouetten, akrobatischen Hebefiguren, flatternden Armen und peitschenden Beinen überzeichnet Lock das Bild der technisch perfekten Ballerina, ohne dass es in die Karikatur abgleitet. Was die unterschiedlichen Tänzerinnen zeigen (die Männer geben vor allem Drehimpulse), ist zu elegant, zu ästhetisch und von solch überbordender Energie, als dass hier irgendeine Pose lächerlich aussehen würde.

Mit gleißenden Lichtkegeln im sonst düsteren Raum leuchtet Lock die Szenerie hart aus. Dabei lässt er dem Zuschauer so wenig Ruhe wie seinen Tänzern. Kaum verweilt der Blick auf einer Sequenz, wird sie buchstäblich schon wieder ausgeknipst, und der nächste Spot beleuchtet das nächste Zappeln, Trippeln und Herumschleudern. Gegen die Kälte und Einsamkeit, die die Lichttechnik vermittelt, setzt Lock seine komplexe und emotionale Bewegungssprache ein. Vor allem die Duette sind von berückender Intensität.

Dreimal gibt es eine kurze Videoeinspielung, in der Lock eine alte und eine junge Frau rätselhafte Mimik und Gestik vollführen und am Ende Diana Vishneva, viel gerühmte Primaballerina des American Ballet Theatre, tanzen lässt. Das wäre durchaus verzichtbar, gibt aber Publikum und Tänzern immerhin etwas Gelegenheit zu verschnaufen. Ansonsten arbeitet sich das gesamte elfköpfige Ensemble mit der Kondition von Zehnkämpfern durch diese körperlich immens anspruchsvolle Choreografie. Doch im spärlichen Licht vermeint man nicht eine Schweißperle fliegen zu sehen. Alles schwebt, alles dreht sich. Die Bilder fliegen vorbei wie bei einer Karussellfahrt.

Häufig illustriert Tanz die Musik. In „New Work“ ist es umgekehrt. Im Hintergrund der Bühne sitzen die Musiker (unter der Leitung von Njo Kong Kie) und spielen virtuos ihre meist langsamen und getragenen Melodien, die in völligem Kontrast zu dem Bewegungsmarathon um sie herum stehen. Es passt dennoch auf wundersame Weise alles zusammen. Als das Licht die Bühne am Schluss komplett erhellt, reibt sich so mancher Zuschauer im Opernhaus die Augen. Wie nach einem wirren, aber höchst angenehmen Traum. Stahlkappen hin oder her.

Kerstin Hergt

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