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Kultur Die Spur der Terrors
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20:02 08.09.2011
Von Kristian Teetz
Stumme Zeugen der Tragödie: Das neue „National September 11 Memorial & Museum“ in New York zeigt Fundstücke aus dem Trümmern des World Trade Center wie diese Arbeitsschuhe eines freiwilligen Helfers. Quelle: rtr
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Meint Ihr das ernst oder ist es eine Übung?“ Der Mitarbeiter der amerikanischen Luftraumschützer vom „Northeast Air Defense Sector“ zeigt sich verunsichert. Soeben hat die Nationale Luftfahrtbehörde angerufen und die Entführung einer „American Airlines“-Maschine gemeldet. Eigentlich kann es sich nur um eine Übung handeln. Im Jahr 2001, elf Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, kann sich niemand eine plötzliche Bedrohung aus der Luft vorstellen. Doch schnell wird an diesem 11. September des Jahres 2001 klar, dass nichts eine Übung und alles ernst ist.

Es existieren unzählige Geschichten über diesen Tag, an dem islamistische Terroristen mit vier gekaperten Flugzeugen die Vereinigten Staaten angriffen. Unzählige Puzzleteile, aus denen Historiker, Politologen und Künstler seit zehn Jahren ein stimmiges Bild dieses bislang wichtigsten Tages des 21. Jahrhunderts zusammensetzen wollen. „Ein Passagierflugzeug, das sich am 11. September 2001 auf halber Höhe in einen Wolkenkratzer fräst; zerklumpte Metallteile auf den Straßen, Überreste eines Triebwerks, daneben zerfetzte Körper mit Gurten um die Hüften, angelegt zur Sicherheit während eines Fluges; Feuerwehrleute mit Äxten auf dem Weg zur Brandstelle – ,You went in, when we went out’, wird später in ihren Todesanzeigen als letzter Gruß von Überlebenden zu lesen sein.“

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Mit diesen Sätzen beginnt Bernd Greiner sein Buch über den 11. September. In „9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen“ (C.H. Beck, 280 Seiten, 19,95 Euro) berichtet der Hamburger Historiker detailliert über den Tag und dessen Vorgeschichte sowie dessen Folgen. Er analysiert die Rolle Osama Bin Ladens, blickt zurück auf den erfolgreichen Widerstand der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan und fasst den Aufstieg von Al-Qaida zusammen.
Eine zentrale Rolle nimmt George W. Bush ein: Greiner erinnert daran, wie dieser seine Präsidentschaft infolge der Anschläge in eine „imperiale Herrschaft“ umwandelte. „Ich entscheide, was für die Exekutive Gesetz ist“, hieß ein zentraler Satz des US-Präsidenten. Für Bush stand fest, wer über die nationale Sicherheit entscheidet – nicht der Kongress, nicht seine Kabinettskollegen, sondern allein er, der Präsident. „Sicherheit steht über Freiheit, Macht über Recht“, beschreibt Greiner das Konzept der „imperialen Herrschaft“.

Die Folgen von 9/11 sind bekannt: Krieg in Afghanistan, Krieg gegen den Irak, rechtsfreie Räume in Guantanamo, Folter in Abu Ghraib und weitere Anschläge von Islamisten in Madrid, London, Mumbai und Moskau. Die Liste ließe sich verlängern. Mit seinem Buch hilft Bernd Greiner den Tag zu verstehen, der nach Meinung vieler Experten die Welt veränderte.

Aber ist die Welt nach dem 11. September wirklich eine andere geworden? Nein, sagt eine Gruppe junger Historiker. Ihre These lautet: „Am 11. September 2001 begann keine neue Epoche in der Weltgeschichte – insbesondere nicht für Europa und Amerika.“ Natürlich, so schreiben Michael Butter, Birte Christ und Patrick Keller in „9/11. Kein Tag, der die Welt veränderte“ (Ferdinand Schöningh, 170 Seiten, 16,90 Euro), habe dieser Tag Folgen für das Leben vieler Menschen gehabt. Doch vor allem für die USA, die in der Aufsatzsammlung im Mittelpunkt stehen, hätten die Anschläge „lediglich als Katalysator“ gewirkt. „Sie haben längerfristige Entwicklungen verstärkt und ihnen zu größerer Sichtbarkeit verholfen.“ Ein Beispiel aus der Außenpolitik: Kritiker hielten den US-Amerikanern vor, nach dem 11. September im Alleingang zu handeln und sich von ihrer langjährigen weltpolitischen Rolle als „wohlwollender Hegemon“ zu verabschieden – als unmittelbare Folge von 9/11.
Doch Patrick Keller widerspricht: „Die vielgescholtene Dreifaltigkeit der Außenpolitik Bushs – Präventivkrieg, Unilateralismus, Imperialismus – waren schon immer Teil des amerikanischen Portfolios gewesen.“ So sei der Präventivkrieg bereits für Theodore Roosevelt oder Woodrow Wilson ein probates Mittel gewesen. Auch wenn die Autoren nicht immer nachvollziehbar argumentieren, erfährt der Leser interessante Details, etwa über die Entwicklung des Völkerrechts oder die Einflüsse des 11. September auf die Kunst.

Mit der Rolle der Bilder im Krieg hat sich der Amerikaner W.J.T. Mitchell beschäftigt. In „Das Klonen und der Terror. Der Krieg der Bilder seit 9/11“ (Suhrkamp, 288 Seiten, 28,90 Euro) analysiert er die „Ikonen und Metaphern, die das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beherrscht haben“. Dazu gehören zweifellos die Aufnahmen der Flugzeuge, die sich in die Zwillingstürme von New York bohren. Gegen diese Bilder der Katastrophe wollten die Amerikaner ein Zeichen des Sieges setzen und favorisierten das Foto der umgestürzten Saddam-Hussein-Statue in Bagdad.

Doch das prägende Bild des Irakkrieges wurde laut Mitchell ein anderes: der sogenannte Kapuzenmann. Ein Gefangener der Amerikaner steht im Gefängnis von Abu Ghraib auf einer Holzkiste. Sein Gesicht ist von einer Kapuze bedeckt, die Arme hält er seitlich nach oben, so dass seine Haltung an den gekreuzigten Jesus erinnert. An den Händen sind Drähte zu sehen. Das Foto ging um die Welt, und es untergrub, wie Mitchell schreibt, „die letzte noch verbliebene Rechtfertigung für den Krieg, wonach es sich angeblich um einen moralischen Kreuzzug zur Befreiung des Irak von der Tyrannei gehandelt hatte“.

Der Comic-Autor Art Spiegelman hat nach den Anschlägen vom 11. September wieder angefangen zu zeichnen. „Schließlich heißt meine Muse Desaster“, schreibt Spiegelman. Der New Yorker, der mit seinen „Maus“-Comics über den Holocaust berühmt wurde, erlebte die Anschläge hautnah mit. Voller Angst und Sorge holten er und seine Frau die gemeinsame Tochter aus der Schule ab. Spiegelman hat seine Erinnerungen an den Tag auf großformatigen Seiten und in ganz unterschiedlichen Stilen gezeichnet. Dabei vermischen sich eigene Geschichte und Weltgeschichte.

Nach den Anschlägen habe er erstmals so etwas wie Heimatgefühl gegenüber seiner Stadt verspürt. „Weißt du noch, wie ich mich immer nannte: Einen entwurzelten Kosmopoliten, überall gleichermaßen heimatlos. Ich habe mich geirrt“, heißt es in einem Strip. Und dann sagt er den bemerkenswerten Satz: „Endlich verstehe ich, warum manche Juden Berlin nicht gleich nach der Kristallnacht verlassen haben.“ Sieben Jahre nach dem Original „In the Shadow of no Towers“ ist nun die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Im Schatten keiner Türme“ (Atrium-Verlag, 42 Seiten, 34,90 Euro) erschienen. Endlich.

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