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Nachrichten Kultur Die Tate Modern wird umgebaut
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07:37 08.08.2012
Die Londoner Tate Gallery steht vor einem Umbau. Quelle: dpa
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London

Jahrelang waren sie der Welt verloren. Sie wurden nicht mehr gebraucht: Also vergaß man sie nach und nach. Noch als in den neunziger Jahren der Plan Gestalt annahm, die seit 1981 still vor sich hin träumende Bankside Power Station in London in ein Museum von Weltrang zu verwandeln, kam niemand auf den Gedanken, zusammen mit dem Kraftwerk auch dessen alte Öltanks aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Die Tanks waren von Gras und Blumen überwuchert. Vielleicht war ja auch der Kraftakt der Geburt der Tate Modern zur Milleniumswende erschöpfend (und kostspielig) genug.

Seither, seit dem Jahr 2000, hat sich die neue Tate zu einer Spitzenattraktion der britischen Hauptstadt entwickelt. Fünf Millionen Menschen pilgern zu ihrer berühmten Turbinenhalle und zu ihren großen Ausstellungen jedes Jahr. Künftig sollen es noch wesentlich mehr Besucher werden.

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Die Tate Modern will sich zur weltweit führenden Stätte für moderne Kunst aufschwingen. Um 70 Prozent Darbietungsfläche wird binnen vier Jahren das Museum erweitert. Begonnen aber hat man diese Expansion mit der Ausgrabung eben der vergessenen Tanks, gleich hinterm Museum – und mit deren Umwandlung in riesige unterirdische Räume für Film, Tanz und Performance Art.

In Kleeblattform, sieben Meter hoch und mit Durchmessern von je 30 Metern, waren die drei monumentalen Betonkessel von Ingenieuren in den fünfziger Jahren erdacht und angelegt worden. Eine Million Gallonen Öl, über vier Millionen Liter, fassten sie leicht. Zwei der Kessel sind nun in kreisrunde Museums-Höhlen umgebaut worden. Der dritte dient Künstlern und besuchenden Trüppchen als angegliederter Nutzraum.

Kein Tageslicht dringt in die kuriosen Räumlichkeiten. Nicht einen Augenblick lang soll man vergessen, wo man sich befindet. Alles ist in rauem Beton belassen. Gestänge, kahle Treppchen sind über den Türen auszumachen. Ganz hinten in den Tanks glaubt man noch letzte Reste von Öl zu riechen.

Den Umbau besorgt haben die Baseler Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron (die neben diversen Kulturtempeln rund um den Globus ja auch schon für die ursprüngliche Umwandlung des Kraftwerks zur Tate Modern verantwortlich zeichneten). Ihr Ziel ist es gewesen, den industriellen Charakter der Baulichkeit zu enthüllen und präsent zu halten, beim Angliedern der Tanks ans Hauptgebäude kompromisslos zu sein.

Vor dem Hintergrund der rissigen Betonwände, unter den mächtigen Stützpfeilern darf sich von nun an entfalten, was bisher wenig Platz „droben“ im Galeriebetrieb fand. Installationen, optische und akustische Spielereien, Livedarbietungen, Tanz, Kunstdebatten, komplexe Videovorführungen sind für die Tanks vorgesehen. Im Underground soll sich hier versammeln, was sonst keine Heimat hat.

Den Anfang gemacht haben Installationen aus den siebziger und achtziger Jahren – Lis Rhodes „Light Music“, Suzanne Lacys „The Crystal Quilt“. Eine erste Auftragsarbeit speziell für die Tanks hat mit ihren „Temper Clay“ betitelten Film- und Klangexperimenten die Koreanerin Sung Hwan Kim geliefert, die voriges Jahr schon in der Kunsthalle Basel zu sehen war.

Abends, wenn oben in den „normalen“ Ausstellungsräumen bereits Ruhe eingekehrt ist, sind außerdem im Kunstlicht der Tanks noch Aufführungen zu sehen, die kurzfristig wechseln, immer aber das Publikum einbeziehen wollen. Mit den Tanks habe „das Orchester, das die Tate Modern ist, ein neues Instrument erhalten“, erklärt Museumsdirektor Nick Serota mit großer Zufriedenheit. „Hier werden wir künftig die Art von Kunst vorstellen, die traditionell nur in alternativen Räumen, und dort auch nur sehr kurzzeitig, und oft kaum dokumentiert, zu sehen war.“

Danach will Serota der Tate Modern in einem neuen, weitflächigen Bankside-Anbau weitere Film-, Foto- und Ausstellungsräumlichkeiten schaffen. An dieser mehrstöckig „verdrehten Pyramide“ wird bereits gebaut. Die Tate will hoch hinaus. Paris und New York sollen große Augen machen.

Bis 2016 soll die „erweiterte Tate Modern“ (fürs erste) fertig sein. 216 Millionen Pfund wird das gesamte Projekt, ungeachtet britischer Austerität, verschlingen. Die jetzt, pünktlich zu den Olympischen Spielen, eröffneten Tanks stehen schon mal für den Ehrgeiz des Unternehmens. Die Tanks allein sind bereits größer als durchschnittliche britische Kunstgalerien - und zweifellos, mit ihrem Kraftwerkserbe, sehr viel kurioser und origineller, als es die meisten anderen Räumlichkeiten für moderne Kunst sein können.

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