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Kultur Die Theaterformen haben begonnen
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13:54 04.06.2010
Warten auf das Glück: Der Zwerg hat Besuch bekommen - doch schon bald wird man sich zanken. Quelle: Michel Nicolas
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Auf die Lage kommt es an. Und die ist ja wunderbar. Im Zentrum der Stadt und doch mitten im Grünen liegen die beiden Spielstätten des Staatstheaters Braunschweig. Den Park, der sich zu beiden Seiten des Großen Hauses erstreckt, nutzt jetzt das Festival Theaterformen.

Auf der einen Seite, im Museumspark, ist das Festivalzentrum (mit Konzertbühne und Gastronomie) untergebracht, auf der anderen Seite, im Theaterpark, steht ein Zirkuszelt. Hier wurde die neue Ausgabe des niedersächsischen Festivals, das im jährlichen Wechsel mal in Hannover, mal in Braunschweig stattfindet, jetzt eröffnet.

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Zwar war es einige Jahre lang gute Theaterformentradition, das Festival mit zirzensischem Theater zu beginnen, zwar spielt man jetzt in einem Theaterzelt, aber die Eröffnungspremiere „Le Grand Nain“ (Der große Zwerg), gespielt von der französischen Compagnie Anomalie, ist kein Zirkus, nicht mal ein trauriger.

Mitten im Chapiteau ist eine Bühne aufgebaut, darauf steht ein schiefes Häuschen. In dem Häuschen lebt ein Männlein. Das Männlein trägt ein weißes Hemdchen und eine Hose, deren Bund so tief sitzt, dass es nur trippeln kann. Es trippelt hierhin, es trippelt dorthin. Es räumt sein Häuschen auf. Lange räumt es sein Häuschen auf. Sehr lange.

Immer, wenn es eine der vielen Schubladen an den Wänden aufzieht, ertönen merkwürdige Geräusche. Das Männlein macht Schubladenmusik. Es tanzt ein bisschen, es raucht eine Zigarre. Durch die Löcher im Zeltdach kann man sehen, dass draußen noch die Abendsonne scheint. Das Männlein macht irgend etwas. Und kurz bevor die Zuschauer einschlafen oder zu protestieren beginnen oder weglaufen, geschieht doch noch etwas: In dem Erdhügel, der sich wohl lange vor Beginn des Spiels durch das Fenster ins Häuschen ergossen hat, wird ein Fuß sichtbar. Das Männlein zerrt daran herum, und ein anderes Wesen erscheint. Es ist ein dünner Mensch mit einem Lendenschurz.

Langsam, ganz langsam, kommt er zu Bewusstsein und zu Kräften. Später streitet er sich mit dem Männlein. Am Ende verlässt das Männlein sein Häuschen. Kaum ist es draußen, tritt ein zotteliges Wesen ein. Das Männlein wird böse, erschießt das Zottelwesen mit seinem Bumgewehr, fällt dabei aber auch selber um. Rums. Aus.

Nun könnte man sagen, dass die Produktion irgendwie in der Tradition von Beckett stehen würde oder dass das Theater schließlich der Ort fürs Skurrile und Sonderbare bleiben müsse und dass so ein Stück von daher schon in Ordnung wäre. Man könnte auch von der beschleunigten Welt sprechen und von der Erfahrung von Langsamkeit, die man sich als Zuschauer vielleicht wieder erarbeiten müsse. Oder vom Fremden, mit dem man sich auseinandersetzen müsse und das eben oft die Eigenschaft hat, ganz anders zu sein, als das was man kennt. Das Fremde, könnte man sagen, sei eben manchmal unbequem, und auch die Kunst müsse manchmal unbequem sein.

Aber es hülfe ja alles nichts. Der Zwerg war langweilig. Das Theater war reine Lebenszeitvernichtung – und warum ausgerechnet mit solch einem Grottentheater ein Festival eröffnet wird, das sich mittlerweile international einen sehr guten Ruf erarbeitet hat, das dürfte das Geheimnis von Festivalleiterin Anja Dirks bleiben.

Das Publikum applaudierte höflichst. Johanna Wanka, Niedersachsens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, die das Festival im Zelt mit schönen Worten („Möge das Theater Ihre Herzen erreichen“) eröffnet hatte, schlich sich im Dunkeln bei Spielbeginn aus dem Zelt. So ein heimlicher Abgang ist verwunderlich, stellte sich aber im Nachhinein doch als sehr kluge Entscheidung heraus.

Die Theaterformen in Braunschweig dauern noch bis zum 12. Juni. „Le Grand Nain“ ist noch einmal heute Abend um 20 Uhr im Theater am Park zu sehen. Dem Afrika-Schwerpunkt „The Presence of Colonial Past“ ist am 5. und 6. Juni im Staatstheater ein Themenwochenende gewidmet. Dazu passen das Solostück „Mission“ von dem Belgier David Van Reybrouck (Freitag und Sonnabend) und Boyzie Cekwanas südafrikanische „Influx Controls“ (Sonntag, Dienstag, Mittwoch). Karten und vollständiges Programm unter Telefon (05 31) 1 23 45 67.