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Kultur "Die Wanderjahre": Der dritte und letzte Teil von Peter Zadeks Autobiografie
Nachrichten Kultur "Die Wanderjahre": Der dritte und letzte Teil von Peter Zadeks Autobiografie
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15:44 07.05.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Peter Zadek
Auf Wanderschaft: Regisseur Peter Zadek 1987 Quelle: dpa
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Wie den ersten beiden Bänden liegen auch diesem Tonbandaufzeichnungen zugrunde. Zadek hat, sich erinnernd, Tonbänder besprochen, seine (Lebens-)Partnerin Elisabeth Plessen hat die Aufnahmen dann in Schriftform gebracht und zusammen mit Helge Malchow, dem Chef von Kiepenheuer & Witsch, herausgegeben.

In „Die Wanderjahre“ widmet sich ­Zadek dem Zeitraum von 1980 bis 2009. Er schreibt die Geschichte seines Lebens als Geschichte seiner Arbeiten. Beginnend mit der großen Fallada-Revue ­„Jeder stirbt für sich allein“ von 1981 und Joshua Sobols „Ghetto“ (1984), gelangt er über „Andi“ (in seiner Zeit als Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg) und „Das Wunder von Mailand“ (am Berliner Ensemble) bis zu der nicht zustande gekommenen Inszenierung von „Was ihr wollt“. Da wollte Peter Zadek seine ganze Theaterfamilie noch mal zusammenbringen, wollte ein freies Wandertheater aufmachen, im Domizil von Tom Stromberg, in Streckenthin im Brandenburgischen. Doch dann wurde er krank, konnte das Unternehmen nicht zu Ende bringen. Er wollte, dass Arie Zinger, sein langjähriger Assistent, die halbfertige Inszenierung beendet, aber die Schauspieler wollten nicht. Angela Winkler, Susanne Lothar, Eva Mattes und Hans-Michael Rehberg ließen das Projekt scheitern – alles Schauspieler, die dem Regisseur viel zu verdanken haben. Zadek verbirgt seine Enttäuschung nicht: „Es hat natürlich katastrophal auf mich gewirkt. Anschließend kamen dann lauter Briefe von den Schauspielern, die mich sozusagen sitzen gelassen hatten. Ich habe sie gar nicht erst gelesen. Einfach ungelesen in den Papierkorb geworfen. Angela kam sogar ins Krankenhaus, Elisabeth hat sie kurzerhand rausgeschmissen. Danach wurde ich in Ruhe gelassen. Man hoffte, dass ich mich erhole. Aber ich fand es ein ... das Ende dieses Projekts war ein furchtbarer Schlag für mich.“

Das klingt ruppig, nicht ausformuliert und nicht geschliffen – und genau das macht die Qualität dieser Autobiografie aus. Der alte Meister sagt, wie es ist. Er ist offen, schonungslos, undiplomatisch. Er schimpft über Kollegen wie Claus Peymann, Peter Stein oder Heiner Müller, die Arbeiten von Nicolas Stemann sind ihm unverständlich („Konzepttheater: Das traurige Ergebnis: Das Publikum bleibt weg“), die chorische Arbeitsweise von Einar Schleef bezeichnet er als faschistisch. Mit der Offenheit des Alters nennt er Schauspieler überfordert, phantasielos und narzisstisch. Über Eva Mattes etwa schreibt er: „Sie wäre bei jedem anderen Regisseur so schlecht, dass sie niemand mehr auf der Bühne sehen wollte.“

Aber er schüttet auch das Füllhorn des Lobes aus. Hinter all seinem Gezänk und Gekeife, das oft an Kantinenstreitereien erinnert, schimmert seine Liebe zu den Leuten durch, die auf der Bühne stehen. Sein Theater, davon erzählt der ganze dritte Band, ist stets ein Theater der Schauspieler gewesen.

Zadek war kein Konzeptualist, kein Welt- und kein Theaterveränderer, er war ein begnadeter Schauspielerflüsterer. Die Schauspieler hatten die Ideen, machten die Angebote, Zadek schaute, dass es passte. Er wollte nie, dass die Schauspieler den Text vor den Proben lernen. Alles sollte auf den Proben, im Prozess eines großen Gesprächs, entstehen. Bloß keine Konzepte, bloß keine Zurichtung! Zadek sah sich immer als Ermöglicher. Und das war er. Er ermöglichte es seinen Schauspielern, groß zu sein.

Umso getroffener war er am Ende. Aber weinerlich und selbstmitleidig ist seine Autobiografie sonst nicht. Seine Krebserkrankung verschweigt er nicht, aber sie wirkt auch nicht besonders wichtig. Zwar schreibt er immer wieder über Arztbesuche, lobt und kritisiert die Mediziner, aber er macht das so, wie ältere Menschen das oft tun: im Grundton der Meckerei. Lebensbestimmend ist das Thema nicht für ihn.

Auch Theaterkritiker kommen in seiner Biografie vor. Am Rande. Er beschimpft sie als Parasiten, als unfähige Beobachter. „Es sind auch nicht unbedingt die Theaterkritiker, die sich für das Theater interessieren. Die meisten interessieren sich in erster Linie für sich und für ihre eigenen Karrieren und ihre Popularität“, schreibt er in dem Kapitel über „Die Provinzialität der Kritik in Deutschland“. Darin schreibt er auch, dass er längst keine Theaterkritiken mehr lese, sondern sich von seinen Assistenten nur sagen lasse, wie viele positive, wie viele negative Bewertungen seiner Arbeit es gegeben habe. Trotzdem sind am Ende im Anhang einige Kritiken über seine Inszenierung abgedruckt – selbstverständlich nur die positiven. Aber immerhin vermitteln sie einen schönen Eindruck davon, wie begeisternd, wie reich, wie großartig sein Theater war.

Zadek, das ist das Schlimme, hatte keinen Nachfolger. Keiner seiner Schüler, das gibt er zu, ist wirklich berühmt geworden. Überhaupt wird das Theater nicht mehr in dem Maß von Leuten geprägt, die die Schauspieler so sehr geliebt haben, wie Peter Zadek sie geliebt hat.

Peter Zadek: „Die Wanderjahre 1980–2009“. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Elisabeth Plessen. Kiepenheuer & Witsch. 520 Seiten, 24,95 Euro.

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