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Kultur „Die Welt ist nicht bei Trost“
Nachrichten Kultur „Die Welt ist nicht bei Trost“
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00:00 23.12.2016
Petra Bahr
Hannover

Frau Bahr, Sie packen vermutlich gerade Umzugskisten. Schaffen Sie es trotzdem noch, zu Weihnachten etwas Besinnlichkeit aufkommen zu lassen?

Auf Umzugskisten kann man es sich mit ein paar Kerzen durchaus besinnlich machen. Ist ja so ein Josef-und-Maria-Gefühl. Nur wissen wir ja, dass wir in Hannover eine schöne Herberge haben. Nein, im Ernst, in vielerlei Hinsicht wird es ein Weihnachtsfest im Zeichen des Abschieds. Das letzte Mal Krippenspiel für den Sohn, das letzte Mal den Baum vom Platz um die Ecke, das letzte Mal den Stollen der Nachbarin, die aus Dresden kommt. Wir werden uns noch ein paar Tage in die Ruhe zurückziehen. Das Neue will auch vorbereitet sein.

Sie sind – so die HAZ – eine „leidenschaftliche Predigerin“. Was werden Sie ins Zentrum Ihrer Weihnachtspredigt stellen?

Keine Gottesdienste – das wird mit Abstand das ruhigste Fest seit Jahren und sicher auch der kommenden Jahre.

Eine Woche nach Ihrer Amtsein-führung als neue Landes-super-intendentin des Sprengels Hannover sind Sie im Januar zu Gast in der Gesprächs-reihe „Welt-ausstellung Prinzenstraße“ im Schauspielhaus. Eine Frage vorab: Was macht eigentlich eine Superintendentin? Und wie gut kennen Sie Ihren neuen Sprengel?

Das Amt der Landessuperintendentin ist ja ein Predigtamt. Ich freue mich schon sehr auf die vielen fremden Kanzeln und die Gemeinden, die ich kennenlernen werde. Auch Seelsorge ist wichtig. Die vertrauliche bei denen, die in der Kirche arbeiten und manchmal an sehr menschliche Grenzen kommen, aber auch die öffentliche, in Zeiten, die nun wirklich nicht bei Trost sind.

Mit Ihrer Gastgeberin und Gesprächspartnerin bei der „WeltausstellungMely Kiyak haben Sie zumindest eines gemein: Sie beide sind gefragte Kolumnistinnen, wenn auch auf unterschiedlichen Gebieten. Haben sich Ihrer beider Wege schon einmal gekreuzt?

Mely Kiyak kenne ich bislang nur als Leserin. Ich freue mich riesig auf unser Treffen.

Gegenwärtig erfahren die Religionen weltweit eine Repolitisierung, wie man sie fast nicht mehr für möglich gehalten hätte. Zugleich werden religiöse Aspekte für politische Zwecke instrumentalisiert, Ab- und Ausgrenzungen nehmen zu, religiöse Minderheiten werden verfolgt. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?

Es schmerzt mich sehr, zu sehen, dass Religion zunehmend als etwas Gefährliches wahrgenommen wird. Die Gefahr der Politisierbarkeit ist immer dagewesen und hat Europa ja sehr geprägt. Nun ist es die islamische Welt, in der Brüder und Schwestern des Glaubens zu Ungläubigen erklärt werden, ein entfesselter Krieg ohne Grenzen, der sehr viel mit dem Dreißigjährigen Krieg gemeinsam hat. Aber auch die russisch-orthodoxe Kirche wird zunehmend zur religiösen Absicherung von Putins Macht mit allem, was dazugehört: Antisemitismus, Gewalt gegen Priester, die da nicht mitmachen, aggressive Polemik gegen den sogenannten westlichen Lebensstil. Dabei ist Religion doch eine Befreiungs- und Trostgeschichte, eine Kraft, um aus dem Teufelskreis von Rache, Ehrverletzung und Vergeltung auszusteigen, weil deutlich wird: Wir sollen Menschen sein und nicht Gott. Das ist eine Kampfansage an alle Formen der Selbstüberhebung über andere.

2017 ist Lutherjahr. Der „Spiegel“ leitete es Ende Oktober mit einer Titelgeschichte ein und präsentierte Martin Luther als „ersten Wutbürger“ – er sei ein „Mann zwischen gestern und heute, zwischen Glaube und Wut“. Gehen Sie da mit?

Typisch „Spiegel“. Die Lust an der Übertreibung ist die Schwester der Falschmeldung. Martin Luther war ein emotionaler Mensch. Gegen Ende seines Lebens hat er schlimme Dinge über Juden gesagt. Er hatte Schwächen und wurde durch Enttäuschung in seinem Urteil getrübt. Ein Wutbürger war er nicht. Er hat nicht geschrien, sondern geschrieben. Heiliger Zorn war durchaus dabei, aber er hat nach theologischen Argumenten gesucht.

Luther hat allerdings auch viel über die Macht der Gefühle nachgedacht und festgestellt, dass Emotionen zu Herrschaftsinstrumenten werden können. „Da hat mich der Teufel geritten“ – das war für ihn der Ausdruck für die Unterwerfung unter starke Gefühle. Sich Gott anzuvertrauen, ist auch eine Möglichkeit, die Teufel der Wut und des Neides abzuschütteln. Ziemlich aktuell, finde ich. Genau wie die Einsicht, dass die Zunge ein Mordinstrument sein kann.

2016 war – so sehen es nicht wenige – das Jahr des Hasses. Sie müssten ja eigentlich schon von Berufs wegen Hoffnung verbreiten. Was erwartet uns 2017?

Ich weiß nicht, was uns erwartet. Die Welt ist nicht bei Trost. Deshalb brauchen wir den Trost, der in Gottes Nähe zu uns liegt, auch wenn das nur schwer zu glauben ist. Wir alle können aber einen Beitrag dazu leisten: Wir sollen nicht im Sessel auf noch schlimmere Zeiten warten. Wir können uns für unsere Freiheit einsetzen, wir müssen nicht akzeptieren, dass eine Minderheit zur Verwahrlosung des öffentlichen Sprechens beiträgt. Wir können einen mutigen Gedanken in den Alltag übersetzen, auf allen Bühnen unseres Lebens: „Was wäre, wenn der andere Recht hat?“. Das verändert schon viel.

Interview: Björn Achenbach

Weltausstellung Prinzenstraße: Glauben Leben

Im neuen Jahr lädt Mely Kiyak Theologen, Geistliche und Gläubige zum Gespräch in die „Weltausstellung Prinzenstraße“ ein, die sich nun mit Glaubensfragen auseinandersetzen wird. Zum Auftakt am 29. Januar um 11 Uhr kommt die designierte Landessuperintendentin Petra Bahr ins Schauspiel-Foyer. Zwischen Februar und Mai gibt es vier weitere Folgen.

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