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Kultur Die Werkstatt der europäischen Musik
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22:09 15.08.2017
Von Stefan Arndt
Leidenschaftlicher Vermittler: Lajos Rovatkay.Foto: Heidrich
Leidenschaftlicher Vermittler: Lajos Rovatkay.Foto: Heidrich Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Es geht natürlich um Steffani als Komponisten, aber zusätzlich auch um seine Tätigkeit als Diplomat in weltlichen wie kirchlichen Diensten, um die Bedingungen, die er in Hannover vorfand, und um die Nachwirkung, die seine Arbeit in der Musik- und Geistesgeschichte gehabt hat.

Ein weites Panorama

„Agostino Steffani - Europäischer Komponist, hannoverscher Diplomat und Bischof der Leibniz-Zeit“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 406 Seiten, 45 Euro), heißt das neue Buch. Darin sind Beiträge von Wissenschaftlern wie dem britischen Musikwissenschaftler Colin Timms dokumentiert. Sie wurden 2014 auf einem internationalen und interdisziplinären Symposium in Herrenhausen gehalten. Erst aus der Vielfalt der Autoren und Themen ergibt sich ein Gesamtbild, das einer Figur wie Steffani viel gerechter wird als eine Schilderung aus nur einer Perspektive.

Die Tagung stand am Anfang eines Unternehmens, das sich einer ähnlich differenzierten Arbeitsweise verschrieben hat. Das Forum Agostino Steffani (FAS) ist seit dem Symposium vor allem mit einer jährlichen Festwoche in Erscheinung getreten - die nächste Ausgabe ist für Juni 2018 geplant -, die mit einer besonderen Mischung aus Konzerten und Vorträgen deutlich macht, dass er hier nicht nur um ein Musikfestival zu Ehren eines Komponisten geht.

Der künstlerische Leiter des FAS, Lajos Rovatkay, hat ein kulturgeschichtliches Panorama vor Augen, in dessen Zentrum zwar Steffani und sein wichtigster Wirkungsort Hannover stehen; zugleich nimmt er aber eine europäische Dimension weit über die Stadtgrenzen hinaus in den Blick. Ähnlich wie das Steffani-Buch aus vielen Einzelaspekten ein Gesamtbild zusammensetzt, will Rovatkay dem Festwochen-Publikum nach und nach vor Augen und Ohren führen, welchen außergewöhnlichen Rang Hannover als Musikstadt schon vor 300 Jahren hatte.

Wichtige Rollen spielen dabei Herzog Ernst August und sein vor ihm regierender Bruder Johann Friedrich, die im Streben nach der Kurwürde größtmöglichen Glanz in Hannover entfaltet sehen wollten. Während Ernst August (vermutlich auf Anraten von Leibniz) mit Steffani einen der wichtigsten Komponisten seiner Zeit nach Hannover holte, der die Hofoper mit prachtvollen Werken bespielte, sorgte sein Vorgänger dafür, dass auch die geistliche Musik auf in Norddeutschland bis dahin ungewohnte Höhe gehoben wurde.

Der zum Katholizismus konvertierte Johann Friedrich ließ in der Kapelle des Leineschlosses kunstvolle italienische Kirchenmusik musizieren. So war der Boden bereitet für einen Musiker wie Steffani, der in seinen Werken eine Synthese aus italienischer und französischer Musik vollzog und so auf deutschem Boden einen neuen Stil und eine Basis schuf, auf die bald darauf Bach und später die Wiener Klassiker aufbauen sollten.

Hannover war in den Neunzigerjahren des 17. Jahrhunderts eine „Werkstatt der europäischen Musik“, wie Rovatkay im Begleitwort zum Steffani-Buch schreibt. Wer diese Werkstatt versteht, gewinnt auch ein besseres Verständnis der klassischen und modernen Musik, die das Konzertrepertoire beherrscht. Die neue Veröffentlichung ist dabei die wissenschaftliche Variante der durchaus auch pädagogischen Bemühungen, die die Macher des FAS antreibt. Wer verstehen will, warum Hannover sich tatsächlich mit Recht Musikstadt nennen kann, sollte ihnen unbedingt zuhören.

Daniel Alexander Schacht 15.08.2017
15.08.2017