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09:49 25.04.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Foto: Gute Aussichten: Intendant Lars-Ole Walburg (Mitte) mit seinen Dramaturgen Florian Fiedler und Lucie Ortmann.
Gute Aussichten: Intendant Lars-Ole Walburg (Mitte) mit seinen Dramaturgen Florian Fiedler und Lucie Ortmann. Quelle: Surrey
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Hannover

Das verspricht, spannend zu werden. Lars-Ole Walburg, hannoverscher Schauspielintendant, dessen Vertrag im vergangenen Jahr für weitere drei Spielzeiten verlängert wurde, startet mit der Dramatisierung eines berühmten Antikriegsromans in die neue Saison. Am 20. September wird auf der großen Bühne des Schauspielhauses Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ Premiere haben. Eine Uraufführung ist das nicht, denn der Roman wurde schon einige Male auf die Bühne gebracht. Aber es wird eine sehr eigene (und eigenwillige?) Produktion sein: mit einer eigens eingerichteten Textfassung – und ohne jeden Schützengraben. Dass er keine Schützengräben auf der Bühne zeigen wolle, das sei ihm sehr schnell klar gewesen, sagte Walburg gestern bei der Vorstellung der kommenden Spielzeit. Die Darstellung von Kriegshandlungen sei für ihn auch nicht das besonders Interessante an Remarques Roman. „Mich interessiert hier eher etwas anderes“, sagte Walburg, „nämlich, wie wenig es braucht, um das Barbarische herauszulassen.“

Davon, dass „der Firnis unserer Zivilisation in Europa“ sehr dünn und der Frieden brüchig sei, berichtet er auch in der Spielzeitbroschüre, in der das Theater die Projekte der kommenden Saison vorstellt. Davon, dass unser Lebensstil sich „einer massiven Verteilungsungerechtigkeit verdankt“, ist in dem Heft die Rede, und davon, dass „unser Begriff von Würde und Anstand nicht sehr verlässlich ist“ – was sich auch in unserem Umgang mit Menschen, die nach Deutschland flüchten, widerspiegele.

Auf all das versucht das Schauspiel Hannover zu reagieren. Im Ballhof 1 etwa wird George Orwells „1984“ zu sehen sein, die frühe Dystopie vom entwickelten Überwachungsstaat wird von Florian Fiedler, dem Leiter des „Jungen Schauspiels“, inszeniert. Premiere ist am 11. Oktober.

Einen Tag vorher wird ein anderes, möglicherweise auch recht politisches Projekt im Schauspielhaus Premiere haben. Stefan Kaegi, einer der Gründer der renommierten Theatergruppe Rimini Protokoll, setzt sich in „VV“ mit dem Verhältnis von Volkswagen und China auseinander. Mehrfach ist der Theatermann zu Recherchen nach China geflogen. Dort hat er mit Arbeitern in VW-Werken, mit deutschen Ingenieuren und mit chinesischen Parteimitgliedern und Städteplanern gesprochen. In seinem Projekt will er unter anderem danach fragen, wie viel Mobilität die Supermacht erträgt, deren Millionenstädte jetzt schon mit Smog und gigantischen Verkehrsstaus kämpfen. Während Rimini Protokoll sonst mit „Experten des Alltags“, also Laiendarstellern, zusammenwirkt, stehen für das China-Projekt Schauspieler des Ensembles auf der Bühne.

Das Ensemble wird sich in der kommenden Spielzeit stark verändern. Acht Schauspieler werden Hannover verlassen. Verabschieden muss sich das Publikum von Elisabeth Hoppe, Dominik Maringer, Sebastian Kaufmane, Camill Jammal, Thomas Mehlhorn, Mirka Pigulla, Rebecca Klingenberg und Juliane Fisch. Sechs Neuzugänge wird es geben, vier Namen sind bereits bekannt: Günther Harder, Jonas Steglich, Mathias Spaan und Sophie Krauß. Solch ein Wechsel bringe das Ensemble voran, meint Walburg: „Es gibt dann eine andere Neugier aufeinander.“

Die Neugier auf das Schauspiel Hannover scheint in der Stadt stetig zu wachsen. Intendant Walburg freut sich, dass die Platzauslastung bis Ende März von 71 Prozent im vergangenen Jahr auf immerhin 75 Prozent gesteigert werden konnte.

Im Jungen Schauspiel sieht’s sogar noch besser aus. Da liegt die Auslastung bei 87 Prozent. Besonders die Comic-Revue „Südpark“, Franz Kafkas „Die Verwandlung“ und das Geräuschtheaterprojekt „Schillers Räuber“ laufen gut. Ganz hervorragend aber läuft „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf. Weil die Nachfrage so groß ist, wechselt die Produktion öfter mal auf die große Bühne des Schauspielhauses. Die wird dann, was sie doch längst ist: Spielort des jungen Schauspiels.

Da kommt was auf uns zu

Uraufführungen:

  • „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky (21. September, Cumberlandsche Galerie)
  • „Tigermilch“ von Stefanie de Velasco (18. Oktober, Ballhof 2)
  • „Wie ich Johnny Depps Alien-Braut abschleppte“ von Gary Ghislain (12. April 2015, Ballhof 1)
  • „Deals“ von Jan Friedrich (16. April 2015, Ballhof 2)
  • „The Homemaker“ von Noah Haidle (16. Mai 2015, Schauspielhaus)

Klassiker:

  • „Anna Karenina“ nach dem Roman von Tolstoi (1. November, Schauspielhaus)
  • „Torquato Tasso“ von Johann Wolfgang von Goethe (15. Dezember, Ballhof 1)
  • „Maß für Maß“ von William Shakespeare (10. Januar 2015, Schauspielhaus)
  • „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller (7. Februar 2015, Schauspielhaus)
  • „Floh im Ohr“ von Georges Feydeau (7. März 2015, Schauspielhaus)
  • „John Gabriel Borkman“ von Henrik Ibsen (11. April 2015, Schauspielhaus)

Projekte:

  • „Tor zur Freiheit“. Ein Projekt mit jugendlichen Zuwanderern (11. September, Ballhof Eins)
  • „VV – Eine China-Kopie“ von Stefan Kaegi von Rimini Protokoll (10. Oktober, Schauspielhaus)
  • „Sympathie für den Teufel. Ein musikalischer Götzendienst“. Revue über das Böse, Florian Hertweck (12. Oktober, Cumberlandsche Bühne)
  • „Ich war Günter Wallraff“ von Gerardo Naumann, Aljoscha Begrich und Günter Wallraff (10. Mai 2015, Cumberlandsche Bühne)
  • „Sommertheater“. Ein Projekt im Innenhof des Schauspiels inszeniert von Albrecht Hirche (6. Juni 2015)
  • „Das Anadigiding II“ von Rainald Grebe (verschiedene Orte)
  • „Kuttner erklärt die Welt“. Videoschnipselvorträge von Jürgen Kuttner (in loser Folge im Schauspielhaus)
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