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Kultur Die neuen Erotikromane modernisieren das Genre
Nachrichten Kultur Die neuen Erotikromane modernisieren das Genre
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17:14 02.02.2010
Traumhaft schön: Will McBrides „Barbara in unserem Bett“, gerade zu sehen in „Nude Visions. 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Quelle: HAZ
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Männer wollen immer nur das Eine? Egal, ob Klischee oder nicht: Aufregen kann so eine Behauptung kaum jemanden. Interessanter wird es, wenn es um die Sexualität von Frauen geht. Frauen, die sich öffentlich über ihr Sexleben äußern oder erotische Literatur schreiben, können mit ziemlich viel Aufmerksamkeit rechnen. Immer noch und immer wieder. Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ über die junge Helen, die auf Körpersäfte jeglicher Art fixiert ist und Geschlechtsverkehr der raueren Art bevorzugt, war der erfolgreichste deutsche Roman der vergangenen Jahre. Der im Vorjahr erschienene Roman „Bitterfotze“ der Schwedin Maria Sveland über eine sexuell frustrierte junge Mutter provozierte schon allein durch seinen Titel. Und beim 2001 veröffentlichten autobiografischen Roman der Kunstkritikerin Cathérine Millet („Das sexuelle Leben der Cathérine M.“) waren die Leser baff, mit wie vielen Sexpartnern die Französin unterschiedlichste Praktiken ausprobiert hatte. Das sorgte für einen schönen Skandal und noch schönere Verkaufszahlen.

Auch bei den vor ein paar Jahren veröffentlichten, skandalumwitterten Romanen von Christine Angot („Inzest“) oder Virginie Despentes („Fick mich“) hatte man manchmal den Eindruck, dass die Autorinnen mit besonders harten Sexszenen und verzweifelten Heldinnen auftrumpfen wollten. Weit entspannter und selbstbewusster erzählen jetzt Annika Hennebach, Anna Blumbach und Victoria B. Robinson in ihren erotischen Romanen. Bücher dieser drei und rund ein Dutzend weiterer Autorinnen sind bislang bei Anais erschienen. In der Programmreihe des Berliner Verlags Schwarzkopf & Schwarzkopf werden seit knapp eineinhalb Jahren erotische Romane von Frauen für Frauen veröffentlicht. „Wir wollten das Genre jünger machen“, sagt Programmleiterin Jennifer Hirte. Als Zielgruppe habe man Leserinnen zwischen 18 und 40 Jahren im Auge.

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Die Verjüngungskur zeigt sich schon optisch: Alle Titel, die ausschließlich als Taschenbuch erscheinen, sind ähnlich gestaltet, mit einem roten Einband und dem Foto einer jungen Frau auf dem ­Cover. Das wirkt freundlich-ansprechend – und hat einen hohen Wiedererkennungswert. Doch auch inhaltlich versucht Anais neue Wege zu gehen. In den Romanen geht es mal um eine alleinerziehende Mutter, die anstrengenden Alltag und aufregende Nächte in Bars und Klubs unter einen Hut bringen muss („Kurze Nächte“ von Anna Blumbach), oder auch um die Abenteuer einer masochistisch veranlagten jungen Frau („Subjektiv“).

Victoria B. Robinsons „Schanzen-Slam“ erzählt von drei Freundinnen aus dem hippen Hamburger Schanzenviertel. Die drei bevorzugen kräftige Kerle und sind nicht eben prüde. Für die Befreiung der Sexualität müssen die um die 30-Jährigen nicht mehr kämpfen. Und von irgendwelchen gesellschaftlichen Fesseln, gegen die manche 68er-Autorinnen noch angehen mussten, muss sich in diesen Romanen längst keine Frau mehr befreien. Sexualität ist selbstverständlich und macht meistens Spaß. Die Romane sollen, so Jennifer Hirte, den ganz normalen deutschen Alltag erzählen, aber eben auch davon, was „passiert, wenn das Licht ausgeht“.

Diesen Büchern, die in einer respektablen Startauflage von 3000 bis 5000 Exemplaren erscheinen, haftet kein Schmuddelimage an, und mit den altbackenen Nackenbeißer-Romanen haben sie auch nicht viel zu tun. Nackenbeißer nennt man die Bücher, auf deren Cover eine Frau in den Armen eines durchtrainierten Manns liegt, der sie sinnlich auf den Hals küsst. Die Romane heißen dann etwa „Glut der Leidenschaft“ oder „Versuchung des Blutes“. Die Bücher von Anais, aber auch die Erotikromane aus dem Mira-Verlag kommen deutlich jünger und realitätsnäher daher. „Schanzen-Slam“ zum Beispiel ist eher ein Entwicklungsroman über Frauen, die den richtigen Lebensentwurf für sich und den dazu passenden Mann suchen. Allerdings sind die Sexabenteuer der meist heterosexuellen Heldinnen literarisch ziemlich schlicht gehalten. Von anspruchsvoller erotischer Literatur wie D. H. LawrencesLady Chatterley“, Henry Millers „Stille Tage in Clichy“ oder Anaïs Nins „Das Delta der Venus“ trennen die Mira- oder Anais-Taschenbücher Welten. Ebenso wie von zahlreichen anderen Romanen, in denen erotische Passagen auftauchen. Um Leidenschaft und Sex geht es ja in der Belletristik allenthalben – doch nicht überall werden die Sexszenen so detailliert beschrieben wie in den Anais-Büchern.

Ein Glücksfall für das Berliner Haus war gleich der erste Titel: Rebecca Martins „Frühling und so“ erreichte eine Auflage von mehr als 100 000 Exemplaren. Der Erfolg zeigt auch: Die Leser und die Medien mögen Extreme – je jünger eine Autorin ist (Rebecca Martin war bei Veröffentlichung gerade mal 18), desto größer das Interesse. Wer nicht mit jugendlichen oder prominenten Autorinnen oder skandalträchtigen Geschichten auftrumpfen kann, wird weniger wahrgenommen. Verlage wie Plaisir d’amour (Eigenwerbung: „Romantische Erotikliteratur mit Happy End, abgestimmt auf den weiblichen Lesegeschmack“) oder Claudia Gehrkes Konkursbuchverlag mit (oft lesbischer) Erotikliteratur führen eher ein Nischendasein. Charlotte Roches Roman ist mittlerweile zum Gegenstand der Wissenschaft geworden. Vor Kurzem ist die Untersuchung „Ein Debütroman als interdiskursives Ereignis“ von Alexander Senner erschienen; und literarische Trittbrettfahrer(innen), die „Feuchtgebiete“ nachahmen oder persiflieren, gibt es einige. Doch möglicherweise hinkt Deutschland wieder hinterher. Cathérine Millet, die mit ihren Bekenntnissen einst einen Skandal hervorrief, legt jetzt ihr neues Buch vor. Darin schildert die 61-Jährige, welche Qualen sie erlitt, als sie auf dem Schreibtisch ihres Mannes das Aktfoto einer jungen, schwangeren Frau fand. Statt über sexuelle Freizügigkeit schreibt Madame Millet jetzt über Eifersucht.

Gerade erschienen: Sophie Carlsen: „So weißverliebt“. Anais. 288 S., 9,90 Euro. Ab 8. Februar: Cathérine Millet: „Eifersucht“. Aus dem Französischen von Sigrid Vargt. Hanser. 224 S., 21,50 Euro.

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