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00:15 14.12.2013
Von Karsten Röhrbein
„Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat“: Rockstar Philipp Burger sieht sich selbst als verfolgte Unschuld – und als unpolitischen Musiker. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Wo seine Feinde stehen, weiß Philipp Burger inzwischen sehr genau. Meist sind sie nur ein paar Schritte von ihm entfernt, draußen vor den Konzerthallen. Sie sind schon dort, ehe die Show beginnt – und harren auch dann noch aus, wenn Burger die Bühne schon lange wieder verlassen hat. Sie kommen, um gegen rechtes Gedankengut zu demonstrieren, das Burger und seine Band Frei.Wild ihrer Meinung nach verbreiten. Sie halten Transparente gegen „Nationalismus und völkische Ideologie“ hoch. Knapp 300 waren es allein in Hannover, wo Frei.Wild vor Kurzem im Capitol gespielt hat. Burger hatte dafür nur Spott übrig: Vor 1800 Fans in der ausverkauften Halle verhöhnte er die Demonstranten als „ehrenamtliche Promo-Agentur“. Ganz falsch ist das nicht. Der Protest ist gut für sein Geschäft.

Philipp Burger ist Deutschlands umstrittenster Rockstar. Dabei kommt der 32-Jährige gar nicht aus Deutschland, sondern aus dem deutschsprachigen Teil Südtirols. Aber der Sänger und Songschreiber ist hierzulande sehr erfolgreich: Im März wurde das Frei.Wild-Album „Feinde deiner Feinde“ für den Musikpreis Echo nominiert – weil es so gut Verkaufzahlen hat. Mit der heiklen Frage, wie viel rechtes Gedankengut in Titeln wie „Wir reiten in den Untergang“ tatsächlich, musste sich die Jury allerdings gar nicht erst beschäftigen. Mehrere Bands hatten angesichts der Frei.Wild-Nominierung einen Echo-Boykott angekündigt – worauf die Südtiroler wieder ausgeladen wurden. Die Diskussion um die Band, so teilte der Bundesverband Musikindustrie knapp mit, habe gedroht, die Gala zu überschatten.

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Geschadet hat Frei.Wild auch dieser Eklat nicht. Die Neuauflage von „Feinde deiner Feinde“ kletterte wenig später sogar auf Platz eins der Charts. Dort steht seit vergangener Woche auch das aktuelle Frei.Wild-Album „Still“. Philipp Burger, der in seiner Jugend in der rechtsextremen Skinheadszene aktiv war und bis 2001 in der Rechtsrock-Band Kaiserjäger spielte, ist im Massengeschmack angekommen. Und so stellt sich die Frage: Wer hört diese Musik, die Härte des Rocks, die Härte der Sprüche? Wer sind die Zehntausenden, deren Lebensgefühl sich darin spiegelt? Der rechte Rand der Gesellschaft? Oder ist Frei.Wild womöglich gar nicht so rechts, wie es manchen scheint? Es lohnt sich, genau hinzuhören.

Burger wird nicht müde zu betonen, dass er mit seiner Skinheadvergangenheit abgeschlossen habe. Die Zeiten, in denen er mit seiner alten Band Kaiserjäger Zeilen wie „Heil dem Kaiser, Heil dem Lande, Österreich wird ewig stehen“ sang, seien lange vorbei. Er würde sich heute klar „gegen Nationalsozialismus und gegen jede rechte Gesinnung“ aussprechen. „Wir wollen keine Nazis auf den Konzerten!“, sagt Burger. Im Übrigen sei er unpolitisch. Verfolgte Unschuld, also? Andere hören anderes: völkisches Gedankengut, antisemitische Klischees, revisionistische Anspielungen. Zum Beispiel in Songs wie „Wahre Werte“: „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat“, heißt es dort, „ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk.“

In „Land der Vollidioten“ klagt Burger: „Kreuze werden aus Schulen entfernt aus Respekt vor den andersgläubigen Kindern.“ In einem anderen: „Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen? Wenn ihr euch ihrer schämt, könnt ihr sie doch verlassen!“. In Frei.Wild-Texten geht es häufig um „wir“ oder „ihr“, um Freunde und um Feinde. Feinde, das sind vor allem die „Gutmenschen“ mit ihrer Political Correctness, die vermeintlich unbequeme Wahrheiten nicht hören wollten. Und Kritiker die nach Burgers Ansicht Textzeilen aus dem Zusammenhang reißen.

Doch es wird nicht besser, wenn man die Zitate im Zusammenhang lässt. „Nichts als Richter, nichts als Henker / Keine Gnade und im Zweifel nicht für dich“, raunt Burger in „Wir reiten in den Untergang“ – und dann: „Heute gibt es Stempel, keinen Stern mehr / Und schon wieder lernten Sie es nicht“. Das Schicksal der im Nationalsozialismus verfolgten Juden, das sich bei „Henker“ und „Stern“ schnell aufdrängt, vergleicht Burger in Interviews unverholen mit dem seiner Band: „Unser Ausschluss vom Echo zeigt, wie schnell so etwas zu einer Massendynamik führen kann.“ Das Erstaunliche ist: Die schamlose Strategie geht auf. Fans bewundern Frei.Wild nicht nur wegen der verzerrten Gitarren und der eingängigen Riffs, die nach Schweiß und ehrlicher Arbeit klingen. Vor allem die vermeintliche Standhaftigkeit angesichts der zahlreichen Kritiker ist es, die die Band so attraktiv macht.

„Es gibt ein großes Bedürfnis nach Identitätsrock wie dem von Frei.Wild“, berichtet etwa Rechtsextremismusexperte Martin Gegenheimer vom Archiv der Jugendkulturen. Für Jugendliche sei es auch kein Widerspruch, neben linken Bands wie Die Ärzte auch Frei.Wild zu hören. „Die Band bliebt in vielen Textpassagen schwammig, das macht anschlussfähig“, sagt der 33-Jährige. Bei einem Workshop in der Nähe von Dresden stellte Gegenheimer überrascht fest, dass fast alle der 15- bis 17-jährigen Oberschüler Frei.Wild-Songs hörten – obwohl sich viele von ihnen gegen Rechts engagierten. Den Jugendlichen habe imponiert, dass sich die Band vermeintlich etwas zu sagen traue, was man eigentlich nicht aussprechen darf. „Die fanden das Anti-Helden-Image interessant.“ Eltern und Lehrer verurteilten die Band, da hätten die Songs den Reiz des Verbotenen.

Ob einige der Frei.Wild-Titel womöglich nicht so unbedenklich sind, wie die Band immer beteuert, soll jetzt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien untersuchen. Auf Initiative des Frei.Wild-Kritikers Thomas Kuban will das Thüringer Sozialministerium etwa prüfen lassen, ob in Titeln wie „Rache muss sein“ Hass verbreitet und Gewalt verherrlicht wird. „Jetzt liegst du am Boden, liegst in deinem Blut“, singt Burger da, „Das Blut auf meinen Fäusten, ich find’ das steht mir gut.“

Frei.Wild wird es verstehen, auch aus dieser Situation Kapital zu schlagen: Der Solidarität ihrer Fans kann sich die Band sicher sein, so scheint es. Der Kauf eines Frei.Wild-T-Shirts oder eines Schlüsselanhängers wird so zur Solidaritätsaktion. Im Fanshop gibt es Frei.Wild-Grillschürzen, für Kinder sind Kapuzenpullover mit dem Aufdruck „2. Generation“ im Angebot. Für Babys gibt’s Schnuller – und die Trinkflasche „Gegengift“.

Die kalkulierte Provokation

  • Immer für Schlagzeilen gut ist Bushido, besonders dann, wenn er was verkaufen will. Wen er beleidigt, ist dabei fast egal. Im Sommer wetterte der vormals als Integrationsvorbild gehätschelte Rapper in einem Song gegen Schwule und wollte auf Politiker schießen. Ergebnis: viele Schlagzeilen, viel Werbung, wenig Kosten. Dass er jetzt offiziell einen Dachschaden hat – in seiner Villa in Potsdam –, nehmen viele Gegner mit Genugtuung zur Kenntnis.
  • Die Katholische Kirche ist bevorzugtes Ziel von Madonna. Schon im Video zu „Like a Prayer“ in den Achtzigern brannten Kreuze, nicht zuletzt die Indizierung machte den Song zu einem ihrer erfolgreichsten überhaupt. Als sie sich auf ihrer Tournee 2006, unter anderem in Rom, mit einer Dornenkrone an ein großes Kreuz hängte, funktionierte das Spiel wieder – obwohl Madonna auf dem Zenit ihres Erfolgs war.
  • Konzerte von Rammstein sahen sich in den Neunzigern auch Verfassungsschützer an. Von Gewaltverherrlichung bis zum Spiel mit Nazisymbolen war alles dabei. Videos wurden indiziert, Songs boykottiert. Weil sie die Geister, die sie gerufen hatten, nicht mehr loswurden, zogen die Berliner die Notbremse, verorteten sich 2001 mit dem Song „Links, 2, 3, 4“ politisch – und ziehen ihr Provokationsgehabe seitdem regelmäßig selbst durch den Kakao. uj
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Erfolglos hatten Kritiker versucht, das Konzert der umstrittenen Band Frei.Wild zu verhindern. Nun haben am Freitagabend rund 300 Menschen vor dem Capitol gegen die Band demonstriert. Frei.Wild wird von den Kritikern mit der rechten Szene in Verbindung gebracht.

Tobias Morchner 30.11.2013

Vier Tage vor dem Frei.Wild-Konzert im Capitol wird nicht nur der Protest gegen den Auftritt der Tiroler Band lauter. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) in Bonn prüft, ob die umstrittenen Rocker in einem ihrer Lieder Hass und Gewalt propagieren.

29.11.2013

Am 29. November will die umstrittene Band Frei.Wild im Capitol spielen. Viele sehen das jedoch kritisch: Die Linken bringen Oberbürgermeister Schostok ins Spiel, in der Faust ist eine Diskussionsveranstaltung geplant – und jetzt werden die Texte der Band zudem auf Jugendgefährdung geprüft.

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