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Kultur Die zwei Hälften des Joe Cocker
Nachrichten Kultur Die zwei Hälften des Joe Cocker
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12:18 08.05.2013
Von Uwe Janssen
Joe Cocker in Hannover: Eine Woodstock-Legende singt in der TUI Arena zwei Stunden - und wird für ihr Lebenswerk bejubelt. Quelle: Mast
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Hannover

Er wird kommen. Vermutlich spät. Aber ohne ihn geht es nicht. Dieser, ja - was eigentlich? Schrei? Krächzer? Röchler? Joe Cocker wird ihn bringen: Am Ende von "With a Little Help from my Friends", Ringo Starrs Schunkelliedchen, aus dem Cocker ein Monstrum gemacht hat, ein massives Stück Rockgeschichte. Und dieser eine Schrei sagt mehr über die Emotion und Leidenschaft und Kraft von Musik als das Gesamtwerk vieler Kollegen. Warten wir ihn also ab.

Cocker in der TUI Arena. Größte Halle der Stadt. 7500 Menschen wollen ihn sehen. Nochmal. Den alten Mann und die alten Lieder. Vielleicht ist es wirklich die letzte Tour, das wollen sich viele Fans dann doch nicht entgehen lassen. Als er, kurz nach seiner Band, gemessenen Schrittes und wie immer ganz in schwarz an sein Rampenmikrofon tritt, feiern sie ihn erstmal. Weil er Joe Cocker ist. Lebensbegleitungsapplaus. Für Woodstock und alles danach. Schon da kann er sich sicher sein: Hannover ist ein Heimspiel.

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Joe Cocker in Hannover: Die Woodstock-Legende sang Ende 2013 in der TUI Arena zwei Stunden - und wurde am Ende für ein beeindruckendes Lebenswerk bejubelt.

"Fire it up", das jüngste Album, ist ein bisschen langweilig, aber Cocker weiß genau, weshalb die Leute da sind. "Feelin' alright" und  "The Letter" bringen den Saal und ihn selbst auf Temperatur. Und da ist schon so ein Übungsurschrei in "When the Night Comes".

Joe Cockers Performance hat zwei Hälften. Seine obere und untere Hälfte. Wenn er singt, stehen seine Füße wie  angetackert auf dem Bühnenboden. Von den Knien aufwärts steht der Mann unter der Spannung der Töne, die in ihm sind und raus wollen. Das Armerudern hat er ein wenig zurückgefahren, es kommt fast sachdienlicher Gestik gleich. und manchmal, wenn ein Lied mit einem echten Rock-'n'-Roll-Rammelschluss endet, hüpft Cocker. Nicht hoch. Aber er hüpft. Das sieht lustig aus und ist irgendwie auch herzzerreißend.

Im Laufe des Abends bietet er drei alte für ein neues Lied, das ist ein fairer Deal, damit sind hier alle glücklich. "Up Where we Belong" ist immer noch eine wunderschöne Ballade, die er zusammen mit einer seiner tollen Backgroundsängerinnen in den Saal elegiert. "Come together" ist eine vergleichsweise werktreue Beatles-Interpretation.

Und Cockers Schluchzhymne von Billy Prestons "You are so beautiful" ist in Stein gemeißelte Musikgeschichte. Aber es zeigt am besten, was ein Cocker-Konzert so anders macht. Die Töne presst er wie eh und je raus, allerdings hat man das Gefühl, dass er es nicht nur will, sondern muss. Kurz sind die Töne. Manche rotzt er richtig raus. Manche flüstert er. Kaum einer sitzt. Aber der Song ist ein Ereignis. Weil er eindringt.

Am Ende packt er dann richtig aus. "You Can Leave Your Hat On", "Unchain My Heart". Da sitzt kaum einer mehr im komplett bestuhlten Saal. Und dann kommt er. Der Schrei. Vielleicht zum letzten Mal an dieser Stelle. Er hat nochmal seinen Job gemacht. Und hat jede Sekunde Applaus verdient.

Stefan Arndt 07.05.2013
07.05.2013