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Kultur „Diese Kunst sagt: Das bin ich!“
Nachrichten Kultur „Diese Kunst sagt: Das bin ich!“
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20:15 31.05.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Der Herr im weißen Kittel ist nicht Arzt, sondern Patient. Künstler Dirk Dietrich Hennig legt Hand an die Figur des Jean Guillaume Ferrée.
Der Herr im weißen Kittel ist nicht Arzt, sondern Patient. Künstler Dirk Dietrich Hennig legt Hand an die Figur des Jean Guillaume Ferrée. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Herr Hennig. Sie haben bei Made in Germany Räume einer psychiatrischen Klinik nachgebaut, um die Geschichte eines von ihnen erfundenen Künstlers zu erzählen, der an einer Art Amnesie leidet. Wie kam es zu dieser Idee?

Das kann ich gar nicht sagen, das Projekt fand 2004 seinen Anfang und wird seitdem, neben anderen Projekten, immer wieder weitergeführt.

Wie sind Sie auf Jean Guillaume Ferrée gekommen, den Namen ihres Helden?

Ein guter Name ist sehr wichtig. Bei Filmen und Romanen ärgert es mich zum Beispiel immer, wenn die Hauptdarsteller unpassende, unglaubwürdige Namen haben. Jean Guillaume Ferrée ist ein guter Name. Er ist glaubwürdig, aber es gibt ihn nicht in der Wirklichkeit.

Ihr Herr Ferrée war ein Künstler?

Nicht wirklich.

Aber er scheint doch einige recht kunstvolle Vitrinen gebaut zu haben.

Das hat er gemacht, um sich seiner selbst zu vergegenwärtigen. Die Manifestierung seiner Erinnerung hat ihren Höhepunkt darin, dass er das Klinikzimmer und sich selbst in Lebensgröße nachbaut: Das bin ich! sagt diese Kunst. Ich bin existent!

Die lebensgroße Künstlerfigur hat Ähnlichkeit mit Ihnen. Sind Sie das?

Die Figur stellt ja Jean Guillaume Ferrée dar und somit auch mich, da die Protagonisten von meinen Projekten in der Regel meine anderen Ichs sind und auch von mir verkörpert werden.

Wie lange braucht der Ausstellungsbesucher, um die Geschichte zu verstehen, die Sie zu erzählen versuchen?

Fünf Minuten vielleicht, wenn man den einführenden Text des Neurologen Gerrault liest. Aber man kann auch einfach hindurchgehen und die Stimmung auf sich wirken lassen.

Im Zentrum steht ein Krankenhaus, also auch eine Krankheit.

Es ist ein leer stehender Trakt eines Krankenhauses, der behandelnde Neurologe hat Ferrée ein paar Zimmer zur Verfügung gestellt, damit er hier seinen Neigungen nachgehen kann. Sedierung half bei seinem Krankheitsbild nicht. Die Beschäftigung tat dem Patienten gut: Die Angstzustände verschwanden, er wurde ruhiger.

Warum erzählen Sie die Geschichte mit so einem Aufwand? Sie hätten das alles doch auch einfach aufschreiben können. Oder einen Comic daraus machen.

Dann würde etwas fehlen. Das, was ich hier geschaffen habe, ist vielleicht wie Kino in 3-D. Man kann hindurchlaufen. Und es entsteht eine gewisse düstere Stimmung. Eine Besucherin sagte mir: „Da kriegt man Angst.“ Diese Intensität ist es, die mich interessiert.

Sind das alles Maßanfertigungen oder haben Sie die Sachen vom Sperrmüll?

Das ist alles eigens für die Ausstellung angefertigt worden. Alles ist neu gemacht und wurde dann mit Patina versehen, um zu altern.

Ist das eine Zeitmaschine?

Ein bisschen, ja. Bei der Krankheit, unter der Ferrée leidet, ist es wichtig, dass sich in den Räumen nichts ändert. Sie fungieren wie Zeitkapseln. Insofern ist das auch eine Zeitreise. Für ihn und auch für den Besucher.

Was haben Sie an Ihrem Projekt für Made in Germany verändert?

Das Modell des Geburtshaus von Ferrée war bereits fertig, bevor ich darüber informiert wurde, dass ich bei Made in Germany dabei bin. Dann habe ich vorgeschlagen, die Klinik als Gegenstück zum Geburtshaus in Originalgröße zu bauen. Wir haben uns überlegt, wo das baulich funktionieren könnte und sind auf die Kestner Gesellschaft gekommen

Wie haben Sie recherchiert? Sie mussten ja einiges über psychiatrische Krankheitsbilder lernen.

Sehr hilfreich war die Lektüre von Oliver Sacks’ „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“.

Sind Ihnen im künstlerischen Prozess auch mal Zweifel gekommen? Ist es die richtige Krankheit, mit der Sie sich auseinandersetzen? Ist das der richtige Held für die Geschichte? Oder gäbe es andere beschreibenswerte Krankheiten?

Es gab im Lauf des künstlerischen Prozesses ganz viele Veränderungen. Die Idee ist wie ein Samenkorn, aus dem dann etwas wächst. Es entsteht etwas, und man weiß noch nicht genau was. Dann wird es immer größer, verzweigt sich, hier stirbt etwas ab, dort wächst etwas Neues. Natürlich werden dabei bestimmte Ideen verworfen. Andere dagegen verfestigen sich.

Sie sind der einzige Künstler aus Hannover in dieser Ausstellung. Sind die Bedingungen fürs Kunstschaffen in Hannover in Ordnung, oder überlegen Sie auch, nach Berlin zu gehen?

Nein. Die Bedingungen sind doch wunderbar. Wir haben gerade unser Atelierhaus in der Spichernstraße umgebaut.

Spricht denn nichts dafür, in Berlin zu arbeiten?

Natürlich gäbe es auch Gründe für Berlin, aber die Vielfalt der kulturellen Szenen in Deutschland, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und auch Hannover war und ist etwas, worum uns die europäischen Nachbarn immer beneidet haben; das gilt es zu erhalten. Und letztlich kommt es auf die Arbeit an, nicht auf die Stadt, in der man wohnt.

Sind Ihre nächsten künstlerischen Projekte auch wieder so erzählerisch?

Ja, das sind alle meine Werke. Die Biografie ist sehr wichtig. Geschichten sind das, was Sie mitnehmen können. Sie können von diesem Kunstwerk hier nichts mitnehmen - aber die Geschichte, die ist gratis. Und die haben Sie dann im Kopf.

Andererseits ist die Welt schon voller Geschichten.

Aber es gibt viel mehr Schrott als gute Geschichten.

Und diese Geschichte hier ist gut?

Das soll der Betrachter entscheiden.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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