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Kultur Dieter Hildebrandt im Pavillon
Nachrichten Kultur Dieter Hildebrandt im Pavillon
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11:40 10.09.2010
Von Dirk Kirchberg
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„Es fing alles ganz schlecht an“, beginnt Dieter Hildebrandt seine verbale Parforcejagd im ausverkauften Pavillon, „das Programm war fertig, und dann passierte etwas, was keiner ahnen konnte – es kam der Aufschwung.“ In den kommenden zwei Stunden verbindet der 83-jährige Kabarettist auf gewohnt geniale und absurde Weise die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche („Das ist in Bayern kein Missbrauch, das ist Brauch.“), die Banken- und Finanzkrise („Wenn ich die öffentliche Hand nicht sehen kann, ist sie dann schon wieder in meiner Tasche?“) und den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr („Der Guttenberg macht sich eine Meinung – und dann noch eine“).

Der „notorische Zeitungsleser“, wie Hildebrandt sich selbst bezeichnet, kanzelt im Vorübergehen Thilo Sarrazins Buch („total vernebelte Buchbombe, ein Blindgänger, dafür aber ein Bestseller“) und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle („Wie der Mann mit nur zwei Füßen aus sechs Fettnäpfchen herauskommen will ...“) ab.

Wer meint, das alles klinge nach einer extralangen Ausgabe des „Scheibenwischers“, liegt richtig. In Hildebrandts Programm kriegen alle in bekannter Weise ihr Fett weg. So solle der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller doch auf den Knien über den Brenner gen Rom robben. Und die von der FIFA ausgerichtete Fußball-Weltmeisterschaft sei nur noch „eine Mischung aus Sklavenmarkt und Zuchtbullenversteigerung“.

Auch wenn der Altmeister der spitzzüngigen Kommentierung seine Texte vom Blatt abliest, lässt er im improvisierten Dialog mit dem Publikum seine berüchtigte Schlagfertigkeit durchblitzen. Überhaupt brilliert Hildebrandt wie eh und je mit seinen mitten im Fluss abgebrochenen Sätzen, die viel Raum fürs eigene Weiterdenken und für noch mehr Lacher lassen. Hin und wieder kokettiert er mit seinem hohen Alter („Jeder Arzt kriegt sofort den palliativen Blick“), legt aber dennoch ein Tempo vor, dass man meinen könnte, er würde zu einem Sprint ansetzen – nur um zu erleben, dass er die Geschwindigkeit über die Marathonstrecke halten kann.

Zum Schluss rechnet er noch mit den Medien ab – und besonders mit der ARD: „Die macht sich in jede Hose, die man ihr hinhält. Und die Privaten senden das, was drin ist.“ In einem der wenigen stillen Momente stellt Hildebrandt fest, dass „wir langsam sprachlos und zu alt“ würden. Und da muss man dem Kabarettveteranen vehement widersprechen: Zu alt und sprachlos ist er noch lange nicht. Im Gegensatz zu vielen Comedians zielt Hildebrandts Humor nämlich vor allem auf den Kopf und nicht nur auf den Bauch.