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Kultur Dietmar Wischmeyer zu Gast in Hannover
Nachrichten Kultur Dietmar Wischmeyer zu Gast in Hannover
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19:55 18.11.2009
Von Simon Benne
Bittet zu Tisch: Dietmar Wischmeyer.
Bittet zu Tisch: Dietmar Wischmeyer. Quelle: Christian Behrens
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Der Schreibtisch auf der Bühne ist das, was man heute „stylish“ nennt. Er ist transparent und leuchtet von innen. Darauf steht ein schwarzes Uralt­telefon, das aussieht, als wäre es aus Edgar-Wallace-Filmen übrig geblieben. Der Kontrast deutet schon an, dass beides satirisch gemeint sein könnte, und viel mehr Requisiten braucht Dietmar Wischmeyer für sein Programm „Schwarzweiß“ nicht. Im Wesentlichen sitzt er so da im Theater am Aegi, zwei Stunden lang netto, und liest mit unbewegtem Gesicht seine Glossen. Wie altgediente Radioleute das so tun.

Mal beschreibt er Hannovers Hauptbahnhof („hier hat Fritz Haarmann sein Mittagessen angesprochen“), mal sinniert er darüber, dass die Saurier ihrem Aussterben einen Großteil ihres Nachruhms verdanken, oder darüber, warum der einzige Minister mit Rädern drunter nicht das Verkehrsressort übernommen hat. Böse und bissig ist das, ironisch gebrochener Zynismus, und manchmal so vulgär, als wollte er verbergen, wie klug viele seiner Gedanken in Wahrheit sind.

Wischmeyer hat Comedy-Geschichte geschrieben. Vor zwei Jahrzehnten hob er bei Radio ffn das „Frühstyxradio“ aus der Taufe; er zählte zu den Pionieren, die damals eine neue Form von Humor in Deutschland implementierten. Er war der „Kleine Tierfreund“ und Nazirentner „Willi Deutschmann“ – Rollen, ohne die es einen Horst Schlämmer vielleicht nie gegeben hätte und in die der 52-Jährige auch jetzt wieder schlüpft, da er als großer alter Mann des deutschen Fäkalhumors unterwegs ist.

Wiederholt thematisiert er Exkremente. Wörter wie „Migrantenlümmel“ gehen ihm schnell über die Lippen. Österreich ist für ihn „Restjugoslawien (Nord)“, und dessen Bewohner leben von Autobahnraub und Skiurlaub. Rentner? „Ablebestau!“ Kinder? „Altföten!“ Südländer? „Öläugige Schlawiner!“ Boris Becker? „Wen die Götter hassen, den lassen sie den eigenen Ruhm um Jahrzehnte überleben.“ Wischmeyer zeigt, dass man auch über „Bild“-Lektüre auf Mallorca noch neue, gute Witze machen kann oder über die Telekom-Kundenservicehotline („... zurzeit sind alle Mitarbeiter tot oder in Frührente ...“). Vor allem aber zeigt er, dass er mit Sprache umgehen kann. Eine Tankstelle ist bei ihm nicht einfach eine Tankstelle, sondern ein „Tempelbezirk fossiler Energieträger“.

Wischmeyer seziert gnadenlos den Alltag in der deutschen Provinz, der ländlichen wie der großstädtischen. In seinem Universum pflanzen sich die Landeier vor allem durch Quickies hinterm Schützenfestzelt fort, doch auch urbaner Lifestyle kriegt sein Fett weg: "Möglichst lange beim Fressen verweilen gilt als kultiviert“, sagt er, und neumodische Chicken-Wraps sind „Vogelfleischfetzen auf Rasenschnitt im Kartonmantel“. Das alles ist eklig, aber zugleich origineller als vieles, was die neue Comedy-Generation so bringt.

ietmar Wischmeyer ist ein Relikt aus der Zeit, als es noch Charme hatte, wenn Intellektuelle den Proleten gaben. „Der Mensch ist ein widerliches Wesen – das merkt man auch an mir“, sagt er an einer Stelle. Stimmt. Und das ist auch gut so.

Stefan Stosch 18.11.2009
Martina Sulner 18.11.2009