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Kultur Dietrich Fischer-Dieskau ist tot
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17:20 18.05.2012
Von Rainer Wagner
Foto: Der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau ist tot.
Der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau ist tot. Quelle: dpa
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Berlin

Er war die Verkörperung des deutschen Kunstlieds, aber Dietrich Fischer-Dieskau war noch viel mehr: ein kluger Sänger, der Mozarts Vogelfänger ebenso lebendig machte wie Wagners Meistersinger Hans Sachs. Er war Essayist, Buchautor, Maler, Lehrer und von Zeit zu Zeit auch Dirigent. Gestern ist der Bariton, wenige Tage vor seinem 87. Geburtstag, im bayerischen Berg bei Starnberg gestorben.   

Er stammte aus einer musisch gebildeten Familie. Sein Großvater Albert Fischer war Hymnologe, der ein wichtiges Kirchenliederlexikon erstellt hatte. Und seinem Vorfahren Carl Heinrich von Dieskau hatte einst J. S. Bach seine „Bauernkantate“ gewidmet.
Dietrich Fischer-Dieskau wurde am 28. Mai 1925 in Berlin geboren, dort begann er als 16-Jähriger seine Gesangausbildung und gab als 20-Jähriger im Zehlendorfer Gemeindehaus seinen ersten öffentlichen, aber von einem Bombenalarm unterbrochenen Auftritt: mit Schuberts „Winterreise“, die ihn seitdem nicht wieder losließ.

Er wurde zur Wehrmacht eingezogen, kam in Italien in amerikanische Kriegsgefangenschaft und gab dort seine ersten Konzerte. Seine Karriere begann 1947, als er im badischen Müllheim ohne Probe für einen erkrankten Solisten im „Deutschen Requiem“ von Brahms einsprang. Mehr als ein halbes Jahrhundert später schloss sich ein Kreis, als Fischer-Dieskau bei den Salzburger Festspielen das Brahms-Requiem dirigierte. Auch seine vorübergehende Karriere als Dirigent begann er 1973 als Einspringer: für den erkrankten Otto Klemperer. Er nahm auch einige Schallplatten auf, doch 1976 legte er den Dirigentenstab wieder zur Seite. Er hatte genug zu tun: als Opernsänger im italienischen wie im deutschen Fach, vor allem aber als Liedinterpret. 1948 hatte er erstmals Schuberts „Winterreise“ für den RIAS gesungen. Da war er noch keine 23 Jahre alt und studierte noch bei Hermann Weißenborn. „Ich bestand meine Prüfung im Konzertsaal“, sagte er später einmal.

Zwischen 1966 und 1972 hat Fischer-Dieskau zusammen mit dem Pianisten Gerald Moore sämtliche Lieder von Franz Schubert eingespielt. Alleine „Die Winterreise“ nahm er insgesamt neunmal auf.

Zu seinen Klavierpartnern gehörten auch Svjatoslav Richter, Daniel Barenboim, Jörg Demus (mit dem er 1981 die „Winterreise“ auch in Hannover sang)und Karl Engel, dem er absagte, als der sich auch dem Bariton Hermann Prey zur Verfügung stellte. Der etwas jüngere Prey war zeitweise sein größter Konkurrent, aber beide waren denkbar unterschiedliche Musikertypen: Prey der aufgekratzte Figaro, Fischer-Dieskau der noble Graf in Mozarts „Nozze di Figaro“. Den Papageno überließ „FiDi“ (wie er respektvoll abgekürzt wurde) auf der Bühne dem Kollegen: Er glaubte, mit seinen fast 1,90 Metern Körpergröße den Vogelfänger nicht glaubwürdig darstellen zu können.

Dietrich Fischer-Dieskau war berühmt und viel gerühmt für seine Deklamation: Textverständlichkeit ging ihm über alles – als Buchautor hat er sich, unter anderem, auch mit den Texten deutscher Lieder beschäftigt.

Manchmal geriet ihm die Textgestaltung fast manieriert, das Kunstlied zu künstlich, aber er war stolz darauf, wenn ihm Hörer sagten, sie hätten endlich einmal jedes Wort verstanden. Und er wusste, was und warum er es tat: „Wer nur mit der Stimme singt, dürfte schnell am Ende sein. Wer aber das Feuer der Poesie besitzt, wem jedes Gedicht unwillkürlich als von einer Gestalt gesprochen erscheint, die sich die Phantasie erschafft (....), der kann zwar Virtuosität anwenden, aber er wird sie dazu nutzen, Idee, Charakter, Gedanken eines Werks, einer Rolle auszudrücken.“

Kein Sänger hat mehr Schallplatten aufgenommen und keiner stand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so für das Kunstlied. Sein Repertoire umfasste rund 3000 Lieder von etwa 100 verschiedenen Komponisten. Das amerikanische Nachrichtenmagazin „Time“ nannte ihn 1964 „the greatest living liedersinger“. Aber gefeiert wurde er auch auf den Opernbühnen von Bayreuth bis Berlin, von Wien bis London.

Schon früh hatte sich Fischer-Dieskau für Gustav Mahler eingesetzt. Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ standen auch Ende Dezember 1992 in seiner Heimatstadt Berlin auf dem Programm, als der Sänger nach seinem Auftritt das Ende seiner Gesangskarriere bekanntgab. Nur als Melodramen-Rezitator ließ er sich noch weiter hören.

Dass sich Fischer-Dieskau auch für zeitgenössische Klänge einsetzt, geriet fast in den Klangschatten des Schubert-Interpreten. Für ihn schrieb Hans Werner Henze seine „Elegie für junge Liebende“, er hob bei der Einweihung der neuen Kathedrale von Coventry 1962 Benjamin Brittens „War Requiem“ mit aus der Taufe, und er war bei der Uraufführung von Aribert Reimanns Oper „Lear“ 1978 der gefeierte Titelheld.

Aber wenn jetzt das Gedenken an ihn nicht still sein soll, dann liegt doch eher Schuberts „An die Musik“ im Player.

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