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Kultur Direktor sieht Sprengel-Museum in Gefahr
Nachrichten Kultur Direktor sieht Sprengel-Museum in Gefahr
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02:15 18.05.2017
Von Daniel Alexander Schacht
„Stolz auf dieses Museum vermittelt“: Museumschef Reinhard Spieler in der großen Sammlungsschau „130 % Sprengel“. Foto: Schaarschmidt
„Stolz auf dieses Museum vermittelt“: Museumschef Reinhard Spieler in der großen Sammlungsschau „130 % Sprengel“. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Soeben ist Reinhard Spieler von der Biennale in Venedig zurückgekehrt, ganz besonders begeistert hat ihn dort die Kunstinszenierung „The boat is Leaking. The Captain Lied“, die Anna Viebrock mit Alexander Kluge und Thomas Demand eingerichtet hat. „Das ist ein wirklich spektakuläres Gesamtkunstwerk, das das Publikum magisch in die Inszenierung einbezieht“, sagt der Chef des Sprengel-Museums, der nach dem Ende der Schau „130 % Sprengel“ schon darüber nachdenkt, eine echte Blockbuster-Show auf die Beine zu stellen, etwa mit einer Picasso- und Beckmann-Ausstellung. „Auch wir sollten mehr und mutiger über solche überraschende Präsentationen im Museum nachdenken.“

Warten aufs Kulturmarketing

Sehr bald wird aus den Blockbuster-Plänen nichts werden. Schon allein weil die notwendigen Arbeiten für den Brandschutz das Haus von 2018 bis 2021 in Teilen wieder in eine Baustelle verwandeln werden. „Wenn wir so viele Besucher erwarten“, sagt Spieler, „möchten wir das Haus in bestmöglichem Zustand präsentieren.“ Außerdem verfügt das Sprengel-Museum nach der Erweiterung zwar über sehr viel mehr Platz, aber nicht über mehr Geld für neue, diesen Platz auf spektakuläre Weise nutzende Ausstellungen. Und auch der Präsentation neuer Kunst sind engere Grenzen gesetzt, als es noch vor einem Jahr schien. Für 2016 hatte die Stadt 50 000 Euro für Kunstankäufe bereitgestellt und das Land dieselbe Summe draufgesattelt. Die Summe von 100.000 Euro liegt zwar deutlich unter den 250.000 Mark, die das Museum bis 1994 jährlich für Kunstkäufe ausgeben konnte. Doch immerhin, die Ära ohne Ankaufsetat schien für das Haus am Maschsee nach 22 Jahren beendet.

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Inzwischen steht fest, dass es sich nur um eine einmalige Landesförderung handelte und dass auch die Stadt ihren Anteil nicht in den Doppelhaushalt 2017/2018 eingestellt hat. „Eine Verstetigung des 2016 eingerichteten Ankaufsetats ist für 2017 und 2018 nicht erfolgt, weshalb für dieses und das nächste Jahr jetzt kreative Lösungen gefragt sind“, sagt Kulturdezernent Harald Härke dazu. „Es ist ein etwas holpriger Weg zum dauerhaften Ankaufsetat“, sagt Spieler und fügt fast trotzig hinzu: „Wir können jetzt frühestens für 2019 damit rechnen.“

Etat wie für eine Transportkiste

Fast ein wenig trotzig erscheint angesichts dieser Umstände auch die Erfolgsbilanz seiner vor einer Woche beendeten Sammlungschau. „,130 % Sprengel‘ war mit 180.000 Besuchern eine der attraktivsten Ausstellungen in der Geschichte des Museums.“ Genauer gesagt: die drittstärkste nach „Marc, Macke, Delaunay“ (2009) mit 270.000 und der Klee- und Nolde-Schau „Tod im Feuer“ (2003) mit 198.000 Besuchern. „Es ist mit ,130 % Sprengel’ gelungen, die hervorragende Sammlung des Hauses ins Bewusstsein der Stadt rücken zu lassen, ihr Stolz auf dieses Museum zu vermitteln.“

Bislang genieße das Haus eher in Fachkreisen sehr hohe Wertschätzung. „Im Pariser Centre Pompidou, in der Tate London oder im New Yorker Museum of Modern Art kennt man uns natürlich - denn die leihen ja ständig bei uns aus.“ Doch jenseits von Experten sei nicht nur international, sondern auch national noch „viel Luft nach oben“. Lässt sich das ändern? „Um das zu ändern, wäre ein gezieltes Kulturmarketing der Stadt hilfreich, die sich bislang vorwiegend als Messestadt positioniert.“

Es fehlt indes nicht nur am Kulturmarketing. Dem Sprengel-Museum mangelt es außer am Etat für Ankäufe auch am Geld für Ausstellungen. In der Berlinischen Galerie steckt man 80 000 Euro allein in die Werbung für eine Ausstellung. Im Sprengel-Museum stehen jährlich für drei große Ausstellungen jeweils etwa 35 000 Euro und je 3500 Euro für die kleinen zur Verfügung, insgesamt, so ist von Kuratoren des Hauses zu hören, beträgt der Ausstellungsetat 180 000 Euro. „3500 Euro, das kostet allein die klimatisierte Kiste für die transatlantische Ausleihe eines Picasso-Werks“, sagt ein Museumschef aus dem Südwesten der Republik, der das Sprengel-Museum gut kennt. „Für dieses an Kunstschätzen so reiche Haus ist ein solcher Etat ein Anzeichen für eine eklatante Lage und auf Dauer nicht tragbar.“ Er mobilisiert für seine Ausstellungen oft ein, zwei Millionen Euro oder sogar mehr.

Gut zwei Millionen, das war der Etat von „Marc, Macke, Delaunay“, erinnert sich Spielers Amtsvorgänger Ulrich Krempel. „Ich wundere mich, dass es in Niedersachsen immer noch nicht gelungen ist, die teuren Versicherungen für geliehene Exponate durch eine Staatshaftung zu ersetzen, wie dies in NRW längst üblich ist - denn bei ,Marc, Macke, Delaunay’ hat die Versicherung allein rund eine halbe Million Euro gekostet.“

Kein Ausgleich durch Stiftungen

Um die auch im Sprengel-Museum meist um ein Vielfaches dieser Etatansätze teureren Ausstellungen zu finanzieren, sind Zuwendungen von Sponsoren, Stiftungen oder Freundeskreisen nötig. „Wir verfolgen mit Blick auf markantere Arbeiten eine eigene Ankaufsstrategie in Abstimmung mit dem Museum, da kommen nicht alle für das Museum interessanten Objekte für uns in Betracht“, sagt Stefan Becker, der Vorsitzende der Sprengel-Freunde. „Es ist aber weder Stiftungen noch Sponsoren oder Freundeskreisen zumutbar, kompensatorisch in die Bresche zu springen, wo es an der auskömmlichen Finanzierung des Ausstellungsbetriebs fehlt.“

Den Sommer über, so ist zu hören, sollen Experten von Stadt und Land über die Finanzierung des Museums beraten. Neue Erkenntnisse hierzu wird es wohl frühestens im Herbst geben.

Ein Museum mit Handicaps

  • Bauarbeiten bis 2021: Um den Altbau beim Brandschutz auf den neuesten Stand zu bringen, wird von 2018 bis 2021 zeitweilig die Schließung des Untergeschosses nötig.
  • Kein Etat für Kunstankäufe: Statt eines dauerhaften Ankaufsetats hat es nur einmalig 2016 eine Zahlung von Stadt und Land gegeben.
  • Wenig Geld für Kunstschauen: Die Fläche für Ausstellungen ist fast verdoppelt, der Jahresetat dafür stagniert bei 180000 Euro – ein Bruchteil der Kosten großer Ausstellungen.
  • Keine Staatshaftung im Leihverkehr: Mangels Staatshaftung für Leihgaben müssen diese teuer versichert werden.
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