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Kultur „Dirndl Porno“ erregt bayerische Gemüter
Nachrichten Kultur „Dirndl Porno“ erregt bayerische Gemüter
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12:54 15.06.2014
Das Buch „Dirndl Porno - ein erotischer Heimatkrimi“ erregt die Gemüter in Oberbayern. Quelle: dpa
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München

„Jede der abgelichteten Frauen sah in ihrem Dirndl geradezu hinreißend erotisch aus. Miss März räkelte sich auf einem Picknick-Tuch mit unanständig weit hochgezogenem Rock, Miss Juni hatte ihr Oberteil bis zum Nabel aufgeknöpft und goss sich Milch über das Dekolleté.“ Es sind Szenen wie diese und deutlich explizitere, die Andreas Karosser in seinem Heimatdorf Bad Feilnbach in Oberbayern zur Berühmtheit gemacht haben.

Karosser arbeitet, wie einst Franz Kafka, für eine Versicherung und hatte eine Idee: Heimatkrimis laufen seit Jahren gut, erotische Romane spätestens seit „Shades of Grey“ auch. Wie gut muss dann erst die Kombination funktionieren. Und so schrieb er, der auch schon mit einem Trachten-Strip-Kalender in seinem Heimatort Furore gemacht hat, einen Roman mit dem Titel „Dirndl Porno“ um Mord und Sex in der bayerischen Provinz. Tatort: Bad Feilnbach in der Nähe von Rosenheim.

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Ein „erotischer Heimatkrimi

Er brachte es vor kurzem auf den Markt - und Teile der bayerischen Dorfgemeinschaft damit gegen sich auf. „Wie das so ist bei uns auf dem Dorf, erfährt man nur hintenrum, wenn jemand schlecht über einen redet“, sagt Karosser der Nachrichtenagentur dpa. „Ins Gesicht sagt mir niemand etwas.“ Viele aber hätten sich auch gefreut darüber, dass einer die „bayerische Bigotterie, der wir hier frönen“ endlich mal auf den Punkt gebracht habe.

Karosser erzählt einen „erotischen Heimatkrimi“, der mit den Worten „zünftig, knisternd, anregend“ beworben wird. Darin geht es um den Mord an einer jungen Frau. Mit einer Stichwaffe im Hals wird sie tot aufgefunden - kurz vor der Veröffentlichung eines „ganz und gar nicht jugendfreien Heimatfilms“, ihres ersten Pornos.

„Der August gehörte Sarah Lubner, die auf einer Holzbank vor einem alten Bauernhaus saß, im roten Trachtenkleid mit schwarzen Pumps, einen Fuß auf die Bank gestellt, die Augen geschlossen, mit genießerischem Gesichtsausdruck, eine Hand am Hals, die andere im Schritt“, schreibt Karosser im Vergleich zu anderen Episoden noch einigermaßen zurückhaltend.

Und die Aufregung war groß. Denn auch wenn schon in den 1970er Jahren im Kino „unterm Dirndl gejodelt“ wurde, auch wenn „Liebesgrüße aus der Lederhose“ verschickt wurden und es hieß: „Auf der Alm da gibt's koa Sünd“ - bei persönlicher Betroffenheit verstehen einige keinen Spaß in dem oberbayerischen Dorf. Bei Touristen wirbt es mit seinem „Moorbad und Natur-Heil-Dorf“-Status wirbt und einem „romantischen Abend im beheizten Schwimmbad“ am 25. Juli.

Der Bad Feilnbacher Bürgermeister Hans Hofer sorgte sich nach zahlreichen besorgten Anrufen im Rathaus, Beschwerden gar, öffentlich um das Image seiner 7400-Seelen-Gemeinde. „Dirndl - Porno - Bad Feilnbach. Das stört die Leute, das wollen die nicht haben“, sagte der Freie-Wähler-Politiker im Bayerischen Rundfunk.

Und der Heimatschriftsteller Karl Baltheiser („Land unter dem Föhn: Eine Reise durch die Zeit“ und „Südhochland: Ein Bub erinnert sich“) wird deutlicher. „Er hat mich angerufen und mir eine Predigt gehalten“, sagt Karosser. Wie die ausgesehen haben könnte, zeigt ein BR-Interview mit Baltheiser. „Da graust's mir“, sagt er da. „Bitte sich nicht die Pornofinger abputzen an unserer Kultur.“

Dieses „Abputzen“ sieht zum Beispiel so aus: „Das Dirndl stand ihr tatsächlich sehr gut. Ihr nicht gerade üppiger Busen wurde durch den Ausschnitt in die wohlig-pralle Form zweier frisch geernteter, saftiger Melonen gepresst.“

Sex-Skandal im Alpenvorland

Und sowas, diese unkeusche Kombination von Dirndl und Porno, ausgerechnet in dem Jahr, in dem der Trachtenverein „Gebirgstrachtenerhaltungsverein D'Jenbachtaler“ sein 130-jähriges Bestehen feiert. Bürgermeister Hofer lud Karosser zum Gespräch. „Er hat gesagt, er hätte sich gewünscht, dass es nicht in Bad Feilnbach spielen würde“, erinnert sich Karosser. Bürgermeister Hofer selbst will dazu heute nichts mehr sagen. „Er ist nicht zu sprechen“, sagt die Dame in seinem Vorzimmer. Und: „Das Thema ist für uns erledigt.“

Für Autor Karosser ist es das keinesfalls. Denn diese Provinzposse, der kleine Sex-Skandal im Alpenvorland, war ein Glücksfall für ihn und dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, dass die erste 5000 Exemplare umfassende Auflage seines Buches inzwischen komplett ausverkauft ist. „Das war kostenloses Marketing“, sagt Karosser. „Da haben die Kritiker genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten.“

Dass die Aufregung vielleicht sogar einkalkuliert war, zeigt ein Zitat von niemand geringerem als Gustav Mahler zu Beginn des „Dirndl Pornos“: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“ Wie es der Komponist gefunden hätte, in diesem doch eher profanen Zusammenhang zitiert zu werden, sei dahingestellt. Aber der Emos Verlag in Köln muss nachdrucken, wie er nicht ohne Stolz mitteilte.

Karosser ist zwar noch nicht reich geworden mit seinem „Dirndl Porno“, aber das kann sich ja ändern. Denn er schreibt schon an einer Fortsetzung. „Voralpendämmerung“ heißt der Arbeitstitel für sein neues Buch. Diesmal soll es um einen Swingerclub gehen. Tatort: Bad Feilnbach.

dpa

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