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Kultur Diskussion über Kinderakte der „Brücke“-Maler im Sprengel Museum
Nachrichten Kultur Diskussion über Kinderakte der „Brücke“-Maler im Sprengel Museum
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20:07 09.12.2010
Von Johanna Di Blasi
Norbert Nobis, Renate Berger, Ulrich Krempel, Irene Berkel und Gabriele Sand bei der Podiumsdiskussion im Sprengel Museum. Quelle: Martin Steiner
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Es passiert nicht oft, dass sich das im Grunde freundliche Museumspublikum aufregt. Mit seiner Ende August eröffneten Ausstellung zu den kindlichen Nacktmodellen der „Brücke“-Maler Heckel, Kirchner und Pechstein, die inzwischen mehr als 18.000 Menschen gesehen haben, aber hat das Sprengel Museum Hannover Unbehagen, Irritation und Befremden ausgelöst.

Das Gästebuch sei eher ein „Beschwerdebuch“, sagte Museumsdirektor Ulrich Krempel bei einer kurzfristig anberaumten Podiumsdiskussion am Mittwochabend – und gab gleich einige Kostproben: „Bedrückend“ nennt eine Besucherin die in ihren Augen „pädophil-pornografische Grundstimmung“ der Schau. Ein anonymes Paar zeigte sich „geschockt“ darüber, dass ein Museum „offensichtliche Pornografie mit Kindern“ ausstellt.

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Aber auch „gut gemacht“ und „erhellend“ steht im Gästebuch. Gleichwohl räumten die Ausstellungsmacher „Versäumnisse“ (Krempel) ein, beispielsweise bei der Vermittlungsarbeit. An einer Stelle wurde kürzlich nachgebessert: Statt nur die Malerbiografien aufzuzeigen, hängen nun auch die Angaben zu Fränzi und Marcella an der Wand. Immerhin ist es erklärtes Ziel der Schau, den Kindermodellen eine Identität zu verleihen.

Ein Gutteil der rund 60 Zuhörer, die trotz heftigen Schneefalls den Weg zur Diskussionsveranstaltung gefunden hatten, schien ein gewisses Unbehagen zu teilen. Man habe sich mit den irritierenden Zeichnungen – auf einigen wenigen berühren Männer nackte Kinder – alleingelassen gefühlt, meinte eine Frau. Norbert Nobis, der inzwischen pensionierte Kurator, verwies auf den Katalog – dieser liefere doch den nötigen Kontext.

Er habe die Ausstellung nicht mit Text überfrachten wollen, erklärte Nobis. Es sei ihm im Übrigen vor allem um Stilanalyse gegangen. Die Berliner Kunst- und Kulturhistorikerin Renate Berger konnte das nicht zufriedenstellen. Licht, Schatten, Komposition habe man in der Kunstgeschichte hinlänglich analysiert, nun sollte man endlich schauen, was auf den Werken tatsächlich abgebildet ist, und das seien häufig Ausbeutungsverhältnisse.

Malerateliers seien „sexuelle Nischen“ gewesen. Bürgersöhne hätten dort sozial Niedrigerstehenden und sogar Kindern für Geld Posen aufgezwungen. Ganz deutlich habe Paul Klee den Missstand angesprochen, dass die Ateliers vor allem „ordinäre Ware“ verlasse. Den hannoverschen Ausstellungsmachern wirft Berger „mangelnden Mut“ vor, „das Offensichtliche zu benennen“.

Doch die Angesprochenen sehen dieselben Bilder offenbar anders. „Sie müssen zwischen Penetra­tion und Erotik unterscheiden“, sagte Krempel, der in den Darstellungen der acht- bis 13-jährigen Mädchen vor allem Erotik sieht. Die Künstler hätten nichts Außergewöhnliches dargestellt, sondern „künstlerische Topoi“. Dass Kirchner & Co. 100 Jahre nach der Entstehung der Bilder plötzlich unter Pädophilie­verdacht gestellt würden, sei der Aufbauschung des Missbrauchsthemas in den Medien zu verdanken.

„Heute wird überall sexueller Missbrauch gesehen“, stimmte ihm die Katalogautorin Irene Berkel zu: Eine Art von Missbrauch sei es aber auch, die Modelle posthum „zu Opfern zu stilisieren“. „Aber sie sind Opfer“, konterte Berger. Letzte Gewissheit wird man wohl nie erlangen, da alle Zeugen längst tot sind.

Die Zeichnungen, die heute die Gemüter erregen, waren übrigens nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Kunsthändler filetierten im Streben nach Profit Skizzenbücher und warfen die Blätter auf den Markt. Dass den Handel selbst die kritischsten Debatten nicht anfechten, wurde dieser Tage wieder deutlich: Im Auk­tionshaus Ketterer erbrachte ein „Kinderköpfchen“ von Kirchner 1.740. 000 Euro. Anfang der fünfziger Jahre hatte das Bild 450 Mark gekostet.

Die Ausstellung läuft noch bis 9. Januar.

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