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Kultur Dörte Hansen überrascht mit Dorfroman
Nachrichten Kultur Dörte Hansen überrascht mit Dorfroman
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08:11 04.04.2015
Von Martina Sulner
Dörte Hansen hat einen Dorfroman geschrieben.  Quelle: Knaus
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Hannover

Es ist eine ordentliche Gegend, in der die meisten Bewohner Haus und Garten peinlich sauber halten. Der Vorgarten von Heinrich Lührs zum Beispiel „mit den sauber gestochenen Beeten, den gepflasterten Wegen und quadratischen Rasenflächen war so übersichtlich wie ein Exerzierplatz“. Die Rosenstöcke, die mit Jutesäcken verhüllt waren, standen in Reih und Glied; „sie sahen aus wie Gefangene, die erschossen werden sollten“.

Bei seiner Nachbarin Vera hingegen wuchert das Unkraut, der gesamte Hof ist heruntergekommen. Dabei, das begreift man beim Lesen von Dörte Hansens Roman „Altes Land“ erst später, hängt Vera wohl noch mehr an ihrem Haus als der ordentliche Heinrich an seinem.

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Vieles in dem Buch, das zwar locker geschrieben, aber ziemlich tiefgründig ist, offenbart sich erst nach und nach. Souverän baut die ehemalige NDR-Journalistin Spannung auf, platziert Überraschungen und bringt die verschiedenen Fäden der Erzählung am Ende geschickt zusammen. Dörte Hansen ist mit „Altes Land“ das Überraschungsbuch der Saison gelungen: Der Titel steht mittlerweile in den Bestsellerlisten, 40 000 Exemplare sind bereits verkauft, und die Autorin ist auf umfangreicher Lesetour, vor allem in Norddeutschland.

Im Alten Land, dem niedersächsischen Obstanbaugebiet südlich der Elbe, spielt der Großteil des Buches. Dort treffen im Frühjahr 1945 Hildegard von Kamcke und ihre kleine Tochter Vera ein und werden auf dem Hof der Eckhoffs einquartiert. Bäuerin Ida Eckhoff ist von den ostpreußischen Flüchtlingen wenig begeistert - und erst recht nicht davon, dass Hildegard ihre Schwiegertochter wird.

Hansen wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen: Das Buch beginnt mit der Geschichte von Hildegard und Vera, erzählt dann kapitelweise von Anne, Veras Nichte. Die Enddreißigerin lebt in Hamburg, schlägt sich als Tischlerin und Flötistin durch und ist seit Kurzem alleinerziehend. Mit ihrem Sohn flüchte sie aus der Stadt zu ihrer Tante. Dieser Teil des Buches spielt in der Gegenwart. Wie sich Vera und Anne langsam annähern, wie die beiden schwierigen Frauen Zutrauen zueinander fassen, schildert die 1964 geborene Autorin humorvoll und lebensklug.

„Altes Land“ erzählt vor allem vom Verlust der Heimat und vom Versuch, eine neue zu finden. Die Flucht aus Ostpreußen und der Tod des kleinen Bruders auf dem Treck nach Westen haben Vera traumatisiert und dazu geführt, dass sie das Alte Land, in dem sie nicht willkommen war, nie wieder verlassen möchte: Sie möchte nicht noch mal neu anfangen müssen. Vielleicht jedoch, so kann man Hansens Roman verstehen, sind Freunde letztlich wichtiger als der Ort, an dem man geboren ist; vielleicht machen Freundschaften Heimat aus. Anne, Vera, der pingelige Heinrich Lührs jedenfalls wachsen, ohne es richtig zu merken, zu einer eigenwilligen Gemeinschaft zusammen. Das hat etwas sehr Tröstliches - was sicherlich auch zum Erfolg des Buche beiträgt.

Dörte Hansen erzählt lebhaft, manchmal schnoddrig und sehr pointiert. Sie macht sich über überengagierte Mütter in Hamburger Szenestadtteilen lustig und, vor allem, über die Großstädter, die aufs Land ziehen: „Gesellschaftliche Ladenhüter, die auf dem Bauernmarkt noch einmal durchstarten wollten.“ Und sie beschreibt ironisch jene Zugezogenen, die glauben, sich in der neuen Heimat besser auszukennen als die Einheimischen, und alle „kochen, wie unter einem heimlichen Zwang, Gelee aus alten Apfelsorten“.

Dass sich das Leben für die Einheimischen unwiederbringlich verändert hat, beschreibt Dörte Hansen in ihrem modernen Heimatroman auch - keiner von Heinrich Lührs’ drei Söhnen will den Familienhof übernehmen.

Dörte Hansen: „Altes Land“. Knaus. 287 Seiten, 19,99 Euro.

Am 28. Mai liest die Autorin in der Buchhandlung Jetzek in Kiel, am 18. Juni bei Leuenhagen & Paris in Hannover.

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