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Kultur Dokumentation blickt ins Innere deutscher Atomkraftwerke
Nachrichten Kultur Dokumentation blickt ins Innere deutscher Atomkraftwerke
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18:57 25.05.2011
Von Stefan Stosch
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Von Stolz geschwellte Männer schwärmen von einer Technik, nach der sich „Ingenieure die Finger lecken“. Sie preisen das Verfahren, im Falle einer Flugzeugattacke auf die Betonkuppel die ganze Gegend zu vernebeln – sogar noch für eine „zweiten Nebelsalve“ sei genug Munition vorrätig. Und sie glauben an miteinander verknüpfte Sicherheitssysteme, die den Vorzug hätten, den „Risikofaktor Mensch“ auszuschalten. So sprechen die Betreiber von Atomkraftwerken über ihre Meiler.

„Unter Kontrolle“ heißt der filmische Essay von Volker Sattler, der auf ungewohnte Weise deutsche Atomkraftwerke in den Blick nimmt. Der Film entstand vor Fukushima. Die Herren Ingenieure und Kontrolleure – Frauen tauchen so gut wie gar nicht auf – konnten also noch nichts von der Reaktorkatastrophe in Japan und den Folgen wissen. Umso unglaublicher wirken ihre Worte jetzt – und umso unbedarfter.

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Heute wäre es kaum mehr möglich, so ein Projekt zu verwirklichen, das den Regisseur auch zu Forschungseinrichtungen, Kontrollbehörden und in Lagerstätten für radioaktiven Müll tief unter der Erde geführt hat. Die Atomlobby käme gar nicht mehr aus einer Verteidigungshaltung heraus – die latent allerdings auch so schon spürbar ist, gerade weil die Gesprächspartner ihr Selbstbewusstsein so demonstrativ zur Schau stellen.
Ein Atomkraftwerk ist ein geschlossenes System, kaum zugänglich für Außenstehende. Sattler hat einen Preis gezahlt, um in diese Kathedralen der Technik eingelassen zu werden: Seine Fragen musste er nach eigenen Worten von den Betreibern absegnen lassen, bevor er sie vor Ort stellen durfte.

Der Dokumentarfilmer hat sich eingelassen auf die Bedingungen und diese fremde Welt – aber er hat sich nicht einlullen lassen, auch wenn er im gesamten Film auf Kommentare verzichtet. In langen, geradezu meditativen Einstellungen nähert sich Sattler den Meilern – auch Kühltürme im Grünen können eine Idylle sein, wenn auch eine trügerische. Schon in diesen Bildern offenbart sich das Prinzip des Regisseurs: Alles ist zu schön, als dass es wirklich ungefährlich sein könnte.

Wir erblicken Schalttafeln, Sicherheitsschleusen, Säle mit blinkenden Anzeigen ohne ein einziges menschliches Wesen. Sattler zeigt verführerische Aufnahmen von Brennstäben wie aus einem Science-Fiction, an dem „2001“-Regisseur Stanley Kubrick gewiss Gefallen gefunden hätte. Sattler bewundert einen metallenen Stangenwald, der von perlenden Wasserkaskaden überspült wird – das wiederum hätte der dänische Künstler Olafur Eliasson nicht schöner hinbekommen.

Die Bilder beruhigen aber keinesfalls: Etwas Surreales wohnt ihnen inne, ganz besonders, wenn Mitarbeiter sich in Schutzanzügen wie Astronauten durch klinische Leere bewegen. Komisch wird’s gelegentlich auch: Männer in gelben Unterhosen schlurfen durch Gänge. Bis auf die Haut scheint das Bekenntnis zu einer vermeintlich sauberen Technik zu gehen. Andere Mitarbeiter nehmen im Bademantel in der Kantine Platz, ihre Arbeitskleidung wird gerade dekontaminiert.

Der Regisseur erzählt von einer angeblich beherrschbaren Zukunft, die auf dem besten Weg ist, Vergangenheit zu werden. Die Vergangenheit hat sogar schon begonnen, etwa beim Ausflug zum nie in Betrieb genommenen Schnellen Brüter in Kalkar. Heute dient Kalkar als Freizeitpark: Im einstigen Kühlturm dreht sich ein Kettenkarussell, die Fahrgäste jauchzen.

Utopie und Scheitern stehen in diesem Film in einem spannungsreichen Gegensatz. Wenn das Atomzeitalter wirklich demnächst abgehakt sein sollte, wird „Unter Kontrolle“ immer noch ein sehenswertes Zeugnis einer Technik ablegen, die niemals ganz unter Kontrolle war.