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Kultur Don DeLillos 9/11-Roman in Hamburg uraufgeführt
Nachrichten Kultur Don DeLillos 9/11-Roman in Hamburg uraufgeführt
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18:53 23.01.2011
2007 veröffentlichte der US-Schriftsteller Don DeLillo "Falling Man". Auf die Inszenierung von Sandra Strunz reagierte das Publikum mit verhaltenem Applaus. Quelle: dpa
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Was für hehre Worte: Freundschaft, Freiheit und Toleranz – darum soll es bei den Lessingtagen am Thalia Theater gehen. Bis zum 6. Februar zeigt die Hamburger Bühne zahlreiche Gastspiele aus Österreich, Russland, China und Lateinamerika, und immer handeln die Inszenierungen – irgendwie – vom Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Kulturen oder Religionen.

In seinem erfolgreichen Roman „Falling Man“, auf Deutsch 2007 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, zeichnet der amerikanische Romancier Don DeLillo das Bild einer Welt, der es an Freundschaft, Freiheit und Toleranz mangelt. Es ist eine Welt der Zerstörung und Verstörung. DeLillos Roman über das Amerika unmittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 erzählt beeindruckend von der Hilflosigkeit einer Nation und davon, wie diese Orientierungslosigkeit das Privatleben verändert.

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Etwa bei Keith und Lianne. Keith, Ende 30, Geschäftsmann, hat den Angriff auf die Zwillingstürme überlebt. Verwirrt und traumatisiert fährt er, den Anzug voller Asche, das Gesicht voller Glasscherben und in der Hand eine Aktentasche, die ihm gar nicht gehört, zu seiner Exfrau und seinem kleinen Sohn. Lianne ist, obwohl sie die Anschläge nicht unmittelbar erlebt hat, womöglich noch verwirrter als er.

Regisseurin Sandra Strunz hat die Uraufführung von „Falling Man“ für das Thalia an der Gaußstraße, der Studiobühne des Hauses, inszeniert. Ein passendes Stück für die Lessingtage und überhaupt für dieses Jahr, denn der Angriff jährt sich im September zum zehnten Mal.

Die meisten Menschen haben wohl schon unzählige Fotos und Filmbilder der zusammenstürzenden Türme und der daraus fliehenden Menschen gesehen. Fast wird einem ein bisschen bange davor, welche Flut an Bildern zum „Zehnjährigen“ im September auf uns zukommen könnte. Sandra Strunz verzichtet in ihrer Inszenierung auf Fotos oder Videos. Eine graue Decke hängt halbschräg über der nahezu leeren Bühne. Bedrückend wirkt Philip Bußmanns Bühnenbild – so, als könne die Decke jederzeit auf die Menschen einstürzen. Zu Beginn der knapp zweistündigen Inszenierung stolpert Keith (Sebastian Rudolph) orientierungslos umher; aus dem Off hört man verschiedene Stimmen, die die ersten Absätze des Romans sprechen. „Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, Zeit und Raum aus fallender Asche und nahezu Nacht. Er ging nordwärts durch Trümmer und Schlamm, und Menschen rannten an ihm vorbei ...“: Da ist der Theaterbesucher sofort im Geschehen, und vor dem inneren Auge entstehen jene Bilder, die sich im kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben.

Die Bühnenbearbeitung von Sandra Strunz und Beate Heine hält sich eng an den Roman. Das bietet sich bei diesem exzellenten Buch mit seinen starken Dialogen und seiner überschaubaren Handlung auch an. An der Gaußstraße erlebt der Besucher, wie Lianne (Cathérine Seifert) um Worte ringt, um das Geschehen zu begreifen (und vielleicht auch, um ihren Ex zurückzugewinnen). Wie sie sich mit ihrer intellektuellen Mutter (Barbara Nüsse) und deren Liebhaber Martin (Rafael Stachowiak) darüber streitet, was jetzt aus den USA werden soll. Auch Martin, ein dubioser deutscher Kunsthändler und ehemals militanter Achtundsechziger, ist von der amerikanischen Seelenlage erschüttert. Den schweigsamen Keith zieht es unterdessen immer stärker zu einer Frau namens Florence. Auch sie hat im World Trade Center gearbeitet und den Anschlag überlebt; zwanghaft rekonstruiert sie diesen Tag immer wieder. Birte Schnöink spielt diese Frau als hypernervöse Person, bei der man sich sorgt, dass sie jeden Moment vollends die Fassung verliert.

Schnöink übertreibt es damit allerdings. Wie auch die anderen Schauspieler in der zweiten Hälfte des Abends reichlich dick auftragen. Das erweckt den Eindruck, als vertraue die Regisseurin dem Text nicht mehr und versuche, ihre Inszenierung emotional zu forcieren. Da wird’s dann zunehmend laut statt eindringlich. Zum Beispiel bei Daniel Lommatzsch, der als Erinnerung an den beim Attentat gestorbenen Kollegen Rumsey durch das Stück geistert. Keith findet den Sterbenden in dessen Büro, und da wird geheult und geschrien, dass es den Zuschauer ob solcher Übertreibung mehr stört als rührt.

Unpassend wirkt auch ein Regieeinfall von Sandra Strunz, mit dem sie vom Buch abweicht. DeLillo hat, auch nicht gerade die stärkste Passage des Romans, einen inneren Monolog eines 9/11-Attentäters eingebaut. Diesen (stark verkürzten) Text spricht in Hamburg ein kleiner Junge. Das wirkt befremdlich, denn es suggeriert, als könne oder solle man den Attentäter nicht ernst nehmen.

Vom Fallen nach dem Attentat, von fehlendem Halt handelt das Stück: Damals sind Menschen aus den brennenden Türmen gesprungen, und es wirkte, als fielen Männer und Frauen vom Himmel; und geblieben ist die Verunsicherung einer ganzen Nation (und ihrer Verbündeten). Doch das Stück über den Alltag nach der Katastrophe hätte man sich intensiver und weniger überspannt gewünscht. Statt fiebriger Unruhe ist am Thalia an der Gaußstraße eher gespreizte Überdrehtheit zu spüren. Verhaltener Applaus.

Wieder am 15. und 16. Februar; Karten unter (0 40) 32 81 44 44.

Martina Sullner/dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.