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Kultur Don Winslow stellt neuen Roman in Hannover vor
Nachrichten Kultur Don Winslow stellt neuen Roman in Hannover vor
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06:15 07.11.2012
Von Rainer Wagner
Harter Drive: Don Winslow.
Harter Drive: Don Winslow. Quelle: Suhrkamp
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Hannover

Vergesst Fortsetzungen. Jetzt kommen die Vorgeschichten. Im schönsten Medienslang heißen die einen Sequels und die anderen Prequels. Um einen solchen Zeitsprung zurück handelt es sich bei Don Winslows „Kings of Cool“. Während gerade in den Kinos Oliver Stones Film „Savage“ läuft, zu dem Don Winslow die Vorlage geliefert hat (der Roman hieß auf Deutsch „Zeit des Zorns“), liefert der amerikanische Krimi-Autor mit „Kings of Cool“ die Vorgeschichte nach. Doch man muss den einen Roman nicht lesen, um den anderen zu begreifen. Beide stehen für sich. Auch wenn sie sich im Ton sehr ähneln. „Zeit des Zorns“ bringt es bei 338 Seiten auf immerhin 290 Kapitel, von denen das erste nur einen Satz umfasst: „Fickt Euch.“

„Kings of Cool“, den Don Winslow morgen zusammen mit seiner kongenialen Übersetzerin Conny Lösch im Literarischen Salon in Hannover vorstellen wird, bringt es bei 349 Seiten auf satte 305 Kapitel. Und das erste lautet lakonisch „Leck mich am Arsch“.

Winslows Buch sieht aus wie ein Beatniklanggedicht, und es liest sich, als habe der bizarre Florida-Krimi-Autor Carl Hiaasen sich von Altmeister Raymond Chandler den lakonischen Philip-Marlowe-Tonfall beibringen lassen, dann vier Fünftel des Textes gestrichen, das alles mit viel Beach-Boys-Musik unterlegt und den harten Drive der neunziger und der nuller Jahre nicht vergessen.

„Kings of Cool“ spielt im Jahr 2005 und springt immer wieder zurück bis in die späten sechziger und in die siebziger Jahre. Denn dieses Buch erzählt auch davon, wie die Hippies ihre Unschuld verloren. Und Amerika auch.

Die Helden heißen Ben, Chon (eigentlich John) und O, was die Abkürzung für Ophelia ist. Bens Eltern sind beide Psychotherapeuten, Os Mutter hat den Spitznamen Paku (für „passiv aggressive Königin des Universums“), derzeit den vierten Ehemann und angeblich keine Ahnung, wer der Vater von O ist. Chon dagegen erfährt schmerzhaft, wie sein Vater ist - aber das hieße hier, zu viel zu verraten.

Ben ist ein (Nach-)Denker, Chon ein Macher, der nicht viel redet, sondern schon mal lieber zuschlägt. Schließlich ist er Elitesoldat. Aber einer, der Worte und deren Ursprünge eigentlich liebt: „Er kennt sogar die Etymologie des Wortes Etymologie.“

O, Ben und Chom lieben sich (und andere). Sie könnten in Frieden leben und vom Verkauf ihres fabelhaften, selbst gezüchteten Hydromarihuana bestens leben, wenn nicht plötzlich korrupte Cops und gegnerische Dealer mitspielen wollten. Und wenn im Hintergrund nicht die mexikanische Drogenmafia die Fäden ziehen würde.

Die drei bekommen zu spüren, dass sie die Sünden ihrer Väter - und Mütter - geerbt haben, dass sie den Schatten der Vergangenheit nicht entfliehen können, auch wenn die Sonne am Surferstrand noch so strahlt.

Am Ende geht es darum, den mexikanischen Drogenkrieg zu überleben. Das gute an Prequels ist, dass man weiß, wer überleben muss, damit es eine Fortsetzung geben kann. Schließlich spielen auch im nächsten Roman die drei die Hauptrollen. Am Ende von „Kings of Cool“ sagt ihnen ihr Erpresser im Staatsdienst, sie seien Könige. Und Ben denkt: „Das sind wir.“ Aber auch Monarchien können gestürzt werden. Ein cooles Buch!

Don Winslow: „Kings of Cool“. Suhrkamp. 351 Seiten, 19,95 Euro. Don Winslow ist am 6. November um 20 Uhr im Literatischen Salon der Universität Hannover (Königsworther Platz 1) zu erleben.

Johanna Di Blasi 05.11.2012
Rainer Wagner 04.11.2012