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Kultur Donnersmarck über „The Tourist“ mit Angelina Jolie und Johnny Depp
Nachrichten Kultur Donnersmarck über „The Tourist“ mit Angelina Jolie und Johnny Depp
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13:16 05.12.2010
Von Stefan Stosch
Angelina Jolie und Florian Henckel von Donnersmarck beim Dreh zu „The Tourist“.
Angelina Jolie und Florian Henckel von Donnersmarck beim Dreh zu „The Tourist“. Quelle: Kinowelt
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Der Anruf erreichte den Regisseur im Kloster Heiligenkreuz bei Wien. Er feilte gerade, abgeschieden von der Kinowelt außerhalb der Klostermauern, an einem neuen Drehbuch. So hatte er es schon vor ein paar Jahren an genau diesem Ort gehalten – sogar in derselben Zelle. Der Film, der damals entstand, hieß „Das Leben der Anderen“. Ohne ihn hätte er auch den Anruf kaum erhalten: „Angelina Jolie war am Apparat“, sagt Florian Henckel von Donnersmarck. Es klingt, als sei dies eine ganz selbstverständliche Gesprächspartnerin für ihn.

So muss man das wohl auch sehen: Donnnersmarcks Kinodebüt, der Stasithriller „Das Leben der Anderen“, gewann 2007 den Auslands-Oscar. Die Sensation war perfekt – und sofort entschwand Donnersmarck nach Hollywood. Inzwischen haben auch die Amerikaner gelernt, seinen für sie so schwierigen Namen auszusprechen. Und für die Handynummer des 37-Jährigen interessieren sie sich auch. Siehe Angelina Jolie.

„Angelina hat gefragt, ob ich mich für dieses Drehbuch erwärmen könnte“, sagt Donnersmarck. Einerseits habe er wegen seines eigenen Projekts ja nicht gewollt, dann aber überwog das Andererseits. Und so kann Donnersmarck nun seinen ersten Hollywoodfilm vorlegen, „The Tourist“, das Remake eines französischen Liebesthrillers, in dem eine geheimnisvolle Schöne eine Zufallsbekanntschaft als Lockvogel benutzt, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu setzen. „Fluchtpunkt Nizza“ hieß das Original vor fünf Jahren, Donnersmarcks Hollywoodfilm heißt „The Tourist“ und spielt in Venedig.

Wegen dieses Films sitzt er jetzt in einem Hotel am Berliner Gendarmenmarkt, trägt ein weißes Hemd und einen legeren Anzug, die lockigen Haare wallen wild. Auch am Ende eines harten Interviewtages und kurz vor dem Abflug nach Paris legt er noch immer vollendete Umgangsformen an den Tag. „Wollen Sie auch etwas trinken?“, fragt er sofort, als ein Kellner einen schon länger georderten Milchkaffee vor ihm abstellt.

Erst danach antwortet er auf die Frage, die in Deutschland viele Cineasten umtreibt: Was hat Donnersmarck all die Jahre in Hollywood getrieben? Wieso hat es so lange bis zum zweiten Film gedauert?

„Ein ganzes Jahr lang bin ich ja noch mit meinem Oscar-Film um die Welt getourt“, sagt Donnersmarck. Französischer Filmpreis hier, britischer Filmpreis da. Da wollte er nicht unhöflich sein und durch Nichterscheinen auffallen, nur weil er den Hauptpreis in Hollywood schon abgeholt hatte.

Dann las er ein Jahr lang Drehbücher, die seine Agentur für ihn ausgewählt hatte. „So ungefähr 100.“ Gefallen hat ihm keines. „Rund 15 davon sind inzwischen tatsächlich verfilmt worden“, so Donnersmarck. „Bei keinem habe ich es bereut, verzichtet zu haben.“ Viele waren so, wie das heutige Hollywood ist: gespickt mit „Monstern, Mumien, Mutationen“. Er dagegen liebe „stil- und glanzvolle Filme“, für die das vergangene Hollywood stehe.

Hat er es in den drei Jahren mal bereut, Deutschland verlassen zu haben? „Nie“, sagt Donnersmarck. Die Antwort klingt, als wisse er gar nicht, was sein Gegenüber meint. In Hollywood könne er sich mit Regisseuren aus aller Welt austauschen, mehr lernen als irgendwo sonst. Aber auch wenn es schlecht gelaufen wäre: „Ohne ein Hollywoodprojekt wäre ich keinesfalls zurückgekommen“, sagt Donnersmarck. Zweifel an seiner Hollywood-Mission sind nicht herauszuhören.

„Ich kann mir auch vorstellen, in absehbarer Zukunft wieder mal in Deutschland zu drehen“, sagt Donnersmarck. Aber so weit ist es noch nicht. Erst einmal ist er mit seiner Frau und den drei Kindern in Hollywood angekommen. Das zeigt auch seine Suche nach dem passenden männlichen Hauptdarsteller an der Seite Jolies. Es sollte jemand sein, der es mit der Strahlkraft „der attraktivsten Schauspielerin Hollywoods“ würde aufnehmen können. Da fiel ihm nur der „coolste und witzigste Darsteller Hollywoods“ ein: Johnny Depp.

Für den Zuhörer im Berliner Hotel ist es schwer zu entscheiden, wer sich bei der ersten Begegnung von Regisseur und Hauptdarsteller von den Qualitäten des jeweils anderen überzeugen wollte. Donnersmarck bestand nach eigenen Worten darauf, Jolie und Depp zusammenzubringen, die beiden kannten sich nicht. „Ich wollte überprüfen, ob die Chemie zwischen ihnen stimmt.“ Und so kam es auf Wunsch eines jungen deutschen Regiedebütanten dazu, dass sich das Kinotraumpaar Hollywoods erst einmal probehalber traf – dann erst machte Donnersmarck seinem Star ein offizielles Angebot.

Der Druck, der beim Dreh auf Donnersmarck lastete, muss enorm gewesen sein. Eine Hollywoodproduktion dieser Dimension ist etwas anderes als ein deutsches Kinodebüt. „Da schauten schon immer wieder mal ein paar hochpanische Financiers vorbei“, sagt Donnersmarck. Aber es bringe ja nichts, sich unter Druck setzen zu lassen..

Am 16. Dezember ist es so weit: Dann startet „The Tourist“ in den deutschen Kinos. Schon zwei Tage zuvor werden Depp, Jolie und ihr Regisseur gemeinsam über den roten Premierenteppich in Berlin laufen. Wie immer dürfte der 2,05 Meter lange Filmemacher alle anderen überragen.

Danach will sich Donnersmarck so schnell wie möglich wieder seinem eigenen Kinoprojekt widmen. So viel mag er über den Inhalt schon verraten: „Es geht um ein paar ganz normale Menschen, deren Schicksal auf mysteriöse Weise miteinander verwoben ist und die plötzlich vor der Frage stehen, wofür sie bereit sind, ihr Leben herzugeben.“ Das hört sich nach einem Stoff von ähnlicher Dramatik wie „Das Leben der Anderen“ an.

Sollte den Regisseur nicht wieder der Anruf eines Hollywoodstars ereilen, werden wir dieses Mal wohl nicht so lange auf den Film warten müssen: Schon im nächsten Jahr will Donnersmarck drehen. Dann steht unser Mann in Hollywood auf, gibt jedem im Raum ausgesucht höflich die Hand und verschwindet zu seinem Flugzeug nach Paris.

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