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Kultur Dorfbewohner hoffen auf Lösung für „Fusion“-Festival
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Dorfbewohner hoffen auf Lösung für „Fusion“-Festival

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09:17 15.05.2019
Das Areal in Lärz für das alternative Musik- und Kulturfestival "Fusion" ist bei einem Rundflug zu sehen. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
Lärz

Sie könne nur Gutes über das „Fusion“-Festival sagen, bemerkt Claudia Steinemann. Sie führt den „Lindenkrug“ als einzige Gaststätte im Dorf Lärz südlich der Müritz. Der Ort in der Mecklenburgischen Seenplatte mit 500 Einwohnern ist durch den Streit um eine Polizeiwache auf dem Gelände des in der Szene bekannten alternativen Musik- und Kulturfestivals in die Schlagzeilen geraten.

Jedes Jahr Ende Juni (diesmal 26. bis 30.6.) strömen bis zu 70.000 Besucher auf das alte Flugplatzgelände, etwa 80 Kilometer nördlich von Berlin. Für die Gäste „vier Tage Ferienkommunismus“, wie es die Veranstalter nennen - und regelmäßig Lärm- und Verkehrsprobleme, wie Einheimische wissen.

Bei der „Fusion“ gibt’s nur vegetarisches Essen

Weil bei der „Fusion“ nur fleischloses Essen angeboten wird, kommen viele Besucher auch in den „Lindenkrug“: „Die Leute wollen immer Schnitzel mit Pommes“, erzählt Steinemann. Wie viele andere Lärzer versteht die 33-Jährige die Aufregung eigentlich nicht, die es um eine Polizeiwache oder „anlasslose Polizeistreifen“ auf dem Festgelände gibt. Nach ihrer Erfahrung kommt es auf Dorffesten, die sie manchmal veranstaltet, eher zu Schlägereien als bei der „Fusion“ mit Besuchern aus China, den USA und vielen anderen Ländern.  

Etwas anders sieht das der Lärzer Bürgermeister Hartmut Lehmann (CDU). „70.000 Besucher sind hier gern gesehen, aber die Gemeinde muss ein Höchstmaß an Sicherheit garantieren.“ Der 63-Jährige ist seit 20 Jahren Bürgermeister und kennt die „Fusion“ samt Verein Kulturkosmos bestens. Ob eine Polizeiwache und Streifen bei diesem Festival das richtige Mittel seien, um schlimme Ereignisse zu verhindern, wisse er nicht. „Eins ist aber klar: Ein kleiner Teil der Gäste sieht in der Polizei das absolute Feindbild.“ Diese Gäste kämen aus den entsprechenden Szenen in Berlin und Hamburg, weiß Lehmann.

Dorf Lärz kann gut mit „Fusion“-Festival leben

Der Schlosser Norbert Siewert wohnt dicht am Festivalgelände. „Ich kann die Polizei verstehen. Bei der Masse von Leuten gibt es keine Gewähr, dass es ruhig bleibt.“ Insgesamt könne das Dorf aber gut mit dem Festival leben. Sein Nachbar, Taxifahrer Wolfgang Heise, hat mehr Fahrgäste durch die „Fusion“. Sie sei friedlich und gehöre zum Dorf. Er befürchtet Probleme, wenn die Polizei auf dem Fest präsent ist. „Die haben mich auch vor dem Grundstück im Wagen kontrolliert und schikaniert.“ Manchen Beamten sei die Warterei wohl zuviel.

Dass es solche Probleme gab, weiß auch Bürgermeister Lehmann. „Das haben wir mal bei einer Zusammenkunft mit der Polizei angesprochen, danach ging das.“ Für Lehmann könnten die „Fusion“-Veranstalter mehr für die Gemeinschaft tun. Man habe nachgerechnet, dass der Umsatz beim Festival - wo eine Karte 145 Euro kostet - mit Standgebühren und anderen Einnahmen bei zwölf Millionen Euro liegen müsste. Gewerbesteuer zahle der Verein aber so gut wie nicht. „Sie machen ihre eigene Steuerpolitik“, moniert der Bürgermeister.

Dorf Lärz braucht dringend Hilfe – Bürgermeister: „Fusion“ könnte mehr für Gemeinschaft tun

Dabei bräuchte Lärz dringend Hilfe. Viele Leute arbeiteten in der DDR in der Rechliner Werft, die nach 1990 geschlossen wurde. Fast die Hälfte der Lärzer ging seitdem wegen fehlender Arbeitsmöglichkeiten weg. Jetzt gibt es einen Legehennenbetrieb, zwei Taxianbieter, den „Lindengarten“, einen Sportboothafen mit Bootsvermietung, einen Campingplatz, Hotel und Reiterhof. Aber das reiche nicht.

Anders als die Kommune haben eher Einkaufsmärkte, Tankstellen und Busunternehmen aus größeren Orten einen wirtschaftlichen Nutzen von dem Festival. Bürgermeister Lehmann hofft nun, dass es bald eine Lösung im Streit mit der Polizei gibt: Er hat das Bürgerzentrum im Dorf als Hauptsitz für die Polizei angeboten. Dann müssten Beamte, wenn etwas passiert, trotzdem schnellen und freien Zugang zum Gelände haben. „Das müsste doch zu regeln sein.“ Ähnlich äußerte sich Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). 

Von RND/dpa