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Kultur Mit den Kojoten heulen
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13:20 15.01.2015
Von Stefan Stosch
Reese Witherspoon als Cheryl Strayed in einer Szene des Kinofilms "Der große Trip - Wild". Quelle: Twentieth Century Fox
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Hannover

Es muss ja nicht immer der Jakobsweg sein. Wie wäre es mit dem Pacific Crest Trail, um mit sich selbst ins Reine zu kommen? Um nichts als die schmerzenden Beine zu spüren, den eigenen, keuchenden Atem zu hören und die grandiose Landschaft in sich aufzunehmen? Der Fernwanderweg führt im Westen der USA von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze. Das dürfte reichen, um den hintersten Winkel in seinem Innern zu entdecken – und unterwegs an Hitze, Kälte und auch an sich selbst zu verzweifeln. So lustig wie in Hape Kerkelings Pilgerbuch ist das Drama „Der große Trip – Wild“ jedenfalls nicht.

Regisseur Jean-Marc Vallée („Dallas Buyers Club“) steigt ein am „verdammten 38. Tag“. Das ist jener Tag, an dem Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) sich erst eigenhändig ihren blutigen Zehennagel rausreißt und dann wütend ihren zweiten Wanderschuh dem ersten, gerade verlorenen, hinterher in die Tiefe schleudert.

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Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nichts über die junge Frau. Aber dann kehren wir mit ihr zurück zum Anfang dieses Trips, als sie allein auf sich gestellt in der kalifornischen Mojave-Wüste aufbricht. Und während Cheryl noch wie ein Käfer auf dem Rücken strampelt, um ihren viel zu schweren Rucksack in Position zu bringen, liefert der Regisseur wie bei einem Puzzlespiel nach und nach Erinnerungsstücke aus Cheryls desolatem Leben.

Die eleganten  Rückblenden nehmen dabei allerdings zu viel Raum ein, sie gehen auf Kosten von Cheryls elementaren Erfahrungen auf ihrer dreimonatigen Tour. Da ist ihre Naivität im Umgang mit Zelt und Campingkocher, die Angst vor den Geräuschen der Nacht und dem Heulen der Kojoten, da ist die zischende Klapperschlange. Und da sind die unsympathischen Typen im Wald, die so wirken, als wollten sie die Wandererin sogleich vergewaltigen. Bald vermisst Cheryl nichts mehr als eine Limonade oder ein Klo mit Wasserspülung.

Immer wieder springt der Regisseur zurück und präsentiert Fetzen aus Cheryls Vergangenheit: Nach dem Krebstod ihrer geliebten Mutter (Laura Dern) hat sie sich in einen Rausch aus Heroin hineingesteigert und sich willenlos Männern hingegeben. Aus dieser Abwärtsspirale konnte es nur ein bitteres Erwachen geben.

Nun stellt sich die Frage: Wandert die junge Frau in ein neues, besseres Leben? Die echte Cheryl zog 1995 los, sie schrieb später ein Buch über ihre Erfahrungen. Der Schriftsteller Nick Hornby hat ein Drehbuch daraus geformt. Das Zitat der US-Dichterin Emily Dickinson (1830 – 1886) stellt eine Art Leitmotiv darin dar: „Wenn dein Mut sich dir verweigert, übertriff deinen Mut.“

Für Reese Witherspoon ist dies ein schauspielerischer Gewaltmarsch, für einen Hollywoodstar gibt sie ziemlich viel preis, wenn sie sich verwahrlost, zerkratzt und beinahe nackt zeigt. Gut möglich, dass sie zu ihrem zweiten Oscar unterwegs ist – den ersten hat sie für ihre Rolle in dem Musikerdrama „Walk the Line“ bekommen. Da hat sie live gesungen, nun wandert sie.

Der große Trip – Wild, Regie:
Jean-Marc Vallée, 115 Minuten, FSK 12
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