Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Drama über Massenmörder Breivik
Nachrichten Kultur Drama über Massenmörder Breivik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:31 08.03.2012
Der dänische Autor Christian Lollike. Seine Stück löst Diskussionen aus.Heinrichsen Quelle: Heinrichsen
Hannover

Anders Behring Breivik hat im vergangenen Juli in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen umgebracht. Vor Gericht hat er später erklärt, Kameras und Journalisten seien ihm willkommen. Gibt Ihr geplantes Stück ihm nicht genau die Aufmerksamkeit, die er will?

Er mag die Öffentlichkeit schätzen, aber ganz sicher nicht meine Performance.

Weshalb? Sie lassen in Ihrem Theaterstück "Manifest 2083" einen Schauspieler Passagen aus einem 1500-seitigen Pamphlet von Breivik verlesen, dieser repräsentiert also quasi diesen Massenmörder. Besteht da nicht die Gefahr, diesen zur Ikone zu machen?

Ich denke nicht. Das Stück besteht aus einem Monolog, der sich aus Breiviks Manifest bedient, um begreifbar zu machen, warum ein auf den ersten Blick recht normaler Norweger die Demokratie und ihre Werte aufgibt, sich isoliert und sein Massaker vorbereitet. Und ich will verstehen, wo diese Haltung zur Gesellschaft ihren Ursprung hat.

Die Angehörigen der Opfer protestieren gegen das Stück. Was muss geschehen, ehe sich die Kunst einer solchen Katastrophe annehmen kann?

Erst einmal sind nicht alle Angehörigen dagegen. Es gibt Überlebende, die es für notwendig halten, diese Tragödie zu analysieren. Aber es stimmt, es gibt eine Menge an Vorbehalten, auch von Politikern. Manche fürchten, wir würden Breivik eine Plattform geben. Andere sagen, es ist zu früh, es ist nicht genug Zeit verstrichen. Auf der anderen Seite, und das ist vielleicht das Wichtigste, sagen die Menschen, diese Bühnenstudie im öffentlichen Raum ist essenziell, um radikalen, rechtsgerichteten Populismus zu verstehen und Tragödien wie diese künftig zu verhindern.

Profitieren Sie nicht lediglich von der Sensationslust des Publikums?

Nein, ich bin nicht auf reine Unterhaltung aus, wie man es mir vorwirft. Ich will nicht von dieser Tragödie profitieren, sondern mein Ziel ist es, die Gesellschaft zu sezieren und hoffentlich fruchtbare Diskussionen anzuregen. Ich glaube nicht, dass die Menschen aus Sensationsgier ins Theater kommen werden.

Anders Behring Breivik wird in der Diskussion wahlweise als Verrückter, Verblendeter oder als eiskalter, berechnender Rassist beschrieben. Welcher dieser Aspekte interessiert Sie am meisten?

Ich denke nicht, dass Breivik in dem Sinne psychisch krank ist, wie sich das manche wünschen. Er ist ziemlich normal, und das ist das Gefährliche. Die schrecklichen Taten in Oslo und Utoya waren seine. Aber die kaum erträglichen Gedankengänge und die radikalen Ansichten, die dahinterstehen, sind nicht einzigartig - kein bisschen. Ich denke, es ist wichtig, Anders Behring Breiviks Verbindung zu anderen rechtsradikalen Gruppen zu sehen und zu verstehen, weshalb niemand dieses Blutbad kommen sah.

Könnte man sagen, dass die Kritik der Scheinheiligkeit im Zentrum Ihrer Theaterstücke steht?

Ja, das könnte man sagen. Und ich beschreibe die Verblendung, vor der wir alle nicht gefeit sind. Im Falle von Anders Behring Breivik wollen wir, dass er verrückt ist, sodass wir sagen können, dass er nicht einer von uns ist. Aber wenn wir sagen, dass er nicht normal ist, können wir ihm auch nicht die Strafe geben, die er verdient. Für Breivik wäre es die größte Strafe, für unzurechnungsfähig erklärt zu werden. Aber ich schere mich nicht darum, was er fürchtet. Für mich ist er nur einer von vielen. Der einzige Unterschied ist, dass Breivik gehandelt hat.

Interview: Nina May

Mehr zum Thema

Wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes muss sich Massenmörder Anders Behring Breivik ab Mitte April vor Gericht verantworten. Die Staatsanwälte erhoben am Mittwoch offiziell Anklage gegen den 33 Jahre alten Norweger, der für den Tod von 77 Menschen verantwortlich gemacht wird.

07.03.2012

Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik dürfte nach Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden.

03.03.2012

Die Ermordung von 77 Menschen hält er für notwendige „Notwehr“ gegen Zuwanderer: Der norwegische Massenmörder Anders Breivik hat einen Gerichtstermin für abstruse Rechtfertigungsversuche genutzt. Der Rechtsrdadikale ließ sich willig fotografieren und filmen.

06.02.2012
Kultur „Es wäre eine Katastrophe“ - EU fordert hohe Besteuerung für Kunst

Die Europäische Union fordert hohe Besteuerung für Kunst – deutsche Verbände und Galeristen laufen dagegen Sturm.

Johanna Di Blasi 07.03.2012
Kultur Ausstellung in Dresden - Leidenschaft? Ab ins Museum!

Von Wollust bis Angst: Das Hygiene-Museum Dresden inszeniert "Leidenschaften" in der Kulisse eines Einfamilienhauses.

07.03.2012

Der Reiz des schönen Scheins: Helsinki ist Designhauptstadt 2012, Gestaltung fängt an eine wichtige Rolle zu spielen - aber was haben die Menschen davon?

Martina Sulner 07.03.2012