Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Drei neue Bücher setzen sich mit Wikileaks auseinander
Nachrichten Kultur Drei neue Bücher setzen sich mit Wikileaks auseinander
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:16 21.02.2011
Von Martina Sulner
Mysteriös und ehrgeizig: Wikileaks-Gründer Julian Assange. Quelle: dpa

Wikileaks? Julian Assange! Nicht mehr die Online-Plattform, die mit ihren Enthüllungen ganze Staaten das Fürchten lehrte, sondern der ehrgeizige, mysteriöse Gründer dominiert die Schlagzeilen. Wegen Vergewaltigungsvorwürfen wird er verhört, seine Anhänger stricken um die Anklage herum wüste Verschwörungstheorien – das große Ziel von Wikileaks, ehedem geheime Aktivitäten von Regierungen an die Öffentlichkeit zu bringen, gerät da immer mehr in den Hintergrund. Gleich mehrere Bücher beschäftigen sich derzeit mit dem Mythos um Wikileaks und seinen Anführer.

Die Journalisten Kathrin Nord und Carsten Görig sind mit einer Biografie vertreten: „Julian Assange – Der Mann, der die Welt verändert“. Es ist zunächst nicht ganz klar, ob der Titel der Haltung der Autoren entspricht oder nur dem Selbstverständnis des australischen Hackers. In den ersten Kapiteln ist durchaus Bewunderung für Assange spürbar. Nord und Görig, beide Experten für Neue Medien, spüren akribisch den Anfängen von Wikileaks nach.

Sie tragen alles zusammen, was über Assanges Kindheit und Jugend greifbar ist und durchforsten die Geschichte australischer Hackergruppen, die eng mit dem Namen des Wikileaks-Gründers verknüpft ist. Schnell wird klar: Assange ist ein Getriebener. Er reizt die Möglichkeiten des Internets früher aus als viele andere Hacker, gerät dabei mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt. Transparenz steht für ihn über allem. Information soll allen gehören, Unternehmen und erst recht Regierungen haben nach seinem Verständnis kein Recht auf Geheimnisse.

Die Autoren legen ausführlich dar, dass auch Assange seine Geheimnisse hat. So wird etwa John Young zitiert, der mit „Cryptome“ ebenfalls eine sogenannte Whistleblowing-Webseite betreibt und Assange vorwirft, die Finanzierung von Wikileaks nicht offen darzulegen. Görig und Nord legen noch andere Ungereimtheiten vor, nicht alles scheint überprüfbar, manches beruht wiederum auf Gerüchten und Verschwörungstheorien. Daraus machen die Autoren aber keinen Hehl. Die Stimmung im Buch schlägt deutlich um: Der einstige Hoffnungsträger einer ethisch motivierten Hackerszene wird zum egomanischen Besserwisser mit Verfolgungswahn abgestempelt.

Ähnlich lässt sich Daniel Domscheit-Bergs „Inside Wikileaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ an. Domscheit-Berg war ein Weggefährte Assanges, war der deutsche Sprecher von Wikileaks und einer der wichtigsten Softwareingenieure des Netzwerks. Im September vergangenen Jahres, noch vor der Veröffentlichung der US-amerikanischen Botschaftsdepeschen, trennte er sich im Streit von Wikileaks.

Sein Buch ist dennoch mehr als eine zynische Abrechnung mit Assange – wie erwartet kritisiert der deutsche Softwareentwickler den autoritären Führungsstil bei Wikileaks, macht ihm schwer überprüfbare Vorwürfe, aber er würdigt auch die Verdienste der Enthüllungsplattform und ihres Gründers. Spannend zu lesen, wie bei Görig und Nord, sind die Episoden rund um die eigentlichen „Scoops“, die spektakulären Enthüllungen: vom Einblick in das korrupte Staatswesen Kenias über die Protokolle des Irak-Kriegs bis zu den Notizen amerikanischer Botschaftsangehöriger, deren Veröffentlichung den diplomatischen Diskurs mittelfristig schwer gestört haben dürfte.

An diesem letzten großen Scoop, bevor sich die Wikileaks-Organisation immer mehr selbst zerfleischte, waren auch die großen Zeitungen „The New York Times“, „The Guardian“, „El País“ und „Le Monde“ beteiligt sowie das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Sie erhielten Protokolle vorab, halfen bei der Auswertung und veröffentlichten die Ergebnisse prominent. Auch die beteiligten Journalisten zeigen sich kritisch, ja, enttäuscht, was die Zusammenarbeit mit Assange angeht. Autoren des „Guardian“ („WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“) und des „Spiegel“ („Staatsfeind WikiLeaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert“) legen ebenfalls Bücher vor und beschreiben darin nicht unbedingt freundlich die schwierige Kollaboration mit Wikileaks, das Görig und Nord einmal in ihrem Buch als „One-Man-Show“ bezeichnen.

Die „Spiegel“-Autoren Marcel Rosenbach und Holger Stark bemühen sich um größtmögliche Objektivität: Zwar kooperieren sie seit Jahren mit Wikileaks, waren aber nie selbst Teil der Organisation. Wie ihre Kollegen vom „Guardian“ belassen sie es nicht bei der bloßen Aneinanderreihung von Fakten und Ereignissen. Durch beide Bücher zieht sich wie ein roter Faden die Frage: Wie weit darf Wikileaks gehen? Muss ein Staat nicht vielleicht doch Geheimnisse haben? Glaubwürdig moralisch-ethische Grenzen zu ziehen, fällt den Autoren, die mit ihren Medien schließlich Wikileaks bei der Veröffentlichung von Geheimnissen geholfen haben, allerdings etwas schwer.

Fehlt im bunten Reigen der Enthüllungen über die Enthüllungsplattform nur eins: die Sicht des Enthüllers selbst. Assange hat seine Autobiografie für April angekündigt. Wenn das dann noch jemanden interessiert.

Carsten Görig und Kathrin Nord: „Julian Assange – Der Mann, der die Welt verändert“. Scorpio. 176 Seiten, 9,95 Euro.

Daniel Domscheit-Berg mit Tina Klopp: „Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“. Econ. 304 Seiten, 18 Euro.

Marcel Rosenbach und Holger Stark: „Staatsfeind WikiLeaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert“. Spiegel Buchverlag. 334 Seiten, 14,99 Euro.

Am 28. Februar um 20 Uhr ist Holger Stark zu Gast im Literarischen Salon Hannover.

Uwe Kreuzer

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Der US-Konzern Apple hat die WikiLeaks-App kurzerhand aus seinem Online-Verkaufsladen verbannt. Gründe für die Aussortierung nannte das Unternehmen nicht.

Dirk Schmaler 21.12.2010

Die schwedischen Justizbehörden haben gegen den Gründer des Internetportals Wikileaks, Julian Assange, Haftbefehl wegen Verdachts auf zwei Vergewaltigungen ausgestellt. Assange wies die Beschuldigung als „haltlos“ zurück.

21.08.2010

Erst sperrt Amazon die umstrittene Enthüllungsplattform Wikileaks aus, dann löscht eine weitere US-Firma die Internet-Adresse wikileaks.org. Für den Netzaktivisten John Perry Barlow ist der erste „Info-War“ ausgebrochen.

03.12.2010

Die Ausstellung "In den deutschen Reihenhäusern - Familienleben in der Stadt" im Hamburger Völkerkundemuseum wirft einen Blick hinter die Mauern auf das alltägliche, städtische Leben in Reihenhäusern. Der Porträtfotograf Albrecht Fuchs besuchte 50 Familien.

Martina Sulner 19.02.2011

Die Niedersächsischen Musiktage bekommen eine neue Leitung: Katrin Zagrosek wird im kommenden Jahr die Intendanz des Festivals von Markus Fein übernehmen, der zu den Berliner Philharmonikern wechselt.

Stefan Arndt 18.02.2011
Kultur „Das wär dein Lied gewesen“ - Ina Müller singt nicht Gesagtes auf neuem Album

Briefe, SMS und E-Mails waren gestern: Auf ihrem neuen Album „Das wär dein Lied gewesen“ hat Ina Müller 13 Lieder an Menschen adressiert, denen sie noch was sagen wollte.

Uwe Janssen 23.02.2011